Was ist drin?

Sonnencreme: Sind mineralische UV-Filter besser für die Umwelt? (Teil 2)

Stuttgart - 05.05.2022, 17:50 Uhr

Wäre die Kombination aus mineralischen und organischen UV-Filtern ein Kompromiss? (c / Foto: IMAGO / Mint Images)

Wäre die Kombination aus mineralischen und organischen UV-Filtern ein Kompromiss? (c / Foto: IMAGO / Mint Images)


Mineralische UV-Filter sind in Sonnencremes oft nicht sonderlich beliebt, weil sie den Ruf haben, auf der Haut einen weißen und klebrigen Film zu hinterlassen. Doch sollte man diese „Bürde“ der Umwelt zu Liebe auf sich nehmen? Sind mineralische UV-Filter für Korallenriffe weniger schädlich?

Ökotest rät von chemischen UV-Filtern grundsätzlich ab, da etliche davon in Versuchen eine hormonelle Wirkung zeigten. Darunter Octocrylen, Homosalate (2-Hydroxybenzoesäure-3,3,5-trimethyl­cyclohexylester) und Ethylhexyldimethyl PABA (2 Ethylhexyl­dimethyl-para-Amino­benzoesäure). In einer 2016 veröffentlichten dänischen Studie stellten Forscher bei 13 der untersuchten UV-Filtersubstanzen (in EU und USA verwendete) negative Effekte auf menschliche Spermien fest. Die Substanzen wirkten ähnlich wie Progesteron (siehe Tabelle unten).5/9

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In der EU sind laut Bundesamt für Risikobewertung (BfR) nur Filtersubstanzen erlaubt, deren Sicherheit bis zu einer jeweiligen Höchstkonzentration zuvor durch das Expertengremium der EU-Kommission („Scientific Committee on Consumer Safety“, SCCS) bestätigt wurde.6 Umweltaspekte – „Rifffreundlichkeit“ oder „Korallenfreundlichekeit“ – bewertet das SCCS allerdings nicht. 

Das Bundesamt für Strahlenschutz merkt zu einer möglichen umweltschädlichen Wirkung von Sonnencremes auf Korallen an, dass bisher keine wissenschaftlichen Beweise dafür vorlägen. Fachleute sähen eher die Erwärmung der Ozeane als Verursacher des Korallensterbens.8

Auf die Teilchengröße achten

In Naturkosmetika sind häufig mineralische UV-Filter vertreten, wie etwa Zinkoxid (vor allem UVA) oder Titandioxid (UVA und UVB). Sie wirken, indem sie die Haut abdecken und abschirmen. Auf der Hautoberfläche funktionieren Partikel der Stoffe wie kleine Spiegel, die einfallende UV-Strahlen reflektieren.5 Jedoch sind auch diese beiden Substanzen, beispielsweise von der Organisation „Haereticus Environmental Laboratory“ (HEL), als umweltschädlich gelistet, insbesondere in Form von Nanopartikeln3 (kleiner als 100 Nanometer)5.

Der Einfluss von Nanopartikeln auf die Umwelt ist noch nicht abschließend erforscht. Für Verbraucher ist anhand der Deklaration oft nicht ersichtlich, ob die Stoffe als Nanopartikel vorliegen. Hersteller verwenden sie, um die Produkteigenschaften zu verbessern. Die Creme schmiert weniger und lässt sich leicht lückenlos verteilen. Auch der typische weiße Film, den mineralische Filter üblicherweise auf der Haut hinterlassen, tritt beim Einsatz von Nanopartikeln kaum auf. 

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Der Kontakt von Nanopartikeln mit der Haut ist laut Bundesamt für Risikobewertung gut untersucht und als sicher eingestuft. Beispielsweise gelangen Nanoteilchen von Titandioxid, wie sie in Kosmetika verarbeitet werden, nicht durch die Haut in den Blutkreislauf. Das SCCS bewertet das Gesundheitsrisiko aufgrund von Nano-Titandioxid als UV-Filter in Sonnenschutzmitteln bis zu einer Konzentration von 25 Prozent als unwahrscheinlich, beschränkt dies allerdings auf Darreichungsformen (Cremes, Lotionen), bei denen es zu keiner Inhalation während der Anwendung kommen kann.6

Auch in einem Artikel von „Spektrum.de“ aus 2019 heißt es, dass die Umweltfreundlichkeit von Zinkoxid und Titandioxid stark von der Größe der verwendeten Partikel abhängt. Demnach sollen Zinkoxid-Nanopartikel sowohl durch die Bildung gelöster Zinkionen als auch durch physikalische Schädigung bei direktem Kontakt Korallen zerstören. Wie bei zinkoxidhaltigen Heilsalben sollen die Nanopartikel über Sauerstoffradikale antiseptisch wirken. Um die Entstehung von Sauerstoffradikalen zu limitieren, habe die Kosmetikindustrie angefangen, die Nanopartikel mit Siliziumdioxid, Magnesium oder Aluminium zu beschichten. Das helfe aber nicht gegen die Schädigung durch direkten Kontakt. 

Titandioxid soll weniger schädlich sein als Zinkoxid, auch weil Titandioxid-Nanopartikel in der Regel beschichtet sind. Größere Partikel sollen jedoch in beiden Fällen effektive und weitestgehend umwelt- und hautneutrale UV-Filter sein.

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Eine aktuelle Studie, über die die DAZ berichtete, fügt diesem Wissen nun wichtige Aspekte hinzu. Danach baut Zinkoxid organische UV-A-Filter sogar ab, und reduziert dadurch den Lichtschutzfaktor. Außerdem lässt es toxische Abbauprodukte entstehen. In diesem Fall sei es egal, ob ZnO mikropartikulär oder nanopartikulär vorliegt: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Metalloxidpartikel jeder Größe reaktive Oberflächenstellen aufweisen können“. Frühere Arbeiten sollen Hinweise geliefert haben, dass das Überziehen von Titandioxid-Partikeln mit Silikon oder Aluminiunhydroxid die photokatalytische Aktitvität des Metalloxids verringert. 

Abschließend sollte man nach derzeitigem Stand des Wissens also (aus Umweltgründen) wohl keine Kombinationen aus mineralischen und organischen Filtern anwenden und auf die Partikelgröße der mineralischen Filter achten. 

Diese 13 UV-Filter fielen in der oben erwähnten dänischen Studie negativ auf:

  • 4-MBC (in der englischen Inhaltsstoffliste INCI gelistet als: 4-Methylbenzylidencamphor),
  • 3-BC (INCI: 3-Benzylidencamphor; inzwischen verboten),
  • Octisalate (Ethylhexyl Salicylate),
  • BCSA (Benzylidene Camphor Sulfonic Acid),
  • Homosalate (so auch in der INCI),
  • Padimate O (Ethylhexyldimethyl PABA),
  • Meradimate (Menthyl Anthranilate),
  • BP-3 (Benzophenone-3),
  • Octinoxate (Ethylhexylmethoxycinnamate),
  • Amiloxate (Isoamyl methoxycinnamate),
  • Octocrylene (so auch in der INCI),
  • Avobenzone (Butyl Methoxydibenzoylmethane),
  • DHHB (Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate)

Tatjana Ortinau, Apothekerin
redaktion@daz.online


Deutsche Apotheker Zeitung / dm
redaktion@daz.online


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