Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

20.09.2020, 08:00 Uhr

Wochen wie diese sind alles andere als stärkend – sie bringen einen zum Verzweifeln! (Foto: Alex Schelbert)

Wochen wie diese sind alles andere als stärkend – sie bringen einen zum Verzweifeln! (Foto: Alex Schelbert)


War das der Wirecard-Skandal der Apowelt? Der Rezeptabrechner AvP kann nicht zahlen, er hat Insolvenzantrag gestellt. Und rund 3500 Apotheken warten auf Beträge von durchschnittlich 100.000 Euro. Für manche existenzbedrohend. Ein Mega-Desaster! Wie’s weiter geht, ist offen. Auch in dieser Woche: die Verbändeanhörung zum Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz – mit viel Gegenwind für die Apotheken. Was besonders runterzieht: Eine Äußerung der EU-Kommission – sie  freut sich aufs E-Rezept, weil es die Verbraucher stimulieren könnte, von der Vor-Ort-Apotheke zum Versender zu wechseln. Und ob das geplante Rx-Boni-Verbot mit dem EuGH-Urteil vereinbar ist, ist immer noch ein Vabanquespiel. Klingt alles nicht nach Stärkung der Vor-Ort-Apo. Was für eine Woche! 

14. September 2020

Hier spricht der neue Präsident der Bundesapothekerkammer in spe: Thomas Benkert, derzeit Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer. Ja klar, er muss erst noch gewählt werden, aber bis jetzt steht ihm keiner im Weg. Im DAZ-Interview erklärt er seine Ziele – es sind keine neuen, es sind die, die bereits die derzeitige ABDA- und BAK-Spitze verfolgt: das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz mit Gleichpreisigkeit, mit honorierten pharmazeutischen Dienstleistungen, die möglichst viele Apotheken leisten können, zusätzlich ein Botendiensthonorar, das unser Dienstleistungsbudget nicht mindert, ein E-Rezept mit technisch abgesichertem Makelverbot – um die wichtigsten zu nennen. Alles richtig, alles wichtig. Jetzt muss er’s nur schon schaffen. Wie er das machen will, hat er natürlich nicht verraten. Aber genau darauf wird’s ankommen.

 

Das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) stand bereits auf der Tagesordnung des Bundestags – jetzt hatten die Verbände im Rahmen der Verbändeanhörung Gelegenheit, ihre Stellungnahmen abzugeben. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) machte in seiner schriftlichen Stellungnahme zum VOASG deutlich, dass die Patienten mit ihrer Arzneimitteltherapie überfordert sein können. Der BAH befürworte daher ausdrücklich eine Lotsen- und Beraterfunktion des Apothekers. Denn auf diesem Gebiet gebe es eine Lücke, die die Pharmazeuten füllen können. Der BAH sieht in dieser Funktion durchaus eine pharmazeutische Dienstleistung. Mein liebes Tagebuch, das hat der BAH vollkommen richtig erkannt: Die Arzneitherapie, Rx und OTC, wird für viele Patienten immer komplexer, der Patient braucht einen kompetenten Lotsen und Berater – der Apotheker ist prädestiniert dafür. Aber das muss auch herausgestellt und als Dienstleistung honoriert werden. Außerdem setzt sich der BAH für einen einheitlichen Apothekenabgabepreis ein, auch die Versicherten der PKV und die Selbstzahler sollten hier mit einbezogen werden.

 

Auch der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) zeigt sich in seiner Stellungnahme zum VOASG nicht damit einverstanden, dass für privat Versicherte nicht die Gleichpreisigkeit gilt und für sie kein unmittelbarer Anspruch auf neue pharmazeutische Dienstleistungen eingeräumt wird. Nach Auffassung der PKV dürfen sich die Preise für gesetzlich und privat Versicherte nicht auseinanderentwickeln, unterschiedliche Preise für gleiche – gesundheitlich notwendige – Produkte seien nicht zumutbar. Richtig, mein liebes Tagebuch, und genau darin wird enormes Sprengstoffpotenzial liegen, wenn das VOASG wie vorgesehen in Kraft tritt. Ob sich da überhaupt noch etwas machen lässt?

