Shingrix

Ergibt eine Gürtelrose-Impfung ohne vorherige Windpocken-Erkrankung Sinn?

Berlin / Stuttgart - 13.03.2019, 07:00 Uhr

Nur Patienten mit Varicella-Zoster-Infektion – vorheriger Windpocken-Erkrankung oder Varizellen-Impfung – können im Rezidiv an Herpes Zoster erkranken. (s / Foto: natus111 / stock.adobe.com)

Nur Patienten mit Varicella-Zoster-Infektion – vorheriger Windpocken-Erkrankung oder Varizellen-Impfung – können im Rezidiv an Herpes Zoster erkranken. (s / Foto: natus111 / stock.adobe.com)


Schützt Shingrix auch vor Windpocken?

Bereits seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Varizellen-Impfung für Kinder und Jugendliche. Die verfügbaren Vakzine (monovalente Impfstoffe: Varilrix®, Varivax®; tetravalente Impfstoffe: Priorix®-Tetra, ProQuad®) sind Lebendvakzine mit attenuierten Varicella-Zoster-Viren. Das Problem hierbei: „Das Auftreten eines Herpes Zoster, eine bekannte Späterscheinung nach natürlicher Varizellen-Infektion, kann auch nach der Impfung nicht ausgeschlossen werden“, erklärt GSK in der Fachinformation zu seinem Varizellen-Impfostoff Varilrix®.

Herpes Zoster

Herpes Zoster oder auch Gürtelrose wird durch das Varicella-Zoster-Virus (VZV) ausgelöst. Das zur Familie der Herpesviridae gehörende Virus ist neben den Herpes-Simplex-Viren 1 und 2 das dritte humanpathogene Alpha-Herpesvirus. Varicella-Zoster-Viren sind mit Herpes-Simplex-Viren zwar nahe verwandt, allerdings gibt es keine Kreuzprotektion. Das Varicella-Zoster-Virus zeichnet für zwei Erkrankungen verantwortlich: Varizellen (Windpocken) bei einer exogenen Erstinfektion mit Varicella-Zoster-Viren und Herpes Zoster (Gürtelrose) bei einer endogenen Reaktivierung der Viren. Somit können nur Patienten mit einer früheren Varizellen-Infektion auch einen Herpes Zoster entwickeln, es gilt: Kein Zoster ohne Windpocken. VZV persistieren nach einer Infektion lebenslang in den Spinal- beziehungsweise Hirnnervenganglien des Wirtes. Bislang ist als einziges Reservoir der Mensch bekannt. Das Lebenszeitrisiko für Gürtelrose beträgt 30 Prozent, Herpes Zoster trifft jedoch vorwiegend ältere Menschen. Laut RKI erkrankt jeder Zweite, der das 85. Lebensjahr erreicht, einmal während seiner Lebensspanne an einem Herpes Zoster.

Nach aktueller Datenlage ist die Häufigkeit eines Herpes Zoster nach Varizellen-Impfung nicht höher als nach natürlicher Windpocken-Infektion: „Diese Nebenwirkung, die nach Impfung berichtet wurde, tritt auch nach einer Infektion mit dem Varicella-Wildtyp-Virus auf. Es gibt keine Hinweise, dass das Risiko für das Auftreten dieser Nebenwirkung nach der Impfung höher ist als nach einer Varizellenerkrankung“, schreibt GSK in der Fachinformation.

Shingrix: „Entwicklung als Varizellen-Impfstoff macht keinen Sinn“

Der Grund für das Zoster-Risiko nach Impfung oder natürlicher Infektion ist, dass das Varicella-Zoster-Virus, wenn man sich einmal infiziert hat, ein Leben lang in den Ganglien persistiert. Diese Persistenz zeigen auch die attenuierten Varicella-Viren nach der Impfung. Während mit Subunit-Totimpfstoffen, wie Shingrix®, diese Gefahr nicht besteht.

Das RKI relativiert hier etwas: „Zur Prävention der Primärinfektion – der Windpocken – stehen tatsächlich zugelassene und hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung. Sie werden zwar als ,Lebendvakzine' bezeichnet, jedoch sind die darin enthaltenen ,Viren' derart abgeschwächt, dass von ihnen in der Regel (das heißt von beziehungsweise für gesunde Personen) keine Infektionsgefahr ausgeht und auch die Reaktivierungswahrscheinlichkeit äußerst gering ist", erklärt Dr. Annette Siedler vom Robert-Koch-Institut. Es gebe bereits Untersuchungen, die bei Kindern mit einer Immunsuppression belegen, dass die Reaktivierungswahrscheinlichkeit des Impfvirus gegenüber der des Wildvirus um ein Vielfaches geringer ist; das werde durch Daten bestätigt, die einen Rückgang der Herpes-Zoster-Fälle in der Allgemeinbevölkerung in den Altersgruppen zeigen, die bereits gegen Windpocken geimpft sind. „Das heißt, wer durch die Windpocken-Impfung einen wirksamen Schutz vor der Ansteckung mit dem Wildvirus erlangt hat, ist sehr wahrscheinlich auch vor der Gürtelrose gut geschützt“. Auf seiner Homepage beziffert das RKI dies bereits: „Geimpfte Kinder erkranken jedoch drei- bis zwölfmal seltener an Herpes Zoster."

Kann man somit nicht auch Shingrix® zur Immunisierung gegen Windpocken einsetzen? GSK erklärt auf DAZ.online-Anfrage: „Shingrix® ist nicht untersucht als Impfstoff gegen Windpocken.“ Das plant das Unternehmen offenbar auch nicht. GSK: „Eine Entwicklung als Varizellen-Impfstoff macht keinen Sinn“, erklärt GSK und nennt folgende Gründe. Man habe bereits einen „guten Varizellen-Impfstoff“. Somit müsste GSK zunächst zeigen, dass Shingrix® als Varizellen-Impfstoff mindestens genauso gut wäre wie der jetzige Varizellen-Impfstoff – „was gar nicht so einfach wäre“, so Dr. Anke Helten, Sprecherin von GSK. Und weiter: „Selbst wenn das gelänge, wäre das Nebenwirkungsprofil von Shingrix® mit mehr lokalen Reaktionen gerade auch bei Jüngeren für eine breite Anwendung bei Kindern problematisch“

Auch das RKI erklärt zum Einsatz von Shingrix® als Windpockenschutz:


Die Impfung mit dem Hz/su-Totimpfstoff stellt keinen Ersatz für eine indizierte Windpockenimpfung dar.“

RKI, Ratgeber zu Varizellen und Herpes Zoster




Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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