Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

09.02.2016, 12:15 Uhr

Rückblick auf die letzte Woche (Foto: imagesab - Fotolia.com)

Rückblick auf die letzte Woche (Foto: imagesab - Fotolia.com)


Heute gibt’s ein Traum-Tagebuch! Schluss mit Lieferengpässen und Retaxfallen, Geld für Medikationspläne und Dienstleistungen, ein sicheres Apothekerinternet von der ABDA und Apotheker auf Augenhöhe mit Ärzten – jeder Tag ein anderer Traum, der nicht in Erfüllung geht.

1. Februar 2016 

Vergelt’s Gott, liebes Bayerisches Gesundheitsministerium, dass du uns Apothekers davor schützt, ein Honorar für den Medikationsplan zu bekommen. Denn so ein Honorar hätte „zu einer schwerwiegenden Schwächung der Apotheken führen können“, meint denn Bayerns Gesundheitsministerin Huml – wenn nämlich Beratungsleistungen von der pauschalen Vergütung für die Arzneiabgabe entkoppelt würden. Nach Meinung von Huml bestünde dann die Gefahr, dass letztlich die Honorierung der Beratung aus der Pauschale herausgerechnet werden könnte, was zu einer Absenkung des Apothekenhonorars führen würde. Jo mei, mei liabs Tagebuch, hast scho mal so was Verqueres gehört? Es wird immer abstruser, wie sich die Politik windet und dreht, den Apothekern keine Honorare für Extra-Dienstleistungen zahlen zu müssen. Und so sagt Huml ganz klar:  Der Apothekenaufschlag decke „pauschal grundsätzlich alle mit dem Arzneimittelversorgungsauftrag verbundenen Dienstleistungspflichten… und letztlich auch das Medikations­management“ ab. Basta! So, das war’s dann wohl mit der Hoffnung auf irgendwelche Zusatzhonorare für den Medikationsplan. Und überhaupt: Für den Medikationsplan, auch den elektronischen, soll grundsätzlich der Arzt die Verantwortung tragen. Also, ABDA, träum weiter – wir kriegen nix beim Medikationsplan, weder Geld noch Verantwortung.

2. Februar 2016

Was würden wir in Sachen Lieferengpässe machen, wenn wir nicht Haru Diefenbach hätten, den wackeren Don Quichotte, der nicht ruht, diesen Missstand aufzuspießen! Er träumt davon, mit neuen Aktionen Politik und Berufsvertretung Druck zu machen – uns zwar mit Fakten. Er bittet alle Apotheken um Zusendung von Defektlisten, damit er schwarz auf weiß nachweisen kann, dass Arzneimittel nicht lieferbar sind. Recht hat, er mein liebes Tagebuch. Lieferengpässe sind nach wie vor ein Problem und Ärgernis, das auch Rabattarzneimittel betrifft und so sogar das Risiko von Retaxationen nach sich zieht. Denn Kassen retaxieren im Fall der Nichtlieferbarkeit. Auch der Umgang mit hochpreisigen Arzneimitteln ist für Diefenbach ein Thema, das er aufarbeiten möchte. Mein liebes Tagebuch, und was macht unsere Berufsvertretung in Berlin? Sie richtet sich in ihrem Vereinslokal ein. Lieferengpässe scheint nicht das große Thema im Lindencorso zu sein. Traurig, oder?

Beim Innovationsfonds, dem großen Geldtopf des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), an den alle Leistungserbringer ran wollen, sind Projekte zur Arzneimitteltherapiesicherheit besonders gefragt – sagt Apothekers „Liebling“ Josef Hecken, der Vorsitzender des G-BA. Projekte zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) hält er für besonders geeignet, eine Fondsförderung zu erhalten. Klingt süß wie Honig. Sollte Apothekers Traum von einem honorierten AMTS in der GKV-
Regelversorgung noch wahr werden? Gemach, gemach, mein liebes Tagebuch, so wie wir uns das vorstellen, ist das nicht. Da hat Hecken so seine eigenen Visionen, und zwar auf den Punkt gebracht: Alle Verordnungsdaten der Ärzte, mit Diagnosen hinterlegt, sollen bei der Krankenkasse zusammenlaufen, in Echtzeit, ohne quälende Datenschutzdiskussionen. Apotheker können in ähnlicher Weise bei der OTC-Medikation mitspielen, meint Hecken. Ja, und dann werden es wohl die Krankenkassenexperten auswerten, oder die Ärzte. Aber kaum die Apotheker. (Wir sind ja auch nicht im G-BA.) Wenn wir mal glaubten, AMTS sei eine apothekerliche Domäne oder wir könnten gegen Honorar mitmischen – dann heißt es wohl auch hier: Träum süß, mein Apotheker.

