Die Blaue Hand – Teil 6

Adrenalin-Pens – nach Injektion den Notruf nicht vergessen!

Rosenheim - 16.05.2023, 17:50 Uhr

„Wissen Sie, welcher Notfall-Pen hier abgebildet ist, was der Anwender auf dem Bild vergessen hat und welche Alternativen es gibt?“ (Foto: Andrey Popov / AdobeStock)

„Wissen Sie, welcher Notfall-Pen hier abgebildet ist, was der Anwender auf dem Bild vergessen hat und welche Alternativen es gibt?“ (Foto: Andrey Popov / AdobeStock)


Auf dem deutschen Markt gibt es vier verschiedene Hersteller für Epinephrin-Autoinjektoren. Sie alle haben es in den vergangenen Jahren aufgrund von Fehlfunktionen oder Lieferengpässen immer wieder in die Fachmedien geschafft. Seit 2015 soll offizielles Blaue-Hand-Schulungsmaterial bei der Anwendung dieser erklärungsbedürftigen Arzneimittel unterstützen – 2023 waren sie auch Thema auf der INTERPHARM in Göttingen. Doch: Hätten Sie gewusst, warum Allergiker insbesondere unter Betablocker-Therapie nicht auf Notfallpens verzichten sollten?

Passend zur Allergiesaison dürfte aktuell die Nachfrage nach Autoinjektoren mit Epinephrin (Adrenalin), den bekannten Notfallpens bei Anaphylaxie, steigen. Während bei Kindern Nahrungsmittel für 60 Prozent der schweren anaphylaktischen Reaktionen verantwortlich sind, stecken bei den Erwachsenen mit 52 Prozent vor allem die Insektengifte als Auslöser dahinter. Bei ersten Anzeichen ist rasches Handeln erforderlich.

Das wichtigste Arzneimittel zur Akuttherapie einer Anaphylaxie ist Adrenalin. Es kann intravenös oder intramuskulär verabreicht werden. Die intramuskuläre Applikation birgt ein geringeres Risiko für kardiale Nebenwirkungen als die intravenöse Gabe und kann mittels Autoinjektoren auch durch Laien sicher appliziert werden. Je nach Symptomen kann eine erneute Gabe nach fünf bis zehn Minuten erforderlich werden. 

Auf dem deutschen Markt gibt es vier verschiedene Autoinjektoren mit Epinephrin, die Patienten sowie Angehörige bei Anzeichen einer schweren anaphylaktischen Reaktion selbst verabreichen können. Diese sind (alphabetisch sortiert):

  • Anapen® 150 µg / 300 µg / 500 µg
  • Emerade® 150 µg / 300 µg / 500 µg
  • Fastjekt® 300 µg / Fastjekt® Junior 150 µg
  • Jext® 150 µg / 300 µg

Medikationsfehler vermeiden

Die Blaue Hand

Die Firmen stellen behördlich genehmigtes Schulungsmaterial zur Verfügung, wie Patientenkarten, Lehrvideos, Leitfäden sowie eine Checkliste für den verordnenden Arzt. Diese erinnert den Arzt daran, worüber er den Patienten aufzuklären hat – etwa über die korrekte Anwendung, wann und bei welchen Symptomen die Anwendung erfolgen soll und dass stets zwei Fertigpens mitzuführen sind. Außerdem hilft die Checkliste bei der Auswahl der korrekten Stärke.

Wie sich die Adrenalin-Pens in Dosierung und Applikation unterscheiden

Zwischen 15 und 30 Kilogramm Körpergewicht wird von Jext® üblicherweise die niedrigere Dosis mit 150 µg empfohlen, ab 30 kg dann die höhere Stärke mit 300 µg. Für Patienten mit mehr als 60 kg Körpergewicht sind Emerade® 500 sowie Anapen® 500 zugelassen, wobei laut Fachinformation von Anapen® die empfohlene Dosis 300 oder 500 µg beträgt und von der klinischen Bewertung abhängt. Bei Fastjekt® gelten andere Empfehlungen: Die Junior-Variante ist laut Hersteller von 7,5 bis 25 kg Körpergewicht die richtige Wahl und bereits ab 25 kg Körpergewicht soll die höhere Stärke mit 300 µg gewählt werden. 

Alle Fertigpens haben gemeinsam, dass sie an der Außenseite des Oberschenkels angewendet werden. Die Applikation erfolgt im rechten Winkel (90°). Zunächst muss eine Schutzkappe entfernt werden. Die Systeme Jext®, Emerade® und Fastjekt® lösen automatisch aus, wenn sie mit Schwung und fest genug an den Oberschenkel gedrückt werden. Dies ist durch ein „Klicken“ hörbar. Der Injektor soll anschließend je nach Herstellerangaben noch 3 (Fastjekt®), 5 (Emerade®) oder sogar 10 Sekunden (Jext®) fest in der Position gehalten werden. Anschließend kann der Injektor entfernt werden und der Bereich der Injektion soll leicht massiert werden. Die Applikation darf explizit auch durch dünnen Stoff, wie etwa eine Jeans, erfolgen.

Was passiert bei einer versehentlichen Injektion?

Eine Anaphylaxie tritt meist als Folge einer bekannten chronisch bestehenden IgE-vermittelten Allergie auf. Bei Allergenkontakt kommt es zu einer massiven Aktivierung von Mastzellen und basophilen Granulozyten, die Histamin, Prostaglandine, Leukotriene, Serotonin, Zytokine und weitere Mediatoren freisetzen. Histamin nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Epinephrin wirkt als Hormon über die Blutzirkulation aktivierend auf Alpha- und Beta-Rezeptoren und bewirkt eine Vasokonstriktion, Bronchodilatation sowie Ödemreduktion. Zusätzlich wirkt es positiv inotrop am Herzen. 

