Innovationsfonds

AMTS-Projekte stehen bei Josef Hecken an erster Stelle

Berlin - 02.02.2016, 15:28 Uhr

G-BA-Vorsitzender Josef Hecken: Widerstand könnte weniger von Patienten, als von Ärzten kommen. (Foto: TK)

G-BA-Vorsitzender Josef Hecken: Widerstand könnte weniger von Patienten, als von Ärzten kommen. (Foto: TK)


Der Innovationsfonds soll künftig besondere Versorgungsformen fördern, die eine Chance haben, in die GKV-Regelversorgung überführt zu werden. Projekte zur Arzneimitteltherapiesicherheit sind dabei besonders  gefragt. Laut Josef Hecken stehen sie in der Agenda für die erste Tranche des Fonds ganz oben.

Der beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) angesiedelte Innovationsfonds kommt langsam in Fahrt. Die Strukturen sind geschaffen – bald können sich Projekte um eine Förderung bewerben. Insgesamt 1,2 Milliarden Euro stehen für vier Jahre zur Verfügung. Viele dürften auf diese Gelder schielen.

Josef Hecken, unparteiischer G-BA-Vorsitzender und zugleich Vorsitzender des Innovationsauschusses, hatte schon früh durchklingen lassen, dass er Projekte zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für besonders geeignet hält, eine Fondsförderung zu erhalten. Dies bestätigte er am Dienstag bei der Konferenz  „Innovationen für mehr Sicherheit“ der Techniker Krankenkasse (TK) in Berlin.

Es habe seinen Grund, warum AMTS-Projekte schon an „vornehmer Stelle“ in der Gesetzesbegründung – der Innovationsfonds wurde mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz eingeführt – zu finden seien. Auch auf der Agenda des Innovationsausschusses stünden sie bei der ersten anstehenden Tranche an vorderster Stelle förderungswürdiger Projekte.

Jeder will Arzneimittelsicherheit

Schließlich ist AMTS etwas, das jeder will. Dass bei der Arzneimittelversorgung einiges verbesserungswürdig ist, sei kein Geheimnis. Viele Zahlen schwirren zu diesem Komplex durch die Luft: So sollen 6,5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen bedingt sein  – ältere Menschen sind dabei besonders häufig betroffen. Und die Probleme in diesem Bereich wachsen, je älter und multimorbider die Patienten werden. Doch aller Erkenntnis zum Trotz: Eine echte Lösung ist noch nicht gefunden. Es gibt zwar einige Modellprojekte – doch noch keines brachte einen Durchbruch.

Und hier sieht Hecken die große Chance des Innovationsfonds. Dieser könnte dafür sorgen, dass ein überzeugendes Modell mittelfristig – in vier, fünf Jahren – tatsächlich Einzug in die Regelversorgung erhält. Zwei, drei unterschiedliche Ansätze könnten seines Erachtens erprobt werden – am Ende werde sich dann zeigen, wo die Evidenz am überzeugendsten ist.

Apotheker ins Projekt einbeziehen

Allerdings hat Hecken gewisse Vorstellungen und Ansprüche, wie diese Projekte aussehen müssten. Am besten ist aus seiner Sicht eines, bei dem ohne Zeitverzug sämtliche Verordnungsdaten – mit Diagnosen hinterlegt – bei der Krankenkasse zusammenlaufen und dem Folgeverordner zur Verfügung gestellt werden können. Auch im Notfall müsse die bestehende Medikation sofort erkennbar sein. Bevor ein solches Medium, in das alles zusammenläuft, nicht vorhanden ist, müsse man sich über andere Projekte, etwa zur Verblisterung von Arzneimitteln, gar nicht unterhalten, so Hecken.