3. Februar 2016

Ein Traum wird wahr: Das sichere Netz für Apotheker kommt! Ja, mein liebes Tagebuch, im Jahr 2016 hat unsere ABDA – endlich – ihre Füßchen aufs Neuland gesetzt und beginnt, eine Art „Safenet“ für Apotheken aufzubauen, etwas, was Ärzte schon lange haben. Sören Friedrich, ein Experte, den man von der Gematik abgeworben hat, verspricht: „Ich will ein Netz mit Mehrwert.“ Mein liebes Tagebuch, gut so, das wollen wir alle. Ach, wir sind ja schon so gespannt, wenn wir Apothekers dann mit Hochgeschwindigkeit auf unseren eigenen Datenautobahnen durchs Netz brausen! Und unseren Mehrwert genießen. Alle Fragen nach dem Wie und Was sollen noch im laufenden Jahr beantwortet werden, heißt es bei der ABDA, damit wir dann Ende 2017… – nein, nicht surfen können, sondern erst mal anfangen, mit der Umsetzung zu starten! Und da wir alle schon mal ein bisschen mit IT-Projekten zu tun hatten, wissen wir, dass die Umsetzung großer  Projekte, vor allem in Berlin, dauert und dauert und dauert. Der Traum vom baldigen schnellen Apothekernetz – erst mal ausgeträumt. Mein liebes Tagebuch, derweil können wir wetten: Was wird zuerst fertig, das neue ABDA-Haus, das mittlerweile schon auf 2019 terminiert ist, oder unser Apothekennetz?

4. Februar 2016

Kooperationen haben sich zum Erfolgsmodell entwickelt. Rund 88 Prozent aller Apotheken gehören schon zu einer Kooperation. Derzeit gibt es knapp 20.000 Mitgliedschaften in Kooperationen, d.h., etwa 2600 Apotheken sind sogar Mitglied in mehreren Kooperationen. Von straff geführten Verbünden im Stil von Franchise über dicke Einkaufskooperationen mit Marketingunterstützung bis hin zu Fachkooperationen für Spezialgebiete und regionalen Volkstanzgruppen – was das Herz begehrt, ist möglich. Nur noch wenige Apothekers glauben, überleben zu können, ohne monatliche Zahlungen an eine Kooperation abzudrücken. Meist sind es große Apotheken, die alleine stark sind. Mein liebes Tagebuch, auf dem Kooperationsgipfel des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK) zeigte sich, dass es für eine Durchschnittsapotheke in der Tat immer schwieriger wird, ohne Kooperation zurecht zu kommen. Eine Umfrage belegt: Vor allem die besseren Einkaufskonditionen, die man als Single-Apotheke kaum erzielt, sind das Zugpferd für eine Mitgliedschaft.

Der Kooperationsgipfel des BVDAK hat sich zum Branchentreff gemausert: Rund 400 Teilnehmer zählte er in diesem Jahr, die Teilnehmer kamen aus Pharma, Großhandel, Kooperationen und Agenturen –  und ein paar aus Apotheken. Vertreter der ABDA oder dem 17+17- Kreis meiden den Kongress wie der Teufel das Weihwasser. Das lässt den BVDAK-Vorsitzenden Hartmann kalt. So  nimmt er kein Blatt vor den Mund und sagt: Die ABDA ist seit Jahren mit sich selbst beschäftigt, die ABDA wird immer schlechter sichtbar für uns.“ Und er träumt davon, dass man endlich ehrlich miteinander ist: „Der Apothekenmarkt differenziert sich spürbar weiter. Das Spezialistentum nimmt weiter zu, nicht mehr alle Apotheken erfüllen alle Anforderungen.“ Und die ABDA schaut weg. Mein liebes Tagebuch, darüber sollten wir diskutieren. Bei den Rezepturen fängt es an. Wäre es besser, wenn Rezepturen nur noch von Apotheken zubereitet würden, die das wollen und vor allem richtig gut können? Sollen sich Apotheken spezialisieren und das nach außen auch kundtun dürfen?

