Hormongabe bei Hypothyreose

L-Thyroxin bei grenzwertigem TSH?

19.12.2013, 17:16 Uhr


Einer aktuellen englischen Beobachtungsstudie zufolge sind die Neuverordnungen von Schilddrüsenhormonen in Großbritannien in den letzten Jahren stark angestiegen – zwischen 2001 und 2006 mit jährlich 1,7-fachen Zuwachsraten. Auch in Deutschland wird Levothyroxin häufig und oft bereits bei subklinischer Hypothyreose verordnet. Die Diskussionen um das Für und Wider einer frühzeitigen Hormonsubstitution sind in vollem Gange.

Ziel einer kürzlich veröffentlichten britischen Kohortenstudie war es vor allem, Verordnungstrends bei den Verschreibungen für Schilddrüsenhormone zu identifizieren. Verwendet wurden Daten aus einem Verschreibungsregister in Großbritannien aus den Jahren 2001 bis 2009 über Thyroxin-Verordnungen für 52.298 Patienten. In der Studie wurden außerdem die TSH-Spiegel vor der Verschreibung, klinische Symptome und die TSH-Spiegel bis zu fünf Jahre nach Verordnung ausgewertet. Zwischen 2001 und 2009 stiegen die L-Thyroxin-Verordnungen bei TSH-Spiegeln ≤ 10 mIU/l signifikant, insbesondere bei älteren Patienten und solchen mit individuellen kardialen Risikofaktoren wie Vorhofflimmern, Diabetes, Hypertonie oder erhöhten Lipid-Spiegeln. Die Autoren folgern, dass ein Trend zur Verschreibung von L-Thyroxin bei milderem Hypothyreoidismus sowie ein substanzielles Risiko für die Entwicklung supprimierter TSH-Spiegel bestand. Zu erklären sei der Anstieg der Verordnungszahlen durch mehr Schilddrüsenfunktionstests sowie eine Abnahme der Grenzwerte. Nach Ansicht der Autoren hat die inzwischen weit verbreitete Praxis der Verschreibung von L-Thyroxin für Patienten mit grenzwertigen TSH-Spiegeln möglicherweise wenig Nutzen, dafür steigt das Risiko supprimierter TSH-Spiegel an.

Der Trend, der in der Studie von Taylor et al. dargestellt wird, lässt sich auch in Deutschland in ganz ähnlicher Weise schon seit vielen Jahren beobachten. Auch hier werden viele Menschen mit TSH-Werten zwischen dem etwas vage definierten oberen Grenzwert und 10 mIU/l mit L-Thyroxin behandelt. Priv.-Doz. Dr. Reinhard Finke, Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie merkt kritisch an, dass viele von ihnen Dosen von 50 µg pro Tag erhalten, die ihnen weder nützen noch schaden, aber unnötige Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Im Bereich von 4 bis 10 mIU/l befinden sich sehr viele Patienten, die bei einer Wiederholung der TSH-Messung völlig normale Werte haben. Daneben gibt es natürlich auch Menschen mit einer latenten Hypothyreose, die sicher in weiterer Zukunft behandelt werden müssen. Ein pathologischer Wert muss jedoch kontrolliert werden, eine einmalige Messung besitzt eine geringe Aussagekraft und ist noch keine Krankheit!

Lesen Sie ausführlicher in der aktuellen DAZ 2013, Nr. 51, S. 38: L-Thyroxin bei grenzwertigem TSH? Hormongabe bei Hypothyreose in der Diskussion.

Quelle: Taylor PN et al. Falling Threshold for Treatment of Borderline Elevated Thyrotropin Levels-Balancing Benefits and Risks. JAMA Intern Med, doi: 10.1001/jamainternmed.2013.11312.


daz.online


Das könnte Sie auch interessieren

Hormongabe bei Hypothyreose in der Diskussion

L-Thyroxin bei grenzwertigem TSH?

Hochbetagte mit latenter Hypothyreose profitieren nicht von L-Thyroxin

Keine Besserung der Symptome

Bei über 65-Jährigen mit latenter Hypothyreose konnten Symptome nicht gebessert werden

Levothyroxin für Ältere ohne Benefit?

Deutsche Schilddrüsenexperten präferieren Levothyroxin

Für wen welches Schilddrüsenhormon?

Über- oder Unterbehandlung kann kardiovaskuläre Mortalität erhöhen

Vorsichtig mit Schilddrüsenhormonen