Wirkstoff-Lexikon

SSRI

15.04.2020, 07:00 Uhr

Citalopram

Citalopram


Die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI (= Selective Serotonin Reuptake Inhibitors), sind eine Wirkstoffgruppe der Antidepressiva. Unter Antidepressiva versteht man Wirkstoffe, die depressive Symptome zu bessern vermögen. Sie wirken substanzabhängig in unterschiedlichem Ausmaß depressionslösend, stimmungsaufhellend sowie psychomotorisch aktivierend oder dämpfend. 

Zu der Gruppe der SSRI, der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors), gehören Citalopram, dessen S-Enantiomer Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin sowie Vortioxetin. Mit 290 Millionen DDD (definierte Tagesdosis) war Citalopram 2016 das am häufigsten verordnete Psychopharmakon in Deutschland.

Historie

Die Substanz Zimelidin (Handelsnamen: Normud®, Zelmid®) war der erste SSRI, der auf den Markt kam. Er wurde nach 18 Monaten 1983 wieder vom Markt genommen, weil er zu immuntoxischen Schäden („Zimelidin-Syndrom“) und Fällen von Guillain-Barré-Syndrom geführt hatte. Citalopram wurde 1989 von dem dänischen Pharma-Unternehmen Lundbeck entwickelt und patentiert. Citalopram ist ein racemisches Gemisch der bei der Synthese entstehenden Enantiomere. Das Eutomer ist Escitalopram, welches ebenfalls als SSRI verwendet wird.

Wirkmechanismus

Die meisten Antidepressiva hemmen die Wiederaufnahme (Reuptake) von Serotonin und/oder Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt ins Axoplasma, wobei die Wiederaufnahme bei den einzelnen Substanzen verschieden stark ausgeprägt ist.

Die antidepressive Wirkung von Citalopram beruht auf einer selektiven Hemmung der Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin in das präsynaptische Neuron. Dadurch erhöht sich die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt, was dessen Wirkung steigert. Die Blockade der Serotonin-Wiederaufnahme wird durch Wechselwirkung von Citalopram mit dem Serotonin-Transportprotein (SERT) erreicht und erfolgt stereoselektiv.

Anwendung und Dosierung

Citalopram ist zugelassen für die Behandlung von Episoden einer Major Depression, also einer schweren depressiven Episode, außerdem für die Behandlung von Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie (Angst vor der Außenwelt).

Zu Beginn der Behandlung einer Depression soll Citalopram einschleichend dosiert werden. Bei Panikstörungen wird normalerweise mit einer Dosis von 10 mg pro Tag begonnen und diese langsam über mehrere Wochen gesteigert. Bei Depressionen werden von Beginn an 20 mg pro Tag eingenommen.

Der Wirkstoff ist auch in Tropfenform erhältlich, so dass die Dosis in sehr kleinen Schritten (zum Beispiel 1 Tropfen pro Tag) erhöht werden kann. Eine Dosierung von 40 mg pro Tag sollte bei keiner Indikation überschritten werden.

Eine antidepressive Wirkung ist nicht vor Ablauf von mindestens zwei Wochen nach Behandlungsbeginn zu erwarten. Die Behandlung sollte weitergeführt werden, bis der Patient vier bis sechs Monate beschwerdefrei ist, um einen ausreichenden Schutz vor einem möglichen Rückfall zu gewährleisten.

Im Gegensatz zu den bei neuropathischen Schmerzen gut wirksamen selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) Duloxetin und Venlafaxin sind die SSRI vom Typ Fluoxetin oder Citalopram in dieser Indikation nicht oder nur unzureichend effektiv.

Pharmakokinetik

Citalopram wird fast vollständig und unabhängig von der Nahrungsaufnahme resorbiert. Die orale Bioverfügbarkeit beträgt ca. 80 Prozent. Die Kinetik ist linear. Steady-State-Konzentrationen im Plasma werden nach ein bis zwei Wochen erreicht.

Citalopram wird über die Leber metabolisiert. Die Biotransformation von Citalopram zu Demethylcitalopram wird über die Isoenzyme CYP2C19 (circa 38 Prozent), CYP3A4 (circa 31 Prozent) und CYP2D6 (circa 31 Prozent) vermittelt. Desmethylcitalopram ist der Hauptmetabolit, welcher durch CYP2D6 zu Didemethylcitalopram demethyliert wird. Die systemische Clearance von Citalopram nimmt mit dem Alter aufgrund einer Abnahme der Stoffwechselaktivität ab. Bei gesunden älteren Personen erhöht sich die Eliminationshalbwertszeit im Schnitt um 30 Prozent verglichen mit einer jungen Population. Die Halbwertszeit von Citalopram beträgt etwa 35 Stunden.

Polymorphismus

Bei Menschen mit verminderter Aktivität des Isoenzyms CYP2C19 sind die Plasmakonzentrationen von Citalopram doppelt so hoch. Bei bekannten langsamen CYP2C19-Metabolisierern sollte deshalb als Vorsichtsmaßnahme eine Anfangsdosis von 10 mg eingesetzt werden.

