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Phytotherapie: Landwirte wollen chinesische Heilpflanzen anbauen

Die Nachfrage der Patienten nach Phytopharmaka der traditionellen chinesischen Medizin nimmt deutlich zu. Auf Anregung von Ärzten, die chinesische Heilpflanzen therapeutisch anwenden, erforscht die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft daher seit längerer Zeit den Anbau solcher Pflanzen in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen, dass hier ein erfolgreicher Anbau ausgewählter chinesischer Heilpflanzen möglich ist. Der Anbau unter kontrollierten und dokumentierten Bedingungen mit definiertem Pflanzenmaterial würde aus pharmazeutischer Sicht viele Vorteile bieten.

Qualitäts- und Beschaffungsprobleme

Pflanzliche Drogen spielen in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eine sehr wichtige Rolle. Mittlerweile ist die traditionelle chinesische Phytotherapie fester Therapiebaustein speziell ausgebildeter deutscher Ärzte geworden. Der Import der Drogen vieler bei uns weitgehend unbekannter Pflanzen aus Asien bereitet aber teilweise Qualitäts- und Beschaffungsprobleme, vor allem im Hinblick auf eine gut dokumentierte "Entstehungsgeschichte", wie sie heute etwa bei Baldrian-, Pfefferminz- oder Kamillendroge selbstverständlich ist.

Der Untersuchungsaufwand für die Überprüfung der pharmazeutischen Qualität ist deshalb sehr groß. Sowohl die Kommission Deutscher Arzneimittel-Codex (DAC) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als auch verschiedene TCM-Ärzte-Gesellschaften wie die DECA (Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial in der Chinesischen Arzneitherapie) oder die SMS (Societas Medicinae Sinensis/Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin e.V.) sind sich der Problematik von Verwechslungen und Verunreinigungen und der daraus resultierenden eventuellen Gefährdung bewusst. Die DECA als eine Gesellschaft von Ärzten, die die chinesischen Heilpflanzen anwenden und dokumentieren, hatte daher ein Forschungsprojekt zum Anbau solcher Pflanzen in Deutschland angeregt (s. [1]).

Auf der anderen Seite nimmt die Nachfrage der Patienten nach dieser Therapierichtung deutlich zu, und auch die in Bearbeitung befindliche Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/83/EG im Hinblick auf traditionelle pflanzliche Arzneimittel dürfte künftig für eine größere Marktbedeutung chinesischer Heilpflanzen sorgen.

Vierjährige Anbauversuche

Ein erfolgreicher heimischer Anbau ausgewählter chinesischer Heilpflanzen unter kontrollierten und dokumentierten Bedingungen mit definiertem Pflanzenmaterial würde aus pharmazeutischer Sicht folgende Vorteile bieten:

  • Produktion von Heilpflanzen mit gesicherter Qualität,
  • sicherere Versorgung der Patienten mit Heilpflanzen definierter Herkunft.

Aufgrund der geschilderten Situation wurde nach einjährigen Vorversuchen unter finanzieller Förderung des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums 1999 an der Bayerischen Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau (LBP) in Freising-Weihenstephan (seit 2003 Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft – LfL) ein Projekt zur Inkulturnahme von 16 chinesischen Heilpflanzen (ausgewählt nach den Gesichtspunkten Schwierigkeit bei der Beschaffung, zu erzielender Drogenpreis, Bedarfsmenge) in Angriff genommen. Nach der Beschaffung sehr vieler verschiedener Saatgut-Herkünfte konnten bei den meisten der untersuchten Arten zumindest einzelne im botanischen Sinne und bezüglich des Inhaltsstoffmusters "richtige" Herkünfte selektioniert werden. Für die meisten Arten wurden geeignete Anbau- und Ernteverfahren entwickelt, wobei auch die Keimungsprobleme weitgehend gelöst werden konnten.

Kooperation mit Saatzüchtern

Zur Vorbereitung eines späteren Praxisanbaus wurde bereits Pflanzgut von insgesamt 22 Herkünften verschiedener Arten an die "Gemeinschaft der Züchter und Vermehrer von Heil- und Gewürzpflanzen in Bayern" zur Saatgutproduktion abgegeben. Damit ist gewährleistet, dass das von der LBP (LfL) evaluierte Pflanzenmaterial Eingang in die Praxis finden kann.

