Nutzenbewertung des IQWiG

Neugeborenen-Screening auf Vitamin-B12-Mangel bringt Vorteile

Berlin - 13.03.2024, 09:15 Uhr

Ein kleiner Piks, der viel bringt: Beim Neugeborenen-Screening wird auf diverse Erkrankungen getestet, um möglichst früh therapieren zu können. (Foto: Valmedia/AdobeStock)

Ein kleiner Piks, der viel bringt: Beim Neugeborenen-Screening wird auf diverse Erkrankungen getestet, um möglichst früh therapieren zu können. (Foto: Valmedia/AdobeStock)


Bei Neugeborenen-Screening wird anhand weniger Blutstropfen überprüft, ob bestimmte Erkrankungen beim Kind vorliegen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat nun analysiert, ob ein Screening auf Vitamin-B12-Mangel in das erweiterte Neugeborenen-Screening aufgenommen werden sollte. Das IQWIG sieht Vorteile. Welche genetischen Erkrankungen können dadurch festgestellt werden?

Vitamin B12 ist als Cofaktor von Enzymen unter anderem für den Proteinstoffwechsel unerlässlich. Kann eine Schwangere nicht genügend Cobalamin aufnehmen, schadet das dem Kind. Bei sehr seltenen Stoffwechselerkrankungen werden diese Enzyme, die beim Abbau von Eiweißen beteiligt sind, aufgrund von Mutationen nicht ausreichend exprimiert. Bei Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie ist das der Fall. Alle vier Erkrankungen (Vitamin-B12-Mangel, Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie) können die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern gefährden und zu Hirnschäden, Krampfanfällen, Koma sowie Schäden an Augen, Nieren und Blutgefäßen führen. Manchmal ist auch das Leben der Kinder bedroht, wie das IQWiG in einer Pressemitteilung ausführt.

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Ein Vitamin-B12-Mangel und die genannten Erkrankungen können durch eine Analyse bestimmt werden, bei der Blut auf Filterpapier getropft wird. Beim erweiterten Neugeborenen-Screening, das in Deutschland gemäß der Kinder-Richtlinie des G-BA bereits durchgeführt wird, wird in der 
36. bis 72. Lebensstunde Venen- oder Fersenblut gewonnen und auf bestimmte Krankheitsbilder untersucht. Ein Vitamin-B12-Mangel bzw. die genannten Krankheiten gehören bisher nicht zum Screening.

Welche Krankheiten werden beim Neugeborenen-Screening bisher erfasst?

Laut der S2k-Leitlinie zum Neugeborenen-Screening werden dabei folgende Erkrankungen abgedeckt:

  • Adrenogenitales Syndrom (AGS),
  • Ahornsirupkrankheit (MSUD),
  • Biotinidasemangel,
  • Carnitinzyklusdefekte,
  • Fettsäurestoffwechseldefekte (MCAD-Mangel, LCHAD-Mangel, VLCAD-Mangel),
  • Galaktosämie und Glutaracidurie Typ I,
  • Hyperphenylalaninämie (HPA),
  • Hypothyreose,
  • Isovalerianacidämie,
  • Phenylketonurie (PKU),
  • schwere kombinierte Immundefekte (Severe combined Immunodeficiency, SCID),
  • Sichelzellkrankheit,
  • spinale Muskelatrophie (SMA) und
  • Tyrosinämie Typ I (Krankheiten nachfolgend beschrieben)

Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie betreffen jeweils nur etwa 1 von 100.000 bis 500.000 Neugeborenen, wie das IQWiG informiert. Der mütterlich bedingte Vitamin-B12-Mangel ist dagegen mit einer Inzidenz von weniger als 1 von 5000 Kindern häufiger. Schwere Fälle sind jedoch sehr selten. Eine vegane oder streng vegetarische Ernährung während der Schwangerschaft gelten als Risikofaktoren für einen Mangel, da Cobalamin nur in tierischen Produkten vorkommt.

Trotz mangelhafter Datenlage: Vorteile überwiegen

Das IQWiG hat drei Studien, die ein Screening mit keinem Screening verglichen, sowie 13 Studien, die eine früh beginnende Behandlung im Vergleich zu einer spät beginnenden Behandlung bei betroffenen Kindern untersuchten, analysiert.

