INTERPHARM Berlin

Weiß man, wie ein gesundes Mikrobiom aussieht?

Stuttgart - 27.01.2020, 12:15 Uhr

Dass unser Darm von Bakterien besiedelt ist, ist keine neue Erkenntnis. Das Wissen, dass die Funktion dieser Flora aber deutlich mehr betrifft als nur die Verdauung, ist aber verhältnismäßig neu. (m / Foto: imago images / Science Photo Library)

Dass unser Darm von Bakterien besiedelt ist, ist keine neue Erkenntnis. Das Wissen, dass die Funktion dieser Flora aber deutlich mehr betrifft als nur die Verdauung, ist aber verhältnismäßig neu. (m / Foto: imago images / Science Photo Library)


Um das Mikrobiom hat sich in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entwickelt. Woran liegt das, wo doch die Erkenntnis über die mikrobielle Besiedelung des Darms nicht neu ist? Und weiß man schon genug, um dieses Wissen gezielt, zum Beispiel zur Behandlung bestimmter Krankheiten, einzusetzen? Wir haben bei Dr. Ilse Zündorf und Professor Theo Dingermann, die auf der Interpharm einen Vortrag zum Thema Mikrobiom halten werden, nachgefragt.

DAZ.online: Dass unser Darm von Bakterien besiedelt ist, ist ja keine wirklich neue Erkenntnis. Das Wissen, dass die Funktion dieser Flora aber deutlich mehr betrifft als nur die Verdauung, scheint zumindest gefühlt verhältnismäßig neu. Woran liegt das, dass man sich erst in den letzten Jahren intensiv damit beschäftigt? 

Zündorf/Dingermann: Ja genau, dass wir von Bakterien besiedelt sind, wissen wir seit den ersten mikroskopischen Versuchen von Antonie van Leeuwenhoek im 17. Jahrhundert. Mit den wissenschaftlichen Weiterentwicklungen kamen dann auch die Möglichkeiten, sich die Mikroorganismen genauer anzuschauen. Der letztliche Durchbruch kam, als die Sequenzierung von DNA immer schneller und billiger wurde. Mittlerweile sind sehr viele Genome von verschiedensten Bakterien, Viren und Pilzen durchsequenziert und man weiß, welche Stoffwechselleistungen diese Organismen erbringen. Heutzutage ist man so weit, dass man gar nicht mehr einzelne Organismen isoliert und charakterisiert, sondern einfach aus einem Biotop alle Nukleinsäuren gewinnt, die darin vorkommen und sequenziert. Anschließend werden die erhaltenen Sequenzen den verschiedenen Organismen in den vorhandenen Datenbanken zugeordnet. Man nennt diese komplexe Sequenzanalyse auch Metagenomik. Mit diesen neuen Möglichkeiten konnte man sich Ende der 1990er-Jahre die verschiedenen Bakterien und ihre Funktion genauer anschauen. Und dabei hat man dann eben auch festgestellt, dass Bakterien dabei waren, die man an der Stelle gar nicht vermutet hat.

Am 13. und 14. März 2020 findet in Berlin die Interpharm statt. Ein Themenblock des wissenschaftlichen Kongresses befasst sich mit dem Thema „Geheimnisvolle Mitbewohner – Praxiswissen rund ums Mikrobiom“.

Das volle Programm und weitere Informationen finden Sie hier.

DAZ.online: Kann man das Mikrobiom insofern mit dem Genom vergleichen, dass es nach und nach jetzt entschlüsselt wird und das Wissen somit wächst?

Zündorf/Dingermann: Mit den wachsenden technischen Möglichkeiten kann man inzwischen unglaubliche Datenmengen generieren und vergleichen. Das fing natürlich 1990 mit dem Humangenomprojekt an. 2007 wurde durch die National Institutes of Health in den USA – analog zum Humangenomprojekt – das Human Microbiome Project gestartet. Mittlerweile gibt es ja noch mehr solche umfassenden Sammlungen, denken Sie nur an das Krebsgenomprogramm, die verschiedenen Biotop-Kartierungen, die Transkriptom- oder Metabolom-Analysen, und so weiter. Wir sammeln derzeit unglaublich viel Wissen und versuchen, daraus entsprechende Schlüsse, eventuell auch als Therapieansätze zu ziehen.

DAZ.online: Weiß man denn heute bereits wie ein gesundes Mikrobiom aussieht im Gegensatz zu einem kranken?

Zündorf/Dingermann: Hier muss man ganz klar sagen: „Nein, wir wissen momentan nicht, was eine gesunde Mikrobiota ist“. Das Problem ist, dass wir trotzdem natürlich noch unsere eukaryontischen Zellen und deren Stoffwechselleistung, unsere Ernährungsweise und unsere Umgebung mit einbeziehen müssen. Wahrscheinlich gibt es gar nicht DIE EINE gesunde Mikrobiota, sondern verschiedene, die für bestimmte Menschen in bestimmten Lebensräumen besonders gut geeignet sind.

DAZ.online: Glauben Sie, dass man irgendwann so weit sein wird, dass man sagen kann „so muss es sein und so nicht und wenn ich diese Bakterien durch jene ersetze, ist alles gut“ (also vergleichbar einer Erbkrankheit, bei der eine bestimmte Mutation kausal ist) oder ist das Ganze zu komplex und multifaktoriell, sodass man es immer im Gesamtkontext betrachten muss?

Zündorf/Dingermann: Ja, wahrscheinlich wird man irgendwann mal so weit sein, dass man bestimmte Bakteriencocktails zusetzt, um die Stoffwechsellage in einem Menschen zu verändern. Aber es wird noch einige Zeit dauern. Man kann es ganz gut mit dem Humangenomprojekt vergleichen: Wir wissen inzwischen ganz viel, was alles falsch läuft bei den verschiedenen Erbkrankheiten. Trotzdem sind wir noch immer nicht in der Lage, beispielsweise eine Cystische Fibrose durch Gentherapie zu heilen. Das Zusammenspiel der zahlreichen Mikroorganismen in und mit unserem Körper ist diesbezüglich noch viel komplexer. Bis wir auf diesem Gebiet so weit sind, dass wir gezielt eingreifen können, müssen noch etliche Daten gesammelt und analysiert werden.

DAZ.online: Was erwartet die Interpharm-Besucher bei Ihrem Vortrag?

Zündorf/Dingermann: Wir wollen halbwegs realistisch aufzeigen, was man mittlerweile weiß, aber auch, was man eben noch nicht weiß. Und müssen dadurch vielleicht leider den Zuhörern die Illusion nehmen, dass wir bereits den idealen Bakteriencocktail zum Abnehmen oder gegen Depression parat haben.

Geheimnisvolle Mitbewohner – Praxiswissen rund ums Mikrobiom

Wir und unsere Bakterien – was wir bisher über unsere Darmflora wissen

Dr. Ilse Zündorf und Professor Theo Dingermann

Freitag 13. März 2020, 9:10 Uhr; Wissenschaftlicher Kongress 


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