Polymedikation

Zahlenrätsel um Medikationsplan

03.06.2015, 12:10 Uhr

Im Nebel: Wie viele Patienten nehmen regelmäßig drei und mehr Arzneimittel ein? (Foto: Fotolia)

Im Nebel: Wie viele Patienten nehmen regelmäßig drei und mehr Arzneimittel ein? (Foto: Fotolia)


Berlin - Schon beim komplizierten Retax-Problem stochern der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband im Nebel: Keiner der künftigen Verhandlungspartner verfügt nach eigenen Angaben über valide Daten zum tatsächlichen Retax-Geschehen. Jetzt wiederholt sich das Zahlenrätsel beim Medikationsplan. Offensichtlich gibt es keine exakten Daten darüber, wie viele Patienten einen Anspruch auf den neuen Medikationsplan ab drei regelmäßigen Medikationen erhalten sollen.

Der Treuhand-Generalbevollmächtigte Frank Diener hatte kürzlich eine Kostenabschätzung zum Medikationsplan ab der ursprünglich geplanten Grenze von fünf und mehr Medikationen vorgenommen. Seine Rechnung gründete auf Daten des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI). Allerdings verfügt das DAPI über keine Daten zur Anzahl der Patienten, die regelmäßig drei und mehr Arzneimittel anwenden. „Die gewünschten Zahlen können wir Ihnen als Analyse leider nicht anbieten“, so die Antwort eines ABDA-Sprechers auf DAZ.online-Anfrage.

ABDA-Faktenblatt Polymedikation 

Stattdessen verweist die ABDA auf das Faktenblatt „Polymedikation“ vom September 2014. Danach nahmen im Jahr 2011 „über fünf Millionen Versicherte einer gesetzlichen Krankenkasse (GKV) fünf oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe in Arzneimitteln zur systemischen Therapie dauerhaft ein“. Über 600.000 Versicherte nahmen sogar zehn oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe in der systemischen Daueranwendung ein.

Fast 90 Prozent der GKV-Versicherten mit mehr als fünf unterschiedlichen Wirkstoffen, erhielten in demselben Jahr Verordnungen von mehr als einem Arzt. Und für etwa jeden vierten GKV-Versicherten, das sind gut 18 Millionen Bundesbürger, waren danach im Lauf des Jahres 2011 – unabhängig vom Zeitpunkt der ersten Verordnung und der Verordnungshäufigkeit – fünf oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe zur Behandlung notwendig. Für rund acht Prozent der Versicherten – und damit mehr als fünf Millionen Patienten bundesweit – wurden sogar zehn oder mehr verschiedene Wirkstoffe im Laufe des Jahres verordnet, heißt im ABDA-Faktenblatt.

Das Bundesgesundheitsministerium verfügt nach eigenen Angaben ebenfalls über keine Informationen. Im E-Health-Gesetzentwurf finden sich daher keine Angaben und Kostenschätzungen dazu.

Zahlen aus dem hkk-Gesundheitsreport

Etwas konkreter wird es im hkk-Gesundheitsreport 2012. In einer bevölkerungsrepräsentativen, schriftlichen Befragung von 1.498 Personen im Rahmen des Gesundheitsmonitors 2011 erfüllten elf Prozent der Befragten das dort gewählte Kriterium für Polypharmazie, nämlich die sich über mehr als drei Monate erstreckende Einnahme von fünf und mehr Arzneimitteln. Eine zweite Gruppe von 55 Prozent nahm ebenfalls länger als drei Monate ein bis vier Medikamente ein und 34 Prozent gaben an, sie nähmen Medikamente nur kurzfristig oder gar nicht ein, heißt es dort.

Die Auswertung der hkk-Versicherten ergab folgendes Bild der Polymedikation: 230.000 der knapp 300.000 Versicherten erhielten im Jahr 2010 mindestens ein Arzneimittel verordnet. 35,6 Prozent dieser Gruppe erhielten vier und mehr zusätzliche Verordnungen, fielen also in die Gruppe der Polymedikation. Weitere 42,8 Prozent der Gesamtgruppe erhielten nicht nur eine Verordnung, sondern nahmen regelmäßig zwei bis vier Arzneimittel.  


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