Auslöser der EHEC-Infektionen

Sprossen unter EHEC-Verdacht

Berlin/Hannover/Lübeck - 05.06.2011, 17:49 Uhr


In Niedersachsen gibt es offensichtlich eine heiße Spur in der EHEC-Krise. Sprossen rücken in den Fokus der Bakterien-Detektive. Die Ausbreitung des aggressiven Darmkeims beschäftigt nun auch die europäische Politik.

In Niedersachsen gibt es Hinweise, dass Sprossen eine Ursache für die EHEC-Epidemie mit bisher 21 Toten sind. Das erfuhr die Nachrichtenagentur dpa am Sonntag, 5. Juni, aus Behördenkreisen. Es sei eine „ziemlich heiße Spur“, sagte ein Experte der dpa in Hannover. Eine Firma im Kreis Uelzen soll nach den Informationen in Verbindung mit Erkrankungen in Lübeck stehen.
Sprossen waren vor Jahren in Asien Ursache für eine schwere EHEC-Epidemie.

Kliniken in Norddeutschland arbeiten angesichts der EHEC-Fälle am Rande ihrer Möglichkeiten. Das sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) der „Bild am Sonntag“. In der Krankenversorgung gebe es Engpässe. Fehlende Kapazitäten etwa in den Städten Hamburg und Bremen könnten bisher aber durch umliegende Krankenhäuser ausgeglichen werden.

In Lübeck könnten sich bis zu 17 Patienten in einem Restaurant angesteckt haben. Der Wirt erwartet an diesem Montag noch ausstehende Befunde. Der dpa erklärte Joachim Berger, er habe Stuhlproben seiner Mitarbeiter, die in der Küche arbeiten, testen lassen. Dem ZDF hatte er erklärt, bei Untersuchungen seiner Gaststätte sei nichts gefunden worden. Offizielle Angaben etwa vom zuständigen Robert Koch-Institut gab es zunächst nicht.

Nach ZDF-Informationen handelt es sich bei den Erkrankten um eine dänische Reisegruppe, eine Gewerkschaftsgruppe sowie eine Familie. Von den Gewerkschaftern sei eine Frau gestorben, zwei seien schwer erkrankt. Berger schloss im ZDF nicht aus, dass er eine verseuchte Lieferung Lebensmittel erhalten habe. Seine Ware komme über Zwischenhändler vom Großhandel in Hamburg. Seinem Lieferanten vertraue er. „Er hat uns auch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung gegeben.“

In der kommenden Woche wollen sich Bahr und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) mit den Ministern der Länder beraten, wo inzwischen bei rund 2500 Patienten eine EHEC-Infektion nachgewiesen ist oder vermutet wird.

Die EU-Kommission will Deutschland bei der Suche nach der EHEC-Quelle helfen. Gesundheitskommissar John Dalli bot an, Experten zu schicken. Außerdem soll eine EHEC-Internetplattform rasch auf die Beine gestellt werden, über die Behörden gezielt Informationen austauschen können. Unter anderem sollen zudem Hinweise auf Behandlungsformen vom RKI ins Englische übersetzt und den EU-Staaten bereitgestellt werden.

Der EHEC-Ausbruch hat es kurzfristig auch auf die Agenda des EU-Gesundheitsministertreffens an diesem Montag in Luxemburg geschafft.

Entscheidungen über konkrete Hilfen für die betroffenen Landwirte stehen bei den Beratungen aber nicht an, sagte der Sprecher von EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos. Ein außerordentliches Treffen der Agrarminister - bei dem darüber entschieden werden könnte - ist für den 17. Juni geplant, verlautete aus EU-Kreisen.

Für die Hamburger Gesundheitsbehörden droht ein juristisches Nachspiel der Gurken-Warnung: Der erste spanische Obst- und Gemüsehändler will möglichst bald vor Gericht ziehen, wie Rechtsanwältin Sabine Pellens im Gespräch mit der dpa ankündigte. „Wir sind im Moment dabei, einen Eilantrag ans Verwaltungsgericht vorzubereiten, um Akteneinsicht von der aktenführenden Behörde zu bekommen.“ Sie vertritt die Firma Frunet, einen großen Öko-Produzenten und Händler in der Provinz Málaga.

Mithilfe der Akten will Pellens beweisen, dass die Hamburger Gesundheitsbehörde vor der Bezeichnung spanischer Gurken als EHEC-Träger die gesetzliche Sorgfaltspflicht vernachlässigt hat. «Nach unserem bisherigen Kenntnisstand sind bei diesen ersten beiden Proben, die der Warnung zugrunde lagen, nicht die vorgeschriebenen B-Proben entnommen worden», erklärte Pellens. Am Ende könnte es um Schadensersatz in Millionenhöhe gehen.

Bundesweit stieg die Zahl der EHEC-Infektionen am Wochenende weiter - allerdings etwas langsamer als zuvor, wie etwa die Behörden der schwer betroffenen Länder Hamburg und Niedersachsen mitteilten. Nicht alle Bundesländer gaben über das Wochenende aktualisierte Zahlen bekannt. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es außerhalb Deutschlands bereits mehr als 100 EHEC- und HUS-Fälle.

Schon 21 HUS-Todesfälle

Die Zahl der HUS-Todesfälle ist auf 21 gestiegen. Das berichtete der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Prof. Reinhard Burger, am Sonntag bei einem Besuch im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Demnach sind bundesweit 1526 EHEC-Fälle bekannt, bei 627 Patienten wurde das gefährliche hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) diagnostiziert. Zahlreiche Patienten schwebten in Lebensgefahr.


dpa


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