Herausforderung Polypharmazie

Arzt oder Apotheker als Schnittstelle?

Berlin - 24.01.2013, 15:45 Uhr


Die Überprüfung der gesamten Medikation eines Patienten ist zeitaufwändig. Aber wer sollte diese Aufgabe übernehmen – und auch entsprechend honoriert werden? Die Apotheker stünden dafür bereit. Für den Bayerischen Hausärzteverband (BHÄV) steht allerdings fest, dass nur der Hausarzt dafür prädestiniert ist. Die Krankenkasse hkk kommt zu dem Ergebnis, dass Ärzte und Apotheker dafür verantwortlich sein sollten, die Risiken der Polypharmazie für die Patienten zu minimieren.

Von Polypharmazie spricht man, wenn Patienten fünf oder mehr unterschiedliche Medikamente gleichzeitig einnehmen – besonders häufig ist sie bei älteren Menschen mit mehreren Krankheiten. Die Studie der hkk mit Zahlen aus dem Jahr 2010 zeigt nun deutlich, dass mit einer steigenden Zahl behandelnder Ärzte auch das Polypharmazie-Risiko zunimmt: Mit einem behandelnden Arzt betrug der Anteil der Polypharmazie-Betroffenen 10 Prozent. Bei zwei Ärzten stieg er auf 30,8 Prozent, bei drei Ärzten auf 56,7 Prozent, und bei vier Ärzten waren 79,1 Prozent betroffen.

Diese Ergebnisse seien „erschreckend, aber nicht überraschend“, erklärte dazu der BHÄV-Vorsitzende Dr. Dieter Geis. Er fordert daher, das Gesundheitssystem zu einem hausarztzentrierten Primärarztsystem zu entwickeln: „Der Hausarzt muss die zentrale Stelle sein, bei der alle medizinischen Informationen über den Patienten zusammenlaufen, damit die Therapien in Absprache mit den Fachkollegen gezielt koordiniert und eine für den Patienten gefährdende Polypharmazie vermieden werden kann.“ Und diese besonders zeitaufwändige Überprüfung müsse auch eigens honoriert werden – wie es aktuell nur der Hausarztvertrag des BHÄV mit der AOK Bayern regelt.

Ganz so einseitig sieht Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung, der die Studie im Auftrag der hkk erstellte, die Lösung jedoch nicht: Eine langfristige, breitgefächerte Strategie müsse her. So könnte man unter anderem die beratende Rolle der Apotheken stärken, „indem man sie dazu verpflichtet, Arzneimittelübersichten zu erstellen und auf Kontraindikationen sowie Wechselwirkungen hinzuweisen“. Auch sinnvoll wären Leitlinien für Ärzte über die Nichtverordnung bestimmter Arzneimittel bei Polypharmazie – ähnlich der Priscusliste. Bei Patienten mit Polypharmazie könnten Ärzte außerdem regelmäßig „10-Minuten-Reviews“ durchführen, um die Anzahl und Art von Arzneimitteln zu reduzieren und kontraindizierte Arzneimittel zu vermeiden.


Juliane Ziegler


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