Gesundheitspolitik

Der Apotheken-Ökonom: Von Hellsehern und Wahrsagern

Ein Ausblick auf 2021

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Allen ist gewahr, es wird nicht wie früher oder konkreter gesagt: wie vor der Pandemie. Aber wie stark die Veränderungen sein werden und welche Konsequenz dies dann für jeden Einzelnen an seinem Platz hat, ist mehr als ungewiss. In unsicheren Zeiten sehnt sich der Mensch nach sicheren Umständen. COVID-19 hat uns unsere Grenzen aufgezeigt und lässt uns demütig werden. Es führt aber auch zu Veränderungen, die zuvor unmöglich erschienen und nun plötzlich gar nicht so schlimm anmuten. Mobile Office galt für viele deutsche Unternehmen und Institutionen als Tabu – nun, da es alternativlos scheint, werden die bisherigen Gegner teilweise zu leidenschaftlichen Verfechtern.

Die Maßnahmen der Bundesregierung und der Europäischen Union zur Stärkung der wirtschaftlichen Situation vernebeln gegenwärtig noch das wahre Ausmaß der ökonomischen Schäden. Hilfsprogramme auf der einen Seite, aber auch das Aussetzen beispielsweise der Insolvenzanmeldepflicht auf der anderen Seite führten bislang dazu, dass die Zahl der Insolvenzen groteskerweise fiel und nicht stieg. Und mancher Ökonom zweifelt zu Recht an, ob die strukturerhaltenden Wirtschaftshilfen nicht allzu oft auch von jenen genutzt werden, die bereits vor Corona nur bedingt überlebensfähig gewesen wären.

Eine veränderte Mobilität gepaart mit Geschäftsschließungen von Dienstleistern, Hotellerie und Einzelhandel wird aber manchen heute guten Standort von Apotheken zu einem nicht mehr brauchbaren Standort machen. Und die systemrelevante Apotheke könnte dann einen Frequenz- und in diesem Zuge Umsatzverlust erleiden, der nicht durch das eigene Geschäftsmodell geprägt ist, sondern durch das nicht mehr rentable Geschäft anderer erzeugt wird. Die auf dieser Basis immer wieder laut werdenden Solidaritätsbekundungen sind genau aus diesem Grund richtig und wichtig. Die lokale Wirtschaft kann sich stützen und muss es auch. Der Einzelne, der auf einen guten Standort ange­wiesen ist, kann nur so gut sein, wie es der Standort gemeinsam zulässt. Die Rolle der Apotheken ist von daher wichtiger geworden. Waren sie bislang ein stabiler Teil der Frequenzgenerierungs­maschinerie, sind sie jetzt zum Teil deren Treiber. Die öffentlich prominent artikulierte Systemrelevanz bescheinigt den Apotheken eine Rolle, die vielen latent klar war, aber eben nur latent. So wird es für Apotheken eine wichtige Aufgabe, sich auch an die Speerspitze ihres jeweiligen Standortes zu begeben und für dessen Erhalt zu kämpfen, gemeinsam mit all den anderen Gewerbetreibenden.

Im Herbst werden dann die Bundestagswahlen sein und vor dem Hintergrund der Verlautbarung der Kanzlerin, nicht mehr zu kandidieren, kommt es auf jeden Fall zu einem personellen Wechsel, wenn nicht noch Unvorhergesehenes passieren sollte. Mit jedem Monat, mit dem die Wahl näher rückt, werden Stimmen im Umfeld lauter, die hoffen, dass Frau Merkel nochmals weitermacht. Was sagt dies über Merkel, vor allem aber über die Alternativen aus? Durch Corona hat sich im Jahr 2020 kaum noch jemand dafür interessiert, wer CDU-Vorsitzender wird. Und auch die amtierende Vorsitzende trat kaum mehr in Erscheinung. Als denkbare Kanzlerkandidaten werden ausgerechnet zwei gehandelt, die sich zieren: Söder, der offensichtlich auf Knien gebeten werden will, und Spahn, der sich einen Hauch zu früh zurückgezogen und als Junior im Gespann mit Laschet positioniert hat und jetzt im Dilemma steckt, nicht die Rolle eines Königmörders zugewiesen zu bekommen. Die Pandemie und Spahn haben es allerdings vermocht, dem Gesundheitsministe­rium eine deutlich gewichtigere Position verschafft zu haben als bisher. Galt das Gesundheitsministerium lange als undankbar, weil man darin eher verlieren als gewinnen konnte, war es 2020 eindeutig ein Profilierungsministe­rium. Gesundheitspolitik hat an Bedeutung zugelegt. Selbst Lau­terbach hat an Kontur gewonnen, auch wenn die Omnipräsenz nervt.

Welche Koalition wird uns regieren? Wer wird Senior- und wer Juniorpartner in einer Regierung und welche Partei bekommt welche Ämter zugebilligt? Dauern die Koalitionsverhandlungen wieder so unsäglich lange wie bei der letzten Wahl im Herbst 2017 und wird es am Ende wieder ein fauler Kompromiss und nicht mehr? Die Apothekerschaft ist mit den beiden CDU-Ministern der letzten Jahre nicht schlecht gefahren, auf jeden Fall nicht schlechter als bei den FDP- oder SPD-Ministern, die zuvor das Amt bekleideten. Der Tranquilizer Gröhe und der hyperaktive Spahn waren zumindest nicht bekennende Apotheken-Kritiker, sondern auf jeweils ihre Art durchaus konstruktiv. Es wird vom Verlauf der Pandemie und der Wahl abhängen, ob und welches Amt Spahn bekommt oder behält. Seine Macht ist gewachsen, sein Ansehen auch, seine Krisentauglichkeit übersteigt die seines Parteifreundes Laschet, dem er sich unterordnen wollte. Neun Monate vor der Wahl sind aber sämtliche Prognosen gewagt, es hängt zu viel von Unwägbarkeiten ab.

Und die Apotheken sollten sich in diesem Licht als weiterhin das bewähren, was ihnen im Jahr 2020 gelungen ist: als Stütze des Systems. Wenn es dann noch gelingt, mit dem E-Rezept ein wichtiges Digitalisierungsprojekt sicher und wie geplant auf den Weg zu bringen und bei der Bekämpfung der Pandemie eine wichtige Rolle zu spielen, könnte es aus dieser Perspektive heraus ein richtig gutes Jahr werden. |

Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), Standort Stuttgart, und Inhaber des 
Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de

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