Nebenwirkungen (Auszug)

Meist treten Nebenwirkungen bereits kurz nach der Einnahme auf, während die stimmungsaufhellende Wirkung ein bis zwei Wochen auf sich warten lässt.

Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen:

  • Schläfrigkeit
  • Schlaflosigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Tremor
  • Nervosität
  • Agitiertheit
  • Mundtrockenheit
  • Übelkeit
  • Obstipation
  • Palpitationen
  • vermehrtes Schwitzen
  • Asthenie

Falls Patienten unter Müdigkeit bei Einnahme von Citalopram leiden, sollte der Wirkstoff eher abends statt morgens eingenommen werden.

Mögliche Wechselwirkungen (Auswahl)

SSRI und Thrombozytenaggregationshemmer (zum Beispiel Acetylsalicylsäure, Clopidogrel), aber auch NSAR (zum Beispiel Diclofenac, Ibuprofen) erhöhen das Risiko gastrointestinaler Blutungen. Daher ist von einer gleichzeitigen Einnahme abzuraten.

Eine gleichzeitige Einnahme mit Omeprazol kann die Plasmaspiegel von Citalopram erhöhen und so zu verstärkten Nebenwirkungen führen. Bei gleichzeitiger Anwendung kann eine Reduktion der Dosis von Citalopram erforderlich sein.

SSRI können die Krampfschwelle herabsetzen. Bei gleichzeitiger Anwendung von Arzneimitteln, die ebenfalls die Krampfschwelle herabsetzen können, wie Neuroleptika (Phenothiazin, Thioxanthene und Butyrophenone), Melfloquin, Bupropion und Tramadol, sollten eventuelle Reaktionen des Patienten beobachtet werden.

Wenn Citalopram zusammen mit Arzneimitteln gegeben wird, die hauptsächlich durch CYP2D6 verstoffwechselt werden und die eine geringe therapeutische Breite haben, wie zum Beispiel Flecainid, Propafenon und Metoprolol (wenn bei Herzinsuffizienz eingesetzt) oder bestimmte ZNS-wirksame Arzneimittel, die hauptsächlich über CYP2D6 verstoffwechselt werden, zum Beispiel Antidepressiva wie Desipramin, Clomipramin und Nortriptylin oder Neuroleptika wie Risperidon, Thioridazin und Haloperidol, kann eine Dosisanpassung notwendig sein.

Kontraindikationen

Die gleichzeitige Anwendung von Citalopram und MAO-Hemmern, wie zum Beispiel Moclobemid, Tranylcypromin, Selegilin, Rasagilin, kann zu schweren Nebenwirkungen einschließlich des Serotonin-Syndroms führen. Symptome dieses Syndroms sind Verwirrtheit, Unruhe, Fieber, Schwitzen, Ataxie, Hyperreflexie, Myoklonus und Diarrhö. Aufgrund von Berichten über Anwendungsbeobachtungen von schweren, gelegentlich tödlichen Nebenwirkungen bei Patienten, die SSRI zusammen mit einem MAO-Hemmer eingenommen haben, stellt diese Kombination eine Kontraindikation dar.

Die Gabe von Citalopram zusammen mit Arzneimitteln, die das QT-Intervall verlängern, wie zum Beispiel Antiarrhythmika der Klasse IA und III, Antipsychotika (zum Beispiel Phenothiazin-Derivate, Pimozid, Haloperidol), trizyklische Antidepressiva, bestimmte antimikrobielle Wirkstoffe (zum Beispiel Moxifloxacin, Erythromycin), Antimalaria-Mittel, insbesondere Halofantrin, und einige Antihistaminika (Astemizol, Mizolastin, ...), ist kontraindiziert.

Schwangerschaft und Stillzeit

Citalopram sollte während der Schwangerschaft nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Beurteilung angewendet werden und wenn dies unbedingt erforderlich ist. Laut Embryotox sollte eine stabil eingestellte Patientin ihre Medikation unverändert fortsetzen, um keine für Mutter und Kind bedrohlichen Krisen zu provozieren.

Auch wenn Citalopram nur in geringen Mengen in die Muttermilch übergeht und der gestillte Säugling schätzungsweise etwa 5 Prozent der gewichtsbezogenen maternalen Tagesdosis (in mg/kg) erhält, sollte bei unbedingt notwendiger Behandlung mit Citalopram abgestillt werden.

 

Quellen


Lars Peter Frohn, Apotheker, Autor DAZ.online
radaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Wirkstoff-Lexikon

Venlafaxin

Bei welchen Arzneistoffen tatsächlich Beratungsbedarf besteht

(Fehl-)Alarm Serotonin-Syndrom

Chancen und Probleme der Wirkstoffauswahl bei Depressionen

Therapieresistenz überwinden

Lieferengpass bei Venlafaxin (Teil 2 von 3)

Warum Venlafaxin nicht einfach zu ersetzen ist

Pharmakologischer Ansatz am serotonergen System

Depressionen mit SSRI behandeln

Beratungswissen zu Wirkungen, Nebenwirkungen und Interaktionen

Amitriptylin und tricyclische Antidepressiva

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.