Metaanalyse zum Off-label-Einsatz

Entwarnung für Ondansetron bei Schwangerschaftsübelkeit?

Stuttgart - 28.09.2021, 07:00 Uhr

Nur beim Versagen primär empfohlener Antiemetika oder bei schwerer Symptomatik empfiehlt Embryotox den Einsatz des 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten Ondansetron. Die Einnahme erfolgt dann im Off-label-Use. (c / Foto: Drobot Dean / AdobeStock)

Nur beim Versagen primär empfohlener Antiemetika oder bei schwerer Symptomatik empfiehlt Embryotox den Einsatz des 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten Ondansetron. Die Einnahme erfolgt dann im Off-label-Use. (c / Foto: Drobot Dean / AdobeStock)


Fast genau zwei Jahre ist es her, als Ondansetron zur Therapie der Schwangerschaftsübelkeit in der Kritik stand. Nun hat sich eine kanadische Arbeitsgruppe erneut mit der Thematik in einer Meta­analyse auseinandergesetzt. Im Vergleich mit anderen Antiemetika führte der 5-HT3-Antagonist weder zu vermehrten Totgeburten oder Aborten noch zu gehäuften angeborenen Fehlbildungen. 

Rund 80 Prozent aller Frauen leiden während der Schwangerschaft unter Übelkeit und Erbrechen. Zur Behandlung werden bevorzugt Antihistaminika wie Meclozin, Doxylamin, ggf. auch Dimenhydrinat eingesetzt. Nur beim Versagen dieser primär empfohlenen Antiemetika oder bei schwerer Symptomatik empfiehlt Embryotox den Einsatz des 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten Ondansetron. Die Einnahme erfolgt dann im Off-label-Use. 

Da aufgrund früherer Studien (s. Kasten) Bedenken über mögliche nachteilige Folgen für das Kind nicht vollständig ausgeräumt sind und nur wenige Vergleiche mit weiteren Antiemetika vorliegen, befasste sich eine kanadische Arbeitsgruppe näher mit möglichen negativen Auswirkungen auf den Fötus bzw. auf den Säugling. In einer Kohortenstudie wurden die Daten von Frauen und Mädchen im Alter zwischen zwölf und 55 Jahren erfasst, die im Zeitraum zwischen 2002 und 2016 einen spontanen oder induzierten Abort sowie eine Tot- oder Lebendgeburt erfahren hatten.

Rote-Hand-Brief zu Ondansetron

Am 1. Oktober 2019 riet ein Rote-Hand-Brief dazu, Ondansetron nicht im ersten Trimenon einer Schwangerschaft einzusetzen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter sollte unter Ondansetron-Therapie eine Schwangerschaftsverhütung in Erwägung gezogen werden. 

Zuvor hatte eine Kohortenstudie mit 1,8 Millionen Schwangeren gezeigt, dass unter Anwendung des 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten im ersten Schwangerschaftsdrittel das Risiko für Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten beim Neugeborenen erhöht war. Insgesamt sind pro 10.000 behandelten Frauen drei zusätzliche Fälle (14 statt 11) aufgetreten. Andere epidemiologische Studien hatten zudem widersprüchliche Ergebnisse zu Herzfehlbildungen gezeigt. 

Mehr zur Thematik finden Sie im Artikel „Üble Alternative für Schwangere?DAZ 2019, Nr. 6, S. 35 und im Artikel „Irritationen um Ondansetron in der Schwangerschaft“ s. DAZ 2020, Nr. 3, S. 24.

Von dieser Kohorte war die Einnahme von Ondansetron und anderen Antiemetika während der Schwangerschaft bekannt. Aus den vorliegenden Daten wurde der primäre Studienendpunkt ermittelt. Er umfasste den Tod des Fötus, bedingt durch einen spontanen Abort oder eine Totgeburt. Sekundäre Endpunkte beschrieben das Auftreten gravierender angeborener Fehlbildungen. 
In die Untersuchung flossen die Daten aus sechs Studien mit mehr als 450.000 Schwangerschaften ein, in denen die graviden Frauen Ondansetron oder ein anderes Antiemetikum eingenommen hatten. 

Diese Daten wurden mithilfe einer Metaanalyse ausgewertet und führten zu folgenden Ergebnissen: Die Einnahme von Ondansetron während der Schwangerschaft führte im Vergleich zur Einnahme anderer Antiemetika zu keinem erhöhten Risiko für einen fetalen Tod (Hazard ratio [HR]: 0,91). Dasselbe gilt für einen spontanen Abort (HR: 0,82) oder Totgeburten (HR: 0,97). Auch das Risiko für angeborene Fehlbildungen war nicht statistisch signifikant erhöht (Odds ratio [OR]: 1,06). Subgruppen-Analysen veränderten diese Aussagen nicht. 

Prof. Dr. Christof Schaefer

Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Christof Schaefer

Wie man die neuesten Studienergebnisse zum Einsatz des 5-HT3-Rezeptor-Ant­agonisten einordnen kann, erläutert Prof. Dr. med. Christof Schaefer, Facharzt für Kinderheilkunde an der Berliner Charité, in seinem Kommentar Wenig Neues zur Ondansetron-Sicherheitin der aktuellen Print-Ausgabe der DAZ.

Literatur 

Dormuth CR, Comparison of Pregnancy Outcomes of Patients Treated With Ondansetron vs Alternative Antiemetic Medications in a Multinational, Population-Based Cohort. JAMA Netw Open 2021;4(4):e215329. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2021.5329

Ondansetron. Informationen des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie Berliner Charité. www.embryotox.de/arzneimittel/details/ondansetron/, Abruf am 15. September 2021 

Ondansetron: Erhöhtes Risiko orofazialer Fehlbildungen bei der Anwendung im ersten Trimenon der Schwangerschaft. Rote-Hand-Brief des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, 1. Oktober 2019 


Marina Buchheit, Apothekerin
redaktion@daz.online


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