Dieses Zusammenlaufen der Daten dürfe dabei nicht vom „good will“ des Patienten abhängen, betonte Hecken. Langwierige datenschutzrechtliche Diskussionen will er aber vermeiden. Er hat dazu einen klaren Standpunkt: Wer von der von Solidarität in der Gesetzlichen Krankenversicherung profitieren will, muss auch seinen Beitrag leisten und alles dafür tun, dass Belastungen des Systems abgewendet werden. Dazu gehört für Hecken auch, dass der Versicherte seine Daten zur Verfügung stellt. Allerdings sieht er den potenziellen Widerstand auch weniger vom Patienten ausgehen als von den Ärzten, die meinen, sie könnten zu „gläsernen Verordnern“ werden. Hier müsse man den Ärzten deutlich machen, dass das Erfassen der Verordnungsdaten nicht der Wirtschaftlichkeitsüberprüfung dienen soll. Hecken hätte daher auch nichts gegen eine anonyme Erhebung.

Dass Apotheker ebenfalls in die Projekte einbezogen sein müssen, ist für Hecken ebenfalls klar. Dies sei schon nötig, um die OTC-Medikation der Patienten im Blick zu behalten.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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3 Kommentare

Schön verpackte Sprengladung....

von gabriela aures am 04.02.2016 um 9:11 Uhr

...was Herr Hecken da auftischt !
Den Kassen alle Daten - inklusive OTC !
Na, da werden die Kassen schon aushandeln, wer der "üblichen Verdächtigen" ihnen das AMTS kostenlos anbietet - als Gegenleistung wird massiv für die günstigen Angebote im OTC Bereich geworben.
DocMO und Konsorten haben endlich ihre verzweifelt gesuchten RX-Umsätze plus kostenlose Werbung.

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Eine ganz andere Liga

von Wolfgang Müller am 02.02.2016 um 19:32 Uhr

Die Sache ist bloß die: Das was Hecken da betreibt, hat mit dem, was "Wir" uns treuherzig-perspektivisch erträumen, aber auch überhaupt gar nichts zu tun.

Hecken will bei uns in Deutschland einfach nur schnellstmöglich das haben, was es in Holland nach Scheitern eines ARMIN-artigen Vorläufers schon gibt.

Fair enough. Eben ein Alles zusammenführendes AMTS-EDV-System, gegen das es auch gar keinen möglichen Einspruch seitens der Patienten und Ärzte gibt. Ganz einfach, weil das genau DIE Möglichkeit ist, keine Daten zur Arzneimitteltherapie unter den Tisch fallen zu lassen. ALLES wird dann eben zwangs-registriert, "zum Wohle Aller". Letztlich ein System, das FUNKTIONIERT, und "nur" eine Daten-Selbstbestimmungs-Geschmacks-Frage (von Daten-"Schutz" braucht man hier ja nun nicht mehr zu reden, diese kuscheligen Zeiten sind dann vorbei .....).

Das ist zwei Ligen höher als wo wir uns gerade tummeln. Apotheken spielen hier als Datenlieferanten eine Rolle, die AMTS-Management-Aufgabe kann SONSTWO angesiedelt sein. Da hat Ministerin Huml vollkommen Recht (das IST definitiv eine unserer klügsten Verbündeten): Die Dienstleistung "Medikationsmanagement" (zu der es in dieser romantisierten Jargon-gestützten Ausprägung, sozusagen "Apotheker-Cuvee", sowieso nicht kommen wird), kann auch DIREKT bei den GKVen oder deren sonstigen "Dienstleistern" landen, wenn wir den Weg durch allzu simple "Sonderhonorierungen" dafür bereiten.

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Dann mal los!

von Kerstin Kemmritz am 02.02.2016 um 18:30 Uhr

Das ist ja quasi eine Blanko-Einladung an die Apotheker, sich durchaus zu beteiligen! Wo sind also unsere Projekte, in denen wir Daten über Kundenkarten sammeln? eGK-Projekte, bei denen der Patient Herr seiner (und ihrer) Daten bleibt? Wo sind die AMTS-Projekte, in denen Selbstmedikation und Wechselwirkungen mit Nahrungsmitteln berücksichtigt werden? Wo sind wir mit unseren Vorschlägen, die Medikation regelmäßig auf Doppelverordnungen, nicht mehr nötige Folgeverschreibungen zu prüfen? Wo ist das Projekt, das die Adhärenz durch Rabattvertragsarzneimittel testet, wo das Projekt, in dem Versorgungsengpässe durch Lieferschwierigkeiten untersucht werden? Jede Menge "Stoff", der uns am Herzen liegen sollte. Geht da noch was?

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