Die Apothekenlandschaft der Schweiz ist sicher nicht unsere Traumlandschaft: Knapp 600 Apotheken in Ketten, rund 800 in Kooperationen und der Rest von 400 noch unabhängig. Da muss man Ideen entwickeln, wie man vor allem gegen die Kettenmacht besteht. Die rührige Genossenschaft TopPharm hat sich einiges einfallen lassen, um ihre Mitgliedsapotheken erfolgreich zu machen. Der Beratungs- und Betreuungsraum wird in diesen Apotheken groß geschrieben. Dort machen die Schweizer Apothekers Checks, z. B. Herzkreislauf- oder Diabetes-Checks, die von den Kunden mit starken Franken bezahlt werden (bis zu 70 Franken). Sie haben das Pilotprojekt NetCare aufgebaut, bei dem Patienten vom Apotheker eine honorierte medizinische Beratung erhalten und Hilfe bei kleineren Verletzungen. Wenn nötig, wird per Video ein Arzt dazugeschaltet. Selbst Antibiotika darf ein Apotheker abgeben, ohne Rezept. Ein Projekt mit einer Krankenkasse (Favorit Medpharm) macht die Apotheke zur ersten Anlaufstelle für den Versicherten, wenn er ein Gesundheitsproblem hat. Die Apotheke entscheidet dann, ob sie selbst helfen kann oder ein Arztbesuch angeraten wird. Der Versicherte bekommt dafür einen Prämienrabatt von 19 Prozent. Und die Apotheke ein Honorar von der Kasse. Die TopPharm-Apotheker verkaufen auch iHealth-Geräte, elektronische Fitness-Tracker, Blutdruckmessgeräte, Wearables. Die aufgezeichneten Daten kann der Patient an die Apotheke geben zur Auswertung, zusammen mit Ärzten. Die TopPharm-Apotheker freuen sich über diese Dienstleistungen und Aktivitäten. Der Präsident der TopPharm-Kooperation schwärmt sogar: „Wir haben das Jahrzehnt der Apotheken.“ Mein liebes Tagebuch, davon können wir wiederum nur träumen. Die Innovations- und Durchsetzungskraft unserer Standesvertretung träumt sich da eher durch Perspektivpapiere statt aktiv tätig zu werden. Wo uns das hinführen wird?

5. Februar 2016

Ok, wenn ein Rabattarzneimittel nicht lieferbar ist, muss die Apotheke dies nachweisen, z. B. durch eine Erklärung des Herstellers oder des pharmazeutischen Großhandels, sonst Retax. Aber, mein liebes Tagebuch, was haben wir gelernt: Retax ist eine Abzockmaschine und deshalb zicken jetzt die Krankenkassen, allen voran die DAK: Sie beharren darauf, dass eine einfache Erklärung des Großhandels, er können nicht liefern, nicht ausreiche. Nun, ganz streng genommen ist das wohl so, wenn man den Kommentar des Deutschen Apothekerverbands zum Liefervertrag liest. Also, so ist es richtig: Peinlichst genau muss aus der Großhandelserklärung hervorgehen, dass er nicht liefern konnte, weil der Hersteller nicht liefern konnte. Mamma mia, geht da noch mehr Kasperletheater? Also bitte, liebe Großhändler, druckt diese Formulierung auf eure Nichtlieferbarerklärungen, damit das Gezicke ein Ende hat. Mein liebes Tagebuch, wäre es nicht ein Traum, wenn der Deutsche Apothekerverband mit dem GKV-Spitzenverband endlich Retaxbedingungen vereinbaren würde, in denen nicht solche Retaxfallen lauerten?

So viele Träume! Und was passiert in der Realität? Die ABDA veröffentlicht – nein, kein Statement zu Lieferengpässen, keine Strategie zum Medikationsplan, keine Überlegungen, ihren Apparat zu verschlanken, kein…, sondern: ein Faktenblatt zur „Traumdroge“ Cannabis – Positionen, Forderungen, wie aus ABDA-Sicht mit der Droge umzugehen ist, wenn sie bald verordnet werden darf. Auch gut. Ist auch wichtig und richtig. Aber, mein liebes Tagebuch, manchmal träumen wir einfach von anderen ABDA-Faktenblättern.