 

Der Telemedizin Anbieter TeleClinic, der erst vor Kurzem von Zur Rose übernommen wurde, hat juristischen Ärger am Hals. Jetzt will er den Vorwürfen des Zuweisens von Rezepten offenbar aktiv entgegensteuern – und verheddert sich in neuen Fallstricken: TeleClinic hat sich ein neues Procedere ausgedacht, bei dem die Patienten ihre gewünschte Apotheke auf einer „Landing-Page“ eintragen und ihre Privatverordnung per Mail durch TeleClinic dorthin versenden lassen können. Die jeweilige Apotheke erhält dann das Rezept mit der qualifizierten elektronischen Signatur als Link. Laut TeleClinic kann das Rezept nur ein einziges Mal eingelöst werden. Die Patienten selbst würden nie die unterschriebene Rezept-Datei erhalten. Diese werde nur an die Apotheke weitergeleitet, heißt es in der E-Mail an die Apotheken. Aber, mein liebes Tagebuch, es bleibt offen, wie TeleClinic die vom Patienten angegebene Apotheke authentifiziert. Außerdem ist offen, was passiert, wenn die Apotheke das Rezept nicht beliefern kann. Da gibt’s noch etliche Fragen…



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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6 Kommentare

Verantwortung

von Reinhard Rodiger am 20.09.2020 um 22:13 Uhr

Wir haben eine Führung, die zu relevanten Fragen schweigt und gleichzeitig unser letztes Hemd verkauft.Und eine Art Mimikri macht sich auf den Weg.Auch der eigentliche Auftraggeber, der jedes Risiko,seine Verantwortung wahrzunehmen, schweigt.Ist es die klammheimliche Freude,dass das Geschick dafür sorgt, dass eigentliche Ziel schneller als gedacht erreicht wird? Es ist doch unverkennbar,dass die Strategie aller Verantwortlichen auf die Elimination möglichst vieler Apotheken zielt.
Es ist die Stunde, Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen. Das gilt für eine abgetauchte Standesvertretung, die ihr Heil in nicht definierten Hoffnungen sucht und dabei die Grundlage verkauft.Dies betrifft auch die, die jetzt in Ihrer Not übergangen werden . Etwas wie Sorge, Mitdenken,helfen , Ressourcen mobilisieren wird
vermisst.Da ist etwas offen.Sehr traurig.Aber nicht gerade überraschend.
Der Politik kann nicht vorgeworfen werden, nicht die Katze im Sack kaufen zu wollen.Sie hat den Sack eben sehr klein gemacht und lieber andere gefördert.Jetzt wird sie aber damit konfrontiert, dass sie als Auftraggeber gefordert ist der stets dafür gesorgt hat, für einen Großteil weder Risikovorsorge noch die üblichen kaufmännischen Wahlmöglichkeiten gegeben sind.Es besteht ein Handlungszwang,dem nicht ausgewichen werden kann.Dabei muss man sich auf die BAFIN respektive Auftraggeber verlassen können.Auf wen sonst? Also ist hier Verantwortung zu fordern und die Bedingungen sind zu überdenken,zu denen gearbeitet werden soll. Das Risiko , für den Staat tätig zu werden ist nicht gedeckt.Das hat Konsequenzen für die Sicherheit und den Willen,das weiter zu tun. Allein die sittenwidrige Praxis der Krankenkassen unberechtigt und wegelagernd zu Retaxieren sollte im vorliegenden Fall ein Verbot Auslösen.Aber selbst dazu ist nichts zu hören.Ja,schwierig.Aber Fürsorge ist gefragt, denn das System ist gefährdet.Hier ist ebenfalls eine Glaubwürdigkeitslücke zu schließen.Was wird gewollt: Apotheken reduzieren oder wirklich fördern, um krisengerecht handeln zu können.

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Komplettes System in Frage gestellt

von Nikolaus Guttenberger am 20.09.2020 um 18:04 Uhr

Der AVP Fall stellt das komplette deutsche System der Arzneimittelversorgung in Frage.

Wir können gar nicht anders abrechnen, als mit solchen Factoring Instituten. Der ganze Vorgang mit 170 Krankenkassen, Herstellerabschlägen, Rabatten, Fixpauschalen etc. ist derart kompliziert, dass wir keine andere Wahl haben.

Gleichzeitig kann man in den Branchen News verfolgen, dass Rechenzentren fröhlich Mitarbeiter und Manager untereinander abwerben. Im Gegenzug heisst das, dass niemand weiss, wer in der Zukunft wann wo arbeitet. Für mich bedeutet die Tatsache, dass so etwas passieren kann: Es kann jederzeit woanders wieder Probleme geben. Unabhängig von irgendwelchen Verträgen und AGBs schützt absolut nichts davor, dass nicht dagegen verstoßen wird. (Mord ist auch verboten, und passiert dennoch...) Die Bafin beweist zum zweiten Mal in diesem Jahr, dass sie sowieso erst kommt, wenn es zu spät ist.

