KHK

Polypille zur Prophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall?

07.07.2009, 15:48 Uhr


Eine Polypille, die fünf Wirkstoffe in niedriger Dosis als Fixkombination gegen die wesentlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen enthält, wurde in einer Phase-II-Studie auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet.

Das in der klinischen Entwicklung befindliche Produkt Polycap des indischen Studiensponsors Cadila enthält ein Diuretikum, drei blutdrucksenkende Arzneistoffe, ein cholesterinsenkendes Statin sowie Acetylsalicylsäure. Die Studienteilnehmer mit je einem Risikofaktor (Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen) aber ohne manifeste Herz-Kreislauf-Erkrankung wurden in einen von neun Therapiearmen randomisiert und erhielten die Studienmedikation über zwölf Wochen doppelt verblindet.

Der Effekt von Polycap wurde mit Monotherapien mit Acetylsalicylsäure (ASS), Hydrochlorothiazid (HCT) und Simvastatin oder Kombinationen von zwei bzw. drei blutdrucksenkenden Arzneistoffen mit und ohne ASS verglichen, um die Gleichwertigkeit gegenüber der Gabe von Einzelkomponenten nachzuweisen. Für die Parameter systolische Blutdrucksenkung, Herzfrequenzsenkung und Reduktion von 11-Dehydrothromboxan-B2-Werten im Urin als Maß für die thrombozytenaggregationshemmende Wirkung von Acetylsalicylsäure, wurde dieses Ziel erfüllt. Die Senkung des Plasma-LDL-Spiegels fiel geringer aus als unter Simvastatin allein.

Die Zahl der Studienabbrecher war in den verschiedenen Gruppen etwa gleich groß und korrelierte nicht mit der Anzahl der verabreichten Arzneistoffe, was die Studienautoren als Beleg für Sicherheit und Verträglichkeit der Polypille ansehen. Aus historischen Daten von Wald and Law ermittelten sie anhand der erreichten Laborwerte eine theoretische Risikoreduktion für ischämische Herzerkrankungen von 62%, für einen Schlaganfall von 48%.

Ein Kommentar wirft verschiedene Fragen zur Therapie auf: Wer kommt zukünftig für die Therapie mit einer Vielzahl von Arzneistoffen in Frage? Wie kann man Nebenwirkungen eindeutig den Arzneistoffen zuordnen? Und wie lassen sich Dosisoptimierungen vornehmen? Fragen, die sich nur mit anschließenden Phase-III-Endpunktstudien beantworten lassen. Angesichts der scheinbar guten Verträglichkeit wird die Hoffnung geäußert, mit der einfach einzunehmenden, preiswerten Multimedikation Patienten in Entwicklungsländern Zugang zu einer Therapie zu ermöglichen. Zu den im Kommentar genannten Chancen gehört ferner, in der industrialisierten Welt Patienten mit Risikofaktoren zu erreichen, die bisher aufgrund mangelnder Compliance keiner Therapie zugänglich waren. Die neue Therapieoption könnte aber diesen Patienten jede Motivation nehmen, durch Änderung des Lebensstils, die wahren Ursachen ihrer Erkrankung zu beheben.

Quellen:
The Indian Polycap Study (TIPS): Lancet 2009, 373, 1341-1351.
C
annon, CP.: Lancet 2009, 373, 1313-1314.


Beatrice Rall