Prisma

Neue Nervenfasern heben die Stimmung

Die Wirkung einiger Antidepressiva beruht vielleicht nur indirekt auf der Beeinflussung der Gehirnchemie. Zu diesem Ergebnis sind amerikanische Wissenschaftler in Versuchen mit Ratten gekommen. Indem die Wirkstoffe die Konzentration an Serotonin beeinflussen, steigern sie in einigen Gehirnregionen die Zahl feiner Nervenausläufer.

"Es scheint, als bewirkten Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eine Neuverdrahtung jener Teile des Gehirns, die am Denken und Fühlen und an der Kontrolle des autonomen Nervensystems beteiligt sind", erklärt Vassilis Koliatsos von der Johns Hopkins Universität. Dieser Befund liefere auch eine Erklärung dafür, dass die Wirkung dieser Antidepressiva erst mit einigen Wochen Verzögerung einsetze. Dem Neurotransmitter Serotonin wird eine wichtige Rolle bei Depressionen zugeschrieben. Vier Wochen lang verabreichten Koliatsos und Kollegen Ratten verschiedene Wirkstoffe, die die Konzentration dieses Botenstoffs an der Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen verändern. Hatten die Tiere den Wirkstoff Fluoxetin erhalten, wiesen sie in einigen Bereichen der Stirn- und Scheitellappen und im limbischen System eine erhöhte Dichte von mit Serotonin arbeitenden Axonen auf. Nach Gabe von Tianeptin oder Desipramin zeigte sich kein derartiger Effekt, berichtet die Gruppe im "Journal of Neurochemistry". Fluoxetin hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin nach der Ausschüttung und soll so die Wirkdauer des Neurotransmitters erhöhen.

Dieser Effekt lasse sich schon wenige Stunden nach der erstmaligen Einnahme feststellen, erklärt Koliatsis. Bis bei Depressiven eine merkliche Besserung der Symptome eintrete, dauere es jedoch zwei bis vier Wochen. "Diese Diskrepanz zwischen einfachen pharmakologischen Effekten und klinischer Beobachtung könnte sich dadurch erklären, dass die Axone einige Zeit zum Wachsen brauchen", so der Forscher. Auf welche Weise das Wachstum der Nervenfasern angeregt wird und ob Ähnliches auch für Menschen gilt, ist aber noch unklar. ral

Quelle: J. Neurochem., 96 (2), 396 – 406 (2006).

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