Dieses Risiko ist nirgends in unserem Honorar abgebildet, einen Monatsumsatz als Rücklage zu bilden ist vollkommen illusorisch. Man kann praktisch jederzeit wirtschaftlich ausgelöscht werden.

Gleichzeitig handelt es sich bei unserem Umsatz um Versichertengelder nach Maßgaben des SGB V. Wir unterliegen reglementiertem Einkauf, haben Kontrahierungszwang und müssen eine Fülle von Gemeinwohlpflichten erfüllen. Treibt jemand Unrecht mit diesen Versichertengeldern bleibt es aber am Einzelbetrieb hängen?

Sorry, da passen fundamental einige Dinge überhaupt nicht zusammen. Kammern und Verbände, die nicht sehen, dass so eigentlich keine Versorgung aufgestellt sein kann braucht bei allem Respekt kein Mensch !

Genauso ist hier natürlich auch die Politik gefragt. Was hier gerade passiert kann niemals ordnungspolitisch zugelassen werden, weil es ALLE Grundsätze eines Solidarsystems in Frage stellt.

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Anerkennung durch Duldung ... wie ein Berufsstand langsam den eigenen Risiken und Nebenwirkungen erliegt ...

von Christian Timme am 20.09.2020 um 18:00 Uhr

Ich empfinde es mittlerweile als beschämend wie diese Apotheker(gemein)schaft alle diese Niederschläge und Herabsetzungen mit einer Geduld, Ausdauer und fast Selbstverständlichkeit über sich "ausschütten und ergehen " lässt ohne etwas dagegen zu unternehmen ... das Wort "kämpfen", will mir schon gar nicht mehr über die Lippen kommen ...

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AvP und ABDA

von Dr.Diefenbach am 20.09.2020 um 10:37 Uhr

An diesem Wochenende sitzen garantiert mehr als 1ooo ApothekerInnen zu Hause und denken nach WIE es für sie weitergeht, wenn sich-juristisch offenbar völlig offen(siehe die diversen Stellungnahmen)-der Skandal um AvP entwickelt.Hier ist eine solche grosse Zahl von KollegInnen unverschuldet in eine Situation geraten, dass man auch von unserer ABDA Spitze mal irgendein Wort hätte erwarten MÜSSEN,nicht KÖNNEN??!! Ich ärgere mich bereits über das breiige Argument, man könne da sowieso nichts machen usw.Dass dieser AvP Problemkreis offenbar auch in der ABDA bis ganz nach oben durchschlagen könnte, hat im Glashaus in der Berliner Kommandozentrale wohl noch gar keiner realisiert.Wieso:Einfaches Rechnen:Es gehen uU etliche Apotheken in die Insolvenz, selbst wenn in 2021 (!) diverse Treuhandkontengelder fliessen;Es werden Beitragsreduktionsanfragen in allen Bereichen erfolgen(Versorgungswerke!!!,Kammerbeiträge!!! je nach Bundesland,ggf Mitarbeiterfreistellungen!!! ,)es kommen Zinslasten und auf jeden Fall Geldverluste auf Viele zu die doch Heute noch gar nicht verifizierbar sind.Und DA hört man NICHTS von ABDA bzw DAV.Das ist unser Wirtschaftsverband!! Das ist für mich ein Skandal erster Güte, die Damen und Herren beschäftigen sich mit eirigen Umschreibungen warum was wie wo im §78 ff des AMG zu platzieren ist, statt wenigstens mal ein Wort der Fürsorge(!!) an die Betroffenen zu richten.Ehrlich gesagt, man verliert allmählich jeden Respekt vor dieser Führungsriege.Derart ignorantes Verhalten(ich wiederhole:man wird wieder sagen, dass es nicht Sache der ABDA usw. sei, hier Stellung zu beziehen-dies hätte übrigens bereits erfolgen müssen) .DAS IST aber Sache der ABDA bzw. des DAV:Denn Beiträge werden ja, wie oft wurde es gesagt, nach wie vor jährlich nach oben angepasst.Dies ist bald vorbei angesichts einer Gefährdung tausender Apotheken.Mag sein, dass Vieles entspannt(er) ausgeht als hier gesagt, dass sich aber Etliche im Stich gelassen fühlen:dies darf niemand im Politbüro Berlin wundern.Sicher kommt auch die Frage:Ja, was soll denn die Spitzenorganisation überhaupt tun:Einige Antworten fallen sogar mir als Einzelperson ein:unsere Spitzenjuristen könnten sich angesichts der Fülle offener Frage zu einer Aussage bereit finden, unsere Hauptgeschäftsführung Bereich Wirtschaft könnte Handlungsoptionen ausgeben.Es ist doch so dass zB KollegInnen,die NICHT bei der Apobank sind-das einzige System, was natürlich unter Beachtung entsprechender Kautelen-sofort Hilfe anbot, vielleicht auch massiv überfordert sind mit Handlungsoptionen.Auch dazu zahlen wir alle Beiträge an das lahmende System in Berlin!!!!!Man könnte als ABDA Spitze gerade JETZT auf die Politik zugehen, wie wichtig Hilfsmassnahmen für Betreffende wären(der Herr Scholz deckte doch einige Problemfälle der letzten Zeit dank seines Amtes ab),das sind einige der Ideen die man selbst auf die Schnelle entwickelt.Ich empfinde dieses Nichtverhalten aus Berlin als beschämend und es zeigt deutlicher denn je, wie weit entfernt und abgehoben von der Basis dort gearbeitet wird.Ich hoffe als Einzigen auf Herrn Dr. Schmitz als auch für Wirtschaftsfragen zuständigem Verantwortlichen, dass da ein paar sachdienliche Hinweise kommen.Allein Herr Graue hat bisher durch seine Funktion auch im Rechenzentrum im Norden Offerten gemacht.Dass vor Allem aus anderen Verbänden nichts auftaucht, ist ein Armutszeugnis !! Hier färbt offenbar der Antigeist von Oben ab...Ich wünsche allen betroffenen KollegInnen,dass wenigstens von unterschiedlicher Seite die Sachlage derart geregelt werden kann, dass sie weiter existieren !!Auch im Sinne ihrer MitarbeiterInnen, denn diese könnten genauso betroffen werden.Und dass das ganze System durch solche Situationen wie eine AvP -Problematik in FRAGE gestellt werden könnte, was die "Wirtschaft" betrifft, dies hat wohl in der Zentrale wohl noch keiner realisiert.