Die drei Studien, die die Effekte des Screenings untersuchten, lieferten kaum aussagekräftige Daten, wie das IQWiG schreibt. Nur sehr wenige Kinder waren von einer der drei Zielerkrankungen betroffen (nur knapp 20 Kinder von mehreren Hunderttausend). 

Auch die 13 Studien, in denen eine frühe mit einer späten Behandlung verglichen wurde, wiesen erhebliche Mängel auf. Die früh und die spät behandelten Kinder unterschieden sich stark in relevanten Merkmalen wie Alter, Nachbeobachtungsdauer, Patientenauswahl und der Erkrankungsschwere.

Trotz der mangelhaften Studienlage sieht das IQWiG für den erworbenen Vitamin-B12-Mangel, nicht aber für die Zielerkrankungen, einen Anhaltspunkt für einen Nutzen der Früherkennung. Mit berücksichtigt hat das IQWiG bei der Bewertung Ergebnisse aus einem großen Pilotprojekt in Heidelberg sowie einer deutschlandweiten Erfassung seltener Erkrankungen („Erhebungseinheit für Seltene Pädiatrische Erkrankungen in Deutschland“, ESPED). Letztlich sei auch ohne Studienlage klar, dass eine früh- und rechtzeitige Gabe von Vitamin B12 mögliche irreversible Schäden eines erworbenen Vitamin-B12-Mangels bei Neugeborenen verhindern kann. Ein früher Therapiebeginn sei vorteilhaft, da die Säuglinge zum Screeningzeitpunkt meistens noch symptomfrei seien.

Nachteile: Psychischer Stress und Überdosierung 

Als negative Aspekte des Screenings werden drei Punkte genannt: die Sorge der Eltern bis zur finalen Diagnose (auch bei Fehlalarm) und eine mögliche kurzzeitige Übertherapie durch die Supplementation mit Vitamin B12. Für ein relevantes Schadenspotenzial einer Überdosierung gibt es jedoch keine Anhaltspunkte, schreibt das IQWiG. Drittens kann es in sehr seltenen Fällen passieren, dass sehr milde Krankheitsvarianten detektiert werden, die auch ohne Therapie symptomfrei geblieben wären.


In der Abwägung stehen sich hier im Wesentlichen ein im seltenen Einzelfall erheblicher Nutzen (Vermeidung der irreversiblen Schäden eines erworbenen Vitamin-B12-Mangels) und ein sehr geringer Schaden (psychische Belastung und Vitamin-B12-Gabe bei falsch-positivem Befund) gegenüber. Hier überwiegen laut abschließender Beurteilung des IQWiG die Vorteile des Screenings auf einen Vitamin-B12-Mangel bei Neugeborenen.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in einer Pressemitteilung


Beim Vorbericht wurde noch kein Nutzen festgestellt

Der G-BA hat das IQWiG im November 2022 damit beauftragt, herauszufinden, ob ein Vitamin-B12-Mangel in das Neugeborenen-Screening aufgenommen werden sollte. Die vorläufigen Ergebnisse veröffentlichte das IQWiG im September 2023 und stellte sie zur Diskussion. In diesem Vorbericht wurde kein Nachweis für einen Vorteil des Screenings gesehen, da aussagekräftige Studien fehlten, um eine Nutzenaussage zu treffen. Nach dem Stellungnahmeverfahren wurde der Bericht überarbeitet und im Februar 2024 als Abschlussbericht an den 
G-BA versandt. Nach sorgfältiger Auswertung der Stellungnahmen zum Vorbericht kommt das Institut nun im Abschlussbericht zum Ergebnis, dass zumindest beim Screening auf einen Vitamin-B12-Mangel die Vorteile überwiegen, erklärt das IQWIG.

Literatur

Neugeborenenscreening auf Vitamin-B12-Mangel: Die Vorteile überwiegen. IQWIG am 11.03.2024, Neugeborenenscreening auf Vitamin-B12-Mangel: Die Vorteile überwiegen (iqwig.de)

Neugeborenen-Screeening auf angeborene Stoffwechselstörungen, Endokrinopathien, schwere kombinierte Immundefekte (SCID), Sichelzellkrankheit, 5q-assoziierte spinale Muskelatrophie (SMA) und Mukoviszidose. S2k-Leitlinie 2022, 024-012_SCD-SMA_2022_02_08 (awmf.org)


Juliane Russ, M.Sc., Volontärin


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