Eine versehentliche Injektion in Hände oder Füße führt in den angrenzenden Arealen durch eine Vasokonstriktion zu einer Minderdurchblutung, also peripheren Ischämie (Quelle: Fachinformation Jext, Stand März 2021).

Bei Anapen® muss der Patient zunächst eine schwarze Nadelkappe entfernen, zusätzlich die graue Sicherheitskappe vom roten Auslöseknopf entfernen und das offene (Nadel-)Ende des Pens an der Außenseite des Oberschenkels platzieren. Erst bei Drücken des roten Auslöseknopfs beginnt die Autoinjektion, ebenfalls hörbar am Klicken. Der Pen soll 10 Sekunden in der Position gehalten werden, ehe er entfernt wird. Achtung! Die Nadel ragt anschließend heraus und muss mit der Nadelkappe versehen werden.

Auch Angehörige und Betreuungspersonen müssen sich mit Adrenalin-Pens auskennen

Im besten Fall sind Patienten in einer anaphylaktischen Notsituation nicht allein, und auch sie umgebende Menschen in der Anwendung der Pens geschult. Doch ob allein oder nicht: Patienten müssen in jedem Fall sofort nach der Applikation den Notarzt unter 112 mit dem Stichwort „Anaphylaxie“ alarmieren – selbst dann, wenn sie eine Besserung verspüren! Denn: „Bekannt ist, dass Betroffene nach erfolgreich behandelter Anaphylaxie infolge eines Insektenstiches nur unzureichend nachbetreut wurden“, klagt die aktuelle S2k-Leitlinie zur Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. Tückischerweise können bei einer Anaphylaxie nach meist sechs bis 24 Stunden erneut Symptome auftreten. Zwischen fünf bis 20 Prozent der Patienten entwickeln nach erfolgreicher Therapie einen solchen protrahierten oder biphasischen Verlauf. Apotheker und Apothekerinnen können bei der Abgabe von Adrenalin-Injektoren also gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass eine anschließende stationäre Überwachung notwendig ist!

Können Arzneimittel eine Anaphylaxie verstärken?

β-Adrenozeptorantagonisten und ACE-Inhibitoren (angiotensinkonvertierendes Enzym, ACE) können zu einer Verstärkung anaphylaktischer Symptome führen: Betablocker, indem sie die erwünschten Effekte von Adrenalin, wie etwa die Mastzell-stabilisierende und kardiostimulatorische Wirkung hemmen. Bei diesen Patienten erwägen Ärzte bei mangelnder Wirkung von Adrenalin die Applikation von Glukagon, da es am Herzen ebenfalls positiv inotrop wirkt. „Glukagon hat jedoch ausschließlich eine Wirkung auf die kardiale Symptomatik“, heißt es in der S2k-Leitlinie zur Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. 

Ramipril und Co. (ACE-Hemmer) hemmen den Bradykinin-Abbau und können so über eine ausgeprägte Vasodilatation eine Verstärkung anaphylaktischer Symptome hervorrufen. 

Auch Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) können durch die Hemmung der Cyclooxygenase und damit erhöhte Leukotrienbildung zu stärkeren Symptomen führen.

Da gerade bei der Anwendung der Notfall-Pens so vieles zu beachten ist, sollten Patienten und Patientinnen in der Apotheke auf entsprechendes Schulungsmaterial aufmerksam gemacht werden. Es ist online auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) abrufbar. Zudem haben alle Hersteller kurze und leicht verständliche Videos veröffentlicht, die die Anwendung anschaulich demonstrieren –  die Links zu den Videos hat die DAZ hier für Sie hinterlegt:

Patienten und Patientinnen sollten ihren Notfallpen in regelmäßigen Abständen auf Schwebeteilchen oder Trübung überprüfen. Die Wirkstofflösung soll farblos und klar sein: Während bei dem Autoinjektor Anapen® durch Drehen ein Sichtfenster freigelegt werden kann, muss hierfür bei Emerade® ein Aufkleber angehoben werden. Natürlich darf auch ein regelmäßiger Blick auf das Haltbarkeitsdatum nicht fehlen.

Die Angst vor einer anaphylaktischen Reaktion kann Betroffene massiv in ihrem Alltag einschränken und psychisch belasten. Sicherer können sich Patienten und Patientinnen fühlen, wenn sie stets zwei Pens griffbereit mit sich führen. Glücklicherweise scheinen Lieferengpässe zumindest aktuell kein Problem zu sein.

 

Antwort zu der Quizfrage in der Bildunterschrift: Auf dem Fastjekt®-Pen befindet sich noch die blaue Sicherheitskappe. Diese muss im Notfall vor der Anwendung abgezogen werden. *Außerdem sollte der Anwender seinen Daumen nicht oben platzieren. Richtig wäre die Fausthaltung. So kann eine versehentliche Injektion in den Daumen verhindern werden, falls der Pen falsch herum gehalten wird. 

*Dieser Text wurde am 17. Mai 2023 um 12:53 aktualisiert.


Anna Carolin Antropov, Apothekerin
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Adrenalin-Autoinjektor beim anaphylaktischen Schock richtig anwenden

Hilfe, ein Wespenstich!

Defizite bei Anaphylaxie-therapie

Adrenalin-Pens richtig anwenden

Neue Handlungsanweisungen angekündigt

Wieder Probleme beim Adrenalin-Pen Emerade

Allergiker müssen immer einen zweiten Emerade®-Pen dabei haben

Doppelt hält besser

Der allergische Notfall ist selten, aber unberechenbar

Bedrohliches Bienengift

Hohe Temperaturen vermindern Wirkstoffgehalt

Adrenalin-Pens sind nichts fürs Auto

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.