Neurochirurgie

Ketamin schützt Hirnzellen

Heidelberg - 03.09.2012, 11:23 Uhr


Nach Hirnblutungen, Kopfverletzungen oder einem schweren Schlaganfall überziehen elektrische Entladungswellen das Gehirn und verursachen das weitere Absterben von Nervenzellen. Neurochirurgen des Universitätsklinikums Heidelberg haben nun in einer internationalen Studie gezeigt, dass das gängige Narkosemittel Ketamin das Auftreten dieser Wellen drastisch vermindert.

Am Rand des abgestorbenen Gewebes entstehen Wellen elektrischer Entladungen, sogenannte „Spreading Depolarisations“, die sich über die benachbarten Regionen ausbreiten. Darauf folgt Schweigen – die Gehirnaktivität in diesen Bereichen kommt kurz zum Erliegen, denn die Nervenzellen sind vorübergehend nicht mehr in der Lage, Signale weiterzugeben. Je häufiger solche Wellen auftreten, desto länger brauchen die Zellen, um sich wieder zu erholen, und sterben schließlich ab.

Bisher standen die Mediziner diesen Vorgängen im Gehirn hilflos gegenüber. In einer aktuellen Studie wird nun erstmals ein möglicher Behandlungsansatz beschrieben. In die Studie, an der sich Universitätskliniken aus Heidelberg, Berlin und Köln, das King's College London sowie die Universitäten in Pittsburgh, Richmond und Cincinnati, USA, beteiligten, wurden 115 Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen oder ischämischem Schlaganfall eingeschlossen. Bei allen Patienten musste im Zuge der Behandlung das Gehirn teilweise freigelegt werden, so dass die Messelektroden an der Hirnoberfläche rund um das geschädigte Gewebe angelegt werden konnten. Anschließend wurde die Operationsnaht verschlossen und die Hirnströme über 15 Tage gemessen. Die Patienten befanden sich aufgrund ihrer schweren Erkrankung anfänglich oder für einige Zeit im künstlichen Koma. Als Narkosemittel kamen sechs verschiedene Wirkstoffgruppen zum Einsatz; jedes Zentrum verwendete seine üblichen Wirkstoffkombinationen.

Das Ergebnis: Im Gehirn von Patienten, die das Narkosemittel S-Ketamin erhalten hatten, traten 60 Prozent weniger Entladungswellen auf als bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Messung nicht narkotisiert waren. Bei den übrigen Wirkstoffgruppen zeigte sich kein solcher Effekt. Damit könnte Ketamin in der Behandlung nach Hirnverletzungen eingesetzt werden.

Literatur: Hertle, D. N., et al: Brain. 2012;135(Pt 8):2390-8.


Dr. Bettina Hellwig


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