Therapien im Gespräch

Gecheckt!

Interaktionen erkennen und vermeiden

cst | In unserer neuen Serie „Gecheckt“ widmen wir uns klinisch relevanten Wechselwirkungen. Dazu nimmt Priv.-Doz. Dr. Stefan Oswald häufige Wirkstoffkombi­nationen unter die Lupe. Kern­element jeder Folge ist eine grafische Zusammenfassung der wesentlichen Punkte, die einen schnellen Überblick über Interaktionspartner, die Art der Interaktion, Risiken und mögliche Maßnahmen bietet.

Simvastatin und Amiodaron. Das Klasse-III-Antiarrhythmikum Amiodaron hemmt als mittelstarker CYP3A4-Inhibitor den ausgeprägten First-pass-Metabolismus des Lipidsenkers Simvastatin. Dadurch steigt die orale Bioverfügbarkeit des Statins von normalerweise nur etwa 5% auf nahezu das Doppelte. Eine Kombination beider Arzneistoffe kann zu Myopa­thien bis hin zu potenziell letalen Rhabdomyolysen führen. Bei gleichzeitiger Anwendung mit Amiodaron sollte die Simvastatin-Dosis 20 mg pro Tag nicht überschreiten. Eine risiko­ärmere Therapieoption stellt die Kombination von Amiodaron mit einem nur geringfügig über CYP3A4 metabolisierten Arzneistoff wie Pravastatin oder Rosuvastatin dar (DAZ 28, S. 24).

Polyvalente Kationen. Polyvalente Kationen umfassen zwei oder dreiwertige positiv geladene Ionen wie Calcium (Ca2+), Magnesium (Mg2+), Eisen (Fe2+), Zink (Zn2+) oder Aluminium (Al3+). Arzneimittel, die solche Kationen in großen Mengen enthalten, sind beispielsweise Antazida oder Sucralfat. Des Weiteren sind polyvalente Kationen in unzähligen Mitteln zur Supplementierung und Nahrungsergänzung zu finden. Werden größere Mengen polyvalenter Kationen gleichzeitig mit oralen Bisphosphonaten (Alen-, Clo-, Iban- und Risedronat), Fluorchinolonen (Cipro-, Levo-, Moxifloxacin) oder Tetracyclinen (Tetra-, Doxycyclin) eingenommen, so kommt es zur Bildung von schwer löslichen Chelatkomplexen. Die intestinale Resorption der Arzneistoffe wird dadurch drastisch verringert, die Wirksamkeit herabgesetzt. Vor bzw. nach der Einnahme der entsprechenden Arzneistoffe sollte daher ein angemessen großer zeitlicher Abstand zu Präparaten mit polyvalenten Kationen eingehalten werden. Gleichzeitige Nahrungszufuhr – insbesondere calciumreiche Lebensmittel – oder das Trinken von mineralhaltigem Wasser kann die Resorption ebenfalls herabsetzen (DAZ 32, S. 25).

©DAZ/Hammelehle

Anhand einer schematischen Übersicht – wie hier für den Triple Whammy (DAZ 36) – werden in unserer neuen Serie „Gecheckt“ die wichtigsten Fakten zu Interaktionen zusammengefasst.


Triple Whammy. Unter einem Triple Whammy – Dreifachschlag gegen die Nieren – versteht man die gleichzei­tige Anwendung von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Diuretika sowie Arzneistoffen, die hemmend in das Renin-Angiotensin-System (RAS) eingreifen, d. h. Hemmstoffe des Angiotensin-konvertierenden Enzyms (ACE-Hemmer), Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten (AT1-Blocker, Sartane) und Renin-Inhibitoren. Diese Kombination kann zur deutlichen Verschlechterung der Nierenfunktion bis hin zum akuten Nierenversagen führen. Mögliche Triggerfaktoren sind Volu­menmangelzustände (geringe Flüs­sigkeitszufuhr, starke Durchfälle, Erbrechen). Klagen Patienten über rasche Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen, Übelkeit und Oligurie (Urin­ausscheidung < 500 ml pro Tag) sollte man hellhörig werden. Mithilfe folgender Maßnahmen lassen sich die Risiken für Nierenfunktionsstörungen minimieren (DAZ 36, S. 37):

  • Vermeiden der dauerhaften Dreierkombination von RAS-Hemmer, Diuretikum und NSAR.
  • Im Bedarfsfall möglichst Paracet­amol oder wenn möglich topische NSAR nutzen.
  • Bei dauerhafter Schmerztherapie sind Metamizol oder Analgetika der WHO-Stufe II (z. B. Tramadol, Tilidin) eine Option.
  • Wenn eine NSAR-Therapie nötig ist, sollte vor allem zu Therapiebeginn (erster Monat) die Nierenfunktion regelmäßig überprüft werden (Serumkreatinin).
  • Aufklärung der Patienten über Symp­tome der akuten Niereninsuffizienz
  • Erinnerung der Patienten an aus­reichende Flüssigkeitszufuhr.

Orale Kontrazeptiva und Induktoren von Metabolisierungsenzymen und Transportproteinen. Die in oralen Kontrazeptiva enthaltenen Östrogene und Gestagene unterliegen nach oraler Gabe einem intensiven First-pass-Effekt und einer ausgeprägten enterohepatischen Rezirkulation. Aufgrund der komplexen Pharmakokinetik sind Östrogene und Gestagene vulnerabel für Interaktionsszenarien. Die Induktion beteiligter Metabolisierungs- und Transportprozesse kann zu einem signifikanten Abfall der Serum­spiegel der Östrogene und somit zur Abschwächung des vollen Verhütungsschutzes beitragen. Als starke Induktoren der beteiligten Metabolisierungsenzyme und Transportpro­teine sind Substanzen wie Johanniskraut, Rifampicin und Antiepileptika (z. B. Carbamazepin, Phenytoin oder Phenobarbital) gut etabliert. Auch wenn die klinische Relevanz der Interaktion aufgrund der dünnen Datenlage aus kontrollierten, randomisierten Studien unklar ist, sollte in der Apotheke doch auf die Möglichkeit der abgeschwächten Wirkung hingewiesen und bei bestehender Einnahme entsprechender Pharmaka eine wei­tere, nichthormonelle Verhütungs­methode empfohlen werden. Bei Neueinstellung mit Antikonvulsiva, die heute neben dem Indikationsgebiet der Epilepsie auch zur Behandlung von bipolaren Störungen oder neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, sollten nach Möglichkeit neuere Antiepileptika wie Levetiracetam, Vigabatrin oder Pregabalin zum Einsatz kommen. Diese besitzen im All­gemeinen ein gerin­geres Interaktionspotenzial. (DAZ 45, S. 31). |

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