WDR-Sendung

100.000 Nasenspray-Abhängige

Stuttgart - 25.10.2017, 17:15 Uhr

In Apotheken ein bekanntes Problem: Suchtpotenzial von Xylometazolin-haltigen Nasentropfen. (Foto: Alliance / Stock.adobe.com)

In Apotheken ein bekanntes Problem: Suchtpotenzial von Xylometazolin-haltigen Nasentropfen. (Foto: Alliance / Stock.adobe.com)


Bei Schnupfen sind sie ein wahrer Segen, dauerhaft schädigen sie die Nasenschleimhaut: Abschwellende Nasensprays mit α-Sympathomimetika wie Xylometazolin oder Oxymetazolin. Zum Beginn der Erkältungssaison zeigt der WDR in der Sendung "Servicezeit" das Suchtpotenzial bei Nasentropfen: 100.000 abhängige Nasenspray-Junkies zählt Deutschland wohl. Dauerhaft seien die Sprays so schädlich wie Kokain, erklärt ein Arzt.

„Die Droge im kleinen Fläschchen“ – so startet der WDR seinen Beitrag „Wenn Nasensprays abhängig machen“. Bekannt ist das Problem schon lange, und welcher Apotheker kennt sie nicht, seine „Spezialkunden“, die rezidivierend nach Otriven, Olynth & Co. verlangen oder – meist nach dem „günstigsten Nasenspray“. Doch was erstaunt: Laut WDR sind in der Bundesrepublik 100.000 Menschen abhängig von den α-sympathomimetisch wirkenden Nasensprays oder Nasentropfen. 

Das Suchtpotenzial und die gesundheitlichen Folgen erzählt der Rundfunksender anhand einer Patientin, die seit 24 Jahren ohne ihre täglichen Xylometazolin-Tropfen „abends nicht schlafen könnte“. Immer mehrere Flaschen habe sie im Haus gehabt. „Ich brauchte die Tropfen“, erklärt die Patientin im Beitrag. In die Abhängigkeit sei sie durch eine schwere Erkältung im Jugendalter gerutscht – bei der sie die maximale Anwendungsdauer von sieben Tagen missachtet habe.

Suchtpotenzial bei Nasentropfen: Beratung wichtig

Predigen Apotheker teilweise wohl schon gebetsmühlenhaft die maximale Anwendungsdauer bei abschwellenden Nasensprays, verdeutlicht auch der WDR-Beitrag, wie wichtig eine gute pharmazeutische Beratung in der Apotheke ist.

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Zu Wort kommt auch ein HNO-Arzt. Anschaulich vergleicht Dr. Jürgen Zastrow den Effekt des Nasenspray-Abusus mit der „Muckibude“ - durch das Zusammenziehen der Gefäße und das darauffolgende Abschwellen durch Xylometazolin, „das heißt die Muskeln wachsen, wenn Sie sie immer wieder anstrengen“, erklärt der Facharzt aus Köln.

Stinkenase und Sattelnase durch abschwellende Nasensprays

Ist es für Patienten kurzfristig lästig, an einer verstopften Nase zu leiden und auf Nasensprays fortwährend angewiesen zu sein, hat der Missbrauch von abschwellenden Nasenpräparaten auch längerfristig schädigende Wirkung: Die trockene Nasenschleimhaut begünstige Krusten, unter denen sich auch Bakterien ansiedeln könnten und Bakterienherde bildeten, erklärt der HNO-Arzt. Die Folge: eine Stinkenase. Durch Gewebeveränderungen könne sich die Nase sogar auch optisch äußerlich verändern und zu einer aus dem Boxsport bekannten Sattelnase führen. Im schlimmsten Fall müsse die dicke Nasenschleimhaut operativ entfernt werden.

Eine Entwöhnung von Nasenspays ist meist langwierig und dauert mehrere Wochen. Lohnt sich jedoch. Denn dauerhaft schädigten abschwellende Nasentropfen die Schleimhaut wie Kokain, gibt der Arzt zu bedenken. Meist reduzieren Patienten die Xylometazolin-haltigen Tropfen sukzessive, erhalten ein nasales Corticoid und pflegende Nasenöle. 


Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
cmueller@daz.online


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2 Kommentare

Und über die enthaltenen Konservierungsstoffe kein Wort

von Andreas Grünebaum am 25.10.2017 um 18:34 Uhr

Üblicherweise verlangen die abhängigen Patienten nach den billigsten Mitteln - eben solche mit Konservierungsmitteln. Dies häufig auch noch bestärkt durch "ärztlichen Rat", in der Apotheke doch nach dem billigsten Spray von Al zu fragen.
War da nicht in den frühen 2000ern sogar mal das Verbot von Konservierungsmittelhaltigen Nasensprays oder Tropfen diskutiert worden? Die Hersteller kamen mit dem Argument davon, dass die Anwendungszeit ohnehin auf 7 Tage begrenzt sei und die Nasenschleimhaut nachweislich durch die Konservierungsstoffe erst nach 10 Tagen irreversibel geschädigt sei?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: AW: Und über die enthaltenen

von Dr. Peter Meiser am 27.10.2017 um 9:05 Uhr

Ein wichtiger Hinweis! Neben der ziliotoxischen Wirkung ist auch bekannt, dass sich die Zilienschlagfrequenz unter Konservierungsmitteln wie z.B. Benzalkoniumchlorid verringert. Somit werden die wichtigsten Barrieren zur Bekämpfung/ Verhütung von Neuinfektionen durch die THERAPIE beeinträchtigt bzw. sogar zerstört.
Die genannten Effekte treten bereits nach kurzen Zeiträumen auf, vgl. Mickenhagen et al. (2008). Die Prozesse sind selbstverständlich dosisabhängig, mit zunehmender (missbräuchlicher) Verabreichung muss mit Kumulationseffekten gerechnet werden - zumal die Dauer der Wirkung aufgrund mangelnder mucoziliärer Clearance länger sein wird als unter normal-physiologischen Bedingungen.
Hier ist viel Raum zur Profilierung in der Beratung:
1. Konservierungsmittelfreie Präparate empfehlen
2. Alternativen empfehlen (hypertone Salinsprays)
3. Zusätzliche Maßnahmen zur Nasenbefeuchtung und -pflege (Nasenspülungen, Inhalationen, Pflegesprays)

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