Was ist drin?

Was verbirgt sich hinter „rifffreundlicher“ Sonnencreme? (Teil 1)

Stuttgart - 02.05.2022, 17:50 Uhr

Zum Schutz des Ozeans sind im US-Bundestaat Hawaii Sonnencremes mit den beiden chemischen UV-Filtern Octinoxat und Oxybenzon seit 1. Januar 2021 gesetzlich verboten. (c / Foto: helivideo / AdobeStock)

Zum Schutz des Ozeans sind im US-Bundestaat Hawaii Sonnencremes mit den beiden chemischen UV-Filtern Octinoxat und Oxybenzon seit 1. Januar 2021 gesetzlich verboten. (c / Foto: helivideo / AdobeStock)


Sonnencremes beugen Hautkrebs vor und sind damit wichtig für unsere Gesundheit. Doch immer mehr Sonnenschutz-Produkte werden seit Kurzem mit dem Label „rifffreundlich“ oder „korallenfreundlich“ beworben. Was bedeutet das für uns und unsere Umwelt? Sind solche Produkte wirklich umweltfreundlicher? 

Korallen sind lebende Organismen. Sie gehören zur Gruppe der Nesseltiere – kleinste wirbellose Tierchen, auch Korallenpolypen genannt. Sie leben in Symbiose mit bestimmten Algen und scheiden als Stoffwechselprodukt Kalk aus, wodurch schließlich das bekannte Korallengerüst entsteht. Es dauert Jahrhunderte, bis auf diese Weise ganze Riffe heranwachsen. Diese gehören zu den ältesten Ökosystemen der Erde und beherbergen ein Viertel aller Tiere und Pflanzen der Weltmeere. 

Rund drei Viertel der Riffe weltweit sind heute auf vielfältige Art von Zerstörung bedroht: durch Klimawandel, Erwärmung der Ozeane, Schleppnetze beim Fischfang, Mikroplastik oder Wasserverschmutzung.1

„Korallenbleiche“ – ein totes Kalkgerüst

Wenn die symbiotischen Algen aufgrund äußerer Einflüsse verschwinden, bleiben die farblosen Korallenpolypen zurück. In diesem Zustand erscheint das Korallenriff reinweiß, bekannt als sogenannte Korallenbleiche. Ohne ihre Symbionten können die Polypen jedoch nicht überleben. Es fehlt ihnen an Nahrung, sprich Glucose, welche die Algen mittels Photosynthese produzieren. In der Folge sterben die Korallenpolypen. Lediglich ein totes Kalkgerüst bleibt zurück.1

Mögliche Folgen der Meeresverschmutzung durch Chemikalien sind laut Wissenschaftlern etwa diese Korallenbleiche und Erbgutschäden bei Fischen und Korallen. In der Diskussion stehen dabei vor allem die chemischen UV-Filter Octinoxat und Oxybenzon, die in Sonnencremes enthalten sind. Schätzungen zufolge gelangen jährlich 14.000 Tonnen Sonnencreme ins Meer. Insbesondere Touristenorte sind von dem Eintrag der Stoffe ins Meer betroffen. Eine Hochrechnung spricht von 210 Litern Sonnencreme täglich auf der Insel Maui, doch auch in der Ostsee wurden UV-Filter in strandnahem Wasser nachgewiesen. 

„Hawaiianisches Riffgesetz“

Zum Schutz des Ozeans und der bereits schrumpfenden Korallenriffe sind im US-Bundesstaat Hawaii Sonnencremes mit den beiden chemischen UV-Filtern Octinoxat und Oxybenzon seit 1. Januar 2021 gesetzlich verboten. Der Bundesstaatssenator Mike Gabbard bezeichnete dies als „historisches Gesetz der Meere“. Kritiker des Gesetzes geben zu bedenken, dass Korallenschäden nicht allein auf bestimmte Stoffe zurückgeführt werden können. Eine Vielzahl von Faktoren spiele hierbei zusammen und summieren sich. 

Übrigens werden in den USA Sonnenschutzprodukte als Arzneimittel eingestuft, nicht als Kosmetikum wie hierzulande. 2

Problematische UV-Filter

Prinzipiell gibt es zwei Kategorien von UV-Filtern: Chemisch-organische und mineralische Filter. Die Moleküle chemischer Filter nehmen UV-Strahlen entsprechend ihres Spektrums auf und verwandeln sie in Wärme.6 Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass einige chemische Filter sich in Organismen anreichern, diese schädigen oder hormonähnlich wirken – mit unklaren Folgen für die Umwelt.2 Zum Beispiel darf der Stoff 3-Benzylidencampher in der EU nicht mehr in Kosmetika eingesetzt werden, da Umweltschäden durch eine mögliche Hormonwirkung angenommen werden. („Für 3-Benzylidencampher (3-BC) wurden estrogene Wirkungen sowie eine Inhibition des Androgenrezeptors und der 17β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 1, 2 und 3 beschrieben.“)

Zu den auf Hawaii verbotenen chemischen Filtern Octinoxat (INCI: Ethylhexyl- Methoxycinnamate) und Oxybenzon (INCI: Benzophenone-3) gibt es noch keine abschließende Bewertung gemäß europäischer Chemikalienverordnung.2

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Sonnencremes besser ohne Octocrylen?

Ein häufig verwendeter Ersatz für Oxybenzon ist jedoch der chemische UV-Filter Octocrylen. Dieser ist aber ebenfalls umstritten, da als dessen Abbauprodukt wiederum Oxybenzon beziehungsweise Benzophenon entstehen kann. Zudem gab es in einer Studie Hinweise auf Zelltoxizität und einen veränderten Fettsäurestoffwechsel in den Korallenpolypen unter Octocrylen (>5 µg/L).4

Wenn Sonnencremes also mit Rifffreundlichkeit beworben werden, sollte Verbrauchern bewusst sein, dass damit „rifffreundlich“ gemäß dem „Hawaiianischen Riffgesetz“ gemeint sein kann, welches lediglich die beiden oben genannten Filter einschließt und nicht allgemeingültig zu verstehen ist. Andere in der Diskussion stehende Substanzen schließt dies als Inhaltsstoffe nicht aus.

In Teil 2 dieser Serie gehen wir der Frage nach, ob mineralische UV-Filter besser für die Umwelt sind.


Tatjana Ortinau, Apothekerin
redaktion@daz.online


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