Gesundheitspolitik

Der Apotheken-Ökonom: Der Zahn der Zeit

Von Sprichwörtern und Redensarten

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Zähne und Zahn finden sich vielfältig in Redewendungen und Sprichwörtern in der deutschen Sprache. Wenn jemand wenig, ­sogar zu wenig Einnahmen hat, so reicht dies nur für den hohlen Zahn. Startet man vergebliche Versuche und kommt trotz größter Anstrengungen nicht zum Ziel, hat man sich an der begehrten Sache die Zähne ausgebissen. Dafür hat man zuvor die Zähne zusammengebissen, oftmals auch vor Wut oder Zorn. Manch einem mag in diesem Zusammenhang das Bild eines verbissenen Gesichts in den Sinn kommen. Natürlich ist es auch möglich, im Gegenzug jemandem die Zähne zu zeigen, also sich zu widersetzen, einer Sache oder einer Person entgegenzutreten. Dies macht man am besten mit Menschen, die man auf dem Zahn hat, die man nicht oder wenig leiden mag. Will man mehr über jemanden wissen oder auch Dinge erfahren, die nicht alle erfahren können, fühlt man einer Person oder einer Sache auf den Zahn. Beispielsweise in Bewerbungsgesprächen, bei Verhandlungen oder auch – so der eigentliche Ursprung – beim Pferdekauf, bei dem man bis heute durch ­Abklopfen der Zähne auf Alter und Konstitution des Pferdes zu schließen versucht. Manch einer hegt törichte Gedanken, überschätzt sich oder will etwas er­reichen, was definitiv nicht zu erreichen ist. Ihm sollte der Zahn gezogen werden, bevor er Schaden erleidet. Wer sich übernimmt oder seine Kräfte falsch eingeschätzt hat, kommt auf dem Zahnfleisch daher. Der Zahn der Zeit bedeutet, dass auf Dauer alles einem Verfall unterliegt und keinen Bestand ­haben wird. Ein steiler Zahn ist ein besonders begehrenswertes Mädchen, eine schöne Frau. Wenn man diese dann abwirbt bzw. ­abspenstig macht, hat man je­manden den Zahn abgeschraubt. Im Umkehrschluss hat man sich einen Zahn aufgerissen. Wer schnell ist, eine hohe Geschwindigkeit bei der Aufgabenerledigung zeigt, hat einen tollen Zahn drauf. Und wer eher langsam ­daherkommt oder eher zögerlich operiert, sollte einen Zahn zu­legen. Schließlich kennen wir alle die Menschen, die Haare auf den Zähnen haben, also eher schwierig im Umgang und kaum zu steuern sind.

Droht den Apotheken der Zahn der Zeit? Ist das knapp 19.000 Mal in Deutschland gemachte Angebot so in die Jahre gekommen, dass alles zernagt ist und vor sich hin marodiert? Darf man die Formulierung eines Apothekenstärkungsgesetzes bereits als Vorbote von derlei Befürchtungen interpretieren und ist dann noch Zeit, den Zahn derselben zu stoppen? Mit Jens Spahn regiert im Fachressort ein Minister, der einen tollen Zahn drauf hat und dort, wo ggf. noch Geschwindigkeit fehlt, immer einen Zahn zulegen kann. Wer ihn in Fernsehsendungen sieht und hört, hat zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass er – trotz der immensen Aufgabenflut – auf dem Zahnfleisch daherkommt, sondern im Gegenteil permanent dem System auf den Zahn fühlt. Seine Haltung ist auch die eines Ministers, der schnell und konsequent den Lobbyisten nicht nur einen Zahn, sondern Zähne zieht. Die Apothekerschaft argumentiert, dass das jeden Tag Geleistete budgetär nicht hinreichend gewürdigt werde, sodass das erzielbare Einkommen nicht für den hohlen Zahn reiche. Manch einer aus der Wertschöpfungskette Gesundheit beißt die Zähne zusammen und trägt mit vermeintlicher Fassung ein verbissenes Gesicht zur Schau, andere klappern mit den Zähnen vor Angst oder Empörung ob ihrer Einstufung. Und wieder andere zeigen die Zähne. Welche Strategie ist richtig und auf Dauer erfolgreich? Minister kommen und gehen, die Systeme bleiben. Doch in den wenigen Jahren einer von einem Minister geprägten Legis­laturperiode kann an Strukturen viel verändert werden, was danach langwierig oder schwer rück­gängig zu machen ist, von daher scheint die Zähne zeigen die ­bessere Haltung zu sein, als zum zahnlosen Tiger zu mutieren und jeden Vorschlag als stärkenden Kompromiss zu würdigen. Es reicht nicht, dass etwas Stärkungsgesetz heißt, es muss sich die tatsächliche Stärkung daraus beweisen und konservieren lassen. Und oft sind Zugeständnisse mit Kompromissen erkauft, die sich nicht immer und nicht zu ­jeder Zeit im Saldo rechnen. So ist Lobbyarbeit stets auch der Wettbewerb darum, wer sich an wem die Zähne ausbeißt. Dem Minister und seinem Amt muss der Zahn gezogen werden, dass Apotheken gegenwärtig genug verdienen, und die Apothekerschaft muss einen Zahn zulegen, um jeden Tag aufs Neue zu beweisen, dass dies nicht der Fall ist. Am Ende lautet die Gretchenfrage für Apotheken, wie die Gesellschaft und damit auch die Politik sie wahrnimmt. Als Frau mit Haaren auf den ­Zähnen oder als steilen Zahn, den jeder für sich gewinnen will. |


Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), Standort Stuttgart, und Inhaber des Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de

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