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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5 Kommentare

Schluss mit der Träumerei!

von Wolfgang Müller am 07.02.2016 um 18:10 Uhr

Ganz ehrlich, die Zeit zum Träumen ist doch OFFENSICHTLICH vorbei, und es ist auch nicht mehr nötig. Die konkreten Projekte liegen SO auf der Hand, dass es schmerzt. Nur mal die einfachsten ZWEI, für die auch bei Politik und sonstigen "Partnern" (die "Wir" allerdings ja zuletzt immer lieber als Gegner sehen wollten) gar kein soo nennenswerter Widerstand zu erwarten ist. Wenn, ja WENN wir selber nur einfach mal LOSLEGEN würden!

1) Das vom Kollegen Ditzel angesprochene Rezeptur-Projekt, das endlich die Herstellung von Arzneimitteln in der Apotheke zeitgemäß zum Wohle von Patienten und Apotheken GMP-professionalisieren würde. Natürlich hat dieses Projekt einen entscheidenden Haken für alle Ängstlich/Behäbigen: Die Rezeptur-Herstellung müsste unter Tabu-Bruch und längst fälliger Anzahl-Verringerung profitabel gemacht werden. Die "Gemeinwohlpflicht" (über deren Absurdität sich künftige Kolleg/innen-Generationen köstlich amüsieren werden) müsste ein tatkräftiger ABDA-Manager endlich beerdigen. Welche Ehre könnte er sich damit in Wirklichkeit einheimsen!

2) Rettung des Medikations-Managements für uns ALLE durch konsequente Orientierung hin zu "MM auf ärztliche Überweisung", Modell Australien (und/oder war es Neuseeland? Gelegentlich Glaeske fragen) bzw. Meck-Pomm. Ebenfalls Haken: Die armen oberstolzen ApothekerInnen wären dann ja - wie der Anästhesist für den Chirurgen - "nur" Assistenten" eines beauftragenden Arztes! Dann doch lieber: gar nicht, "Wohl des Patienten" hin oder her?

Genau genommen ist das doch alles nur Psychologie, und für bestimmte "handelnde" Personen wird Perspektiv-TRÄUMEN immer viel schöner bleiben als - ja, eben einfach Realitäts-orientiert HANDELN. Und alleine schon dadurch, dass es hier jetzt so steht .... dann darf´s ja erst recht nichts G´scheits sein!

Offensichtlich: Ein Dilemma. Kommen wir da raus? Ich denke, ja. Mal sehen.

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... sind nichts als Schäume

von Christian Giese am 07.02.2016 um 12:01 Uhr

"Indem Sie träumen, rauben Sie sich die Energie, die Sie brauchen, um etwas anzupacken. Sie versetzen sich in einen vorübergehenden Zustand von Seligkeit, Ruhe - und damit Lethargie."
aus Gabriele Oettingen, Die Psychologie des Gelingens

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AW: Andererseits, lieber Kollege Giese.......

von Gunnar Müller, Detmold am 07.02.2016 um 12:25 Uhr

Wie hieß das noch - 'damals':
Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.........!
In diesem Sinne

Wie lange noch .......... ?!

von Gunnar Müller, Detmold am 07.02.2016 um 10:54 Uhr

.... wollen wir dieses unerträgliche Kasperletheater noch mitmachen?
Ja, mitmachen - indem wir nichts tun oder nichts anderes tun, als die Faust in der Tasche zu ballen. Aber eben nur in der Tasche!
Lasst uns also endlich den Druck erhöhen.
Wir sind Apotheker.
Wir sind DIE APOTHEKER.
Immer noch.

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Aufwachen,die Realitätssonne scheint !

von Ulrich Ströh am 07.02.2016 um 9:09 Uhr

Moin,
"steig ab vom Pferd, wenn Du merkst,Du reitest einen lahmen Gaul " !

Apothekers Traum von einem eigenen honorierten AMTS in der GKV Regelversorgung wird ein solcher bleiben.
Der 1. und 2. Februar im heutigen Tagebuch bilden treffend die Realität ab

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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