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AW: AvP und ABDA

von Monika Herzog am 20.09.2020 um 21:09 Uhr

Vielen Dank für Ihre Ausführungen, hinter denen ich voll und ganz stehe!.

Viele ApothekerInnen haben sich heute bei mir gemeldet und eine Selbstverwaltung der Rezeptabrechnungen unter staatlicher Aufsicht gefordert. Unser Ziel muss es sein, ein ähnliches System wie die kassenärztliche Vereinigung (KV) anzustreben.

Mir ist sehr wichtig, dass diese von Ihnen angeführten Gesichtspunkte nicht nur in apothekeninternen Foren verbleiben, sondern auch die Öffentlichkeit und die Politik erreichen. Nur so kann es uns gelingen, die von uns geforderten Veränderungen herbeizuführen.

Deshalb habe ich den AvP-Skandal zum Anlass genommen, mich an mehrere Medien zu wenden. Bis jetzt hat einzig die BILD diese Thematik aufgegriffen und darüber berichtet. Persönliche Interessen stelle ich dabei zurück.

Ich würde mir wünschen, wenn sich weitere KollegInnen auch öffentlich zu diesem Thema äußern und unsere gemeinsamen Interessen vertreten würden.

Meine Intention ist es daher, eine Interessengruppe zu gründen, um gemeinsam unsere Anliegen gegenüber der Politik zu vertreten.
Ihre Anregungen und Vorschläge können Sie mir gerne unter folgender E-Mail-Adresse mitteilen:
vorortapothekenstaerken@gmail.com

Herzliche Grüße
Monika Herzog

.

von Anita Peter am 20.09.2020 um 8:23 Uhr

Erinnert mich alles an die Titanic, alle geht unter aber Schmidt und seine ABDA Kumpels fideln noch ein bisschen und saufen Champagner.
Aber ganz wichtig an die Kollegen: Nie die Contenance verlieren, Füße still halten und schön brav CDU un Co. wählen, dann wird alles gut! Zumindest könnt ihr dann mit reinem Gewissen und Heiligenschein eure Bude zusperren.
Selbst nach den Aussagen der EU raffen viele noch nicht, dass wir völlig zum Abschuss freigegeben sind.

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