Die bisher vorliegenden Ergebnisse der Inhaltsstoffanalysen durch Prof. Dr. Rudolf Bauer, Universität Graz, und Beurteilungen durch Importfirmen beweisen, dass mit wenigen Ausnahmen gute Qualitäten unter den hiesigen Bedingungen erreicht werden können. Bei den hier kurz angerissenen Untersuchungen handelt es sich um ein grundlegendes, in Europa bisher einmaliges und beispielhaftes interdisziplinäres Forschungsprojekt, in das systematisch alle Bereiche von der botanischen Identifizierung der verschiedenen Saatgutherkünfte über die Kulturführung und Inhaltsstoffanalytik bis zur sensorischen Beurteilung der Drogenmuster einbezogen sind.

Schon bald Pilot-Praxisanbau

Sowohl das BfArM als auch die DAC-Kommission messen dem kontrollierten Anbau nach allgemein anerkannten Produktionsregeln mit definiertem Pflanzenmaterial große Bedeutung für die Arzneimittelsicherheit bei.

Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen und Erfolge könnte ab dem Jahr 2004 oder 2005 ein erster Pilot-Praxisanbau mit ausgewählten Arten ins Auge gefasst werden. Wegen der relativ guten Ergebnisse im Anbau, der Qualitätsbeurteilungen und auch der voraussichtlich dann bereits zur Verfügung stehenden ausreichenden Saatgut-Mengen kommen dafür folgende Arten in Frage:

  • Angelica dahurica, Salvia miltiorrhiza, Saposhnikovia (Ledebouriella) divaricata, Scutellaria baicalensis (Wurzeldrogen).
  • Leonurus sibiricus (= L. heterophyllus = L. japonicus), Artemisia scoparia, Prunella vulgaris (blühende Kurztriebe ähnlich wie bei Hypericum) und eventuell Siegesbeckia pubescens (Krautdrogen).

Deutliches Interesse am Anbau solcher Arten wurde inzwischen auch von verschiedenen bayerischen Betrieben bekundet, die bereits seit langer Zeit europäische Heil- und Gewürzpflanzen anbauen und trocknen. Es fehlt nur noch an Unternehmern, die bereit sind, die im praxisnahen Versuchsanbau produzierten Drogen zu angemessenen Preisen abzunehmen. Dabei würde es sich um Mengen im Dezitonnenbereich handeln.

Eine große Chance für die Hersteller

Als Institution, die angewandte Forschung betreibt, hat die LfL großes Interesse daran, dass ihre mit öffentlichen Mitteln bezahlten Untersuchungen auch tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden können. Allen Beteiligten muss aber von vornherein klar sein, dass es sich hierbei um einen erstmaligen Pilot-Praxisanbau handelt, bei dem vieles vom guten Willen der Vertragspartner abhängt!

Hinsichtlich der Aufbereitung ist zu erwähnen, dass in dem ersten Praxisstadium sicherlich nur die Trocknung und Aufbereitung wie etwa Baldrian- oder Pfefferminzdroge erfolgen kann. Dämpfen, Rösten, Einlegen in Wein oder Räuchern bzw. feiner Scheibenschnitt, wie sie gegenwärtig bei chinesischer Importdroge gehandhabt werden, sind sicherlich nicht durchführbar. Es würde sich also im Anfangsstadium nur um grob geschnittene Rohdroge handeln. Dabei ist aber vorstellbar, dass bei Bedarf auch ein bayerisches Lohnunternehmen eingeschaltet werden könnte.

Trotz der genannten Schwierigkeiten bietet sich den Phyto- pharmakaherstellern die große Chance, die eine oder andere chinesische Heilpflanzenart unter kontrollierten und dokumentierten Bedingungen mit definiertem Pflanzenmaterial in Bayern anbauen zu lassen!

Die LfL ist gerne bereit, koordinierend und beratend einen solchen Vertragsanbau mit erfahrenen Praktikern zu begleiten und eine Besprechung mit interessierten Abnehmern und Landwirten an der Landesanstalt zu arrangieren.

Selbstverständlich steht und fällt der Anbau mit den Preisen für die Droge. Gerade die Anfangsphase erfordert sehr viel Engagement und Aufwand seitens der Landwirte; die Abnehmer müssten dafür adäquate Preise zahlen, die sich jeweils nach den Gegebenheiten der betreffenden Art richten.

Literatur [1] Bomme, U.: Anbauversuche mit chinesischen Heilpflanzen. Dtsch. Apoth. Ztg. 141 (2001), 4279-4288. [2] Bomme, U.: Inkulturnahme und Etablierung ausgewählter chinesischer Heilpflanzen – erste Ergebnisse aus Anbauversuchen (2003). Internet www.lfl.bayern.de, "Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung", "Heil- und Gewürzpflanzen".

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