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Diktatur der Digitalisierung?

Ein Meinungsbeitrag von DAZ-Chefredakteur Dr. Armin Edalat

Mit den Menschen in Afrika bringt man mittlerweile zum Glück nicht mehr hauptsächlich Hungersnöte, Epidemien oder bewaffnete Konflikte in Verbindung. Sie stehen vielmehr für eine Gesellschaft, die zunehmend moderner wird und in der man grundlegende Herausforderungen – gerade im Gesundheitssystem – auf digitale Weise versucht zu lösen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nutzt diesen Vergleich gerne, um Leistungserbringern und Entscheidern hierzulande den Spiegel vorzuhalten: Wenn eine Milliarde Menschen in einem zum größten Teil unterentwickelten und unzivilisierten Kontinent E-Health nutzen möchten, warum redet man dann seit Jahren in Deutschland um den digitalen, heißen Brei herum? Die Frage sei nicht, ob wir digitale Lösungen brauchen, sondern wie man sie einsetzt, so der Minister beispielsweise auf dem Deutschen Apothekertag vor rund zwei Monaten in Düsseldorf.

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Vorhandenes Potenzial verzehntausendfachen oder Fachärzte irgendwann ganz ersetzen? „In der Radiologie führt kein Weg an künstlicher Intelligenz vorbei“, titelte das Ärzteblatt am 19. Juni 2019.

Ein ähnliches, immer wieder vorgetragenes Beispiel betrifft die Radiologen. Rein rechnerisch und vor allem praktisch ist es den wenigen Röntgen-Fachärzten in der Volksrepublik China gar nicht möglich, all ihre Landsleute zu durchleuchten und ausreichend viele Diagnosen zu stellen. Also setzt man in dieser medizinischen Disziplin zunehmend auf künstliche Intelligenz, um das Potenzial einiger weniger chinesischer Radiologen zu verzehntausendfachen.

Mit der Folge, dass man solche Entwicklungen auch in unseren Breitengraden beobachtet, obwohl es meistens kein akutes Versorgungsproblem gibt. Mittlerweile existieren Dutzende Unternehmen in Osteuropa, China und Indien, die anhand der Bilder von Patienten aus den USA, Australien und Europa nach Auffälligkeiten suchen und Diagnosen stellen. Kliniken, die solche teleradiologischen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, begründen ihre Entscheidung vordergründig mit Nachwuchsmangel, in Wirklichkeit geht es um Kosteneinsparung.

Wahrscheinlich sind es die Radiologen, die aufgrund der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz derzeit am ehesten um ihre Jobs fürchten müssen. Doch deren Schicksal wird – so prophezeien es Digitalisierungskritiker und einige Ärzteverbände – nur eine Blaupause sein für eine Entwicklung, die man in vielen Fachbereichen und Sektoren beobachten wird. Dem so wichtigen technologischen Fortschritt steht meist die ökonomische Sense gegenüber. Was in Afrika oder China zur Verbesserung von Versorgung und Lebensqualität führen mag, dient hierzulande womöglich nur als Feigenblatt für Rationalisierungen und Einsparungen – und das leider meistens an der falschen Stelle.

Nächstes Beispiel: Telemedizinische Behandlung durch Hausärzte. Es gibt Länder, ganze Kontinente, in denen der digitale Patientenkontakt aufgrund der Fläche und Topografie schon jetzt eine wichtige Versorgungslücke schließt. Für ein so kleines und überschaubares Land wie Deutschland übersteigt das Konzept aber schnell die eigene Vorstellungskraft.

Natürlich will der fiebernde Patient am liebsten im Bett bleiben und die Frau mit der rezidivierenden Blasenentzündung benötigt eigentlich nur die Verordnung des bewährten Antibiotikums. Doch diese Fälle werden – bevor überhaupt ein einziger Mensch in Deutschland außerhalb eines Modellprojektes fernbehandelt wurde – derzeit hoch­skaliert auf das gesamte System. Es geht nicht mehr um digitale Nuancen und Detailverbesserungen, sondern um die Disruption aller bewährten Abläufe und Strukturen. Ist Telemedizin tatsächlich die Zukunft – für jedermann und in jedem Fall? So jedenfalls wird sie aktuell in der Öffentlichkeit und den Fachkreisen angepriesen.

Längst geht die Politik den Weg, dass sie nicht nur die Lebenswirklichkeit der Patienten versucht vorherzusagen, sondern auch die der Behandler.

Im Oktober fand eine Diskussionsveranstaltung der Bundesärztekammer statt. Als Beispiel für Telemedizin beschrieb Jens Spahn dort die Situation, „wenn der Arzt, der morgens um sechs in Lübeck sagt, ich habe gerade Zeit, bevor ich die Kinder zur Schule bringe, ein, zwei Stunden ärztliches Angebot zu machen, und jemand in München gerade morgens um sechs den Bedarf hat zum ärztlichen Gespräch“.

Ist das der vielbeschworene, medizinische Fortschritt? Hinterlassen wir damit tiefgreifendere Furchen als mit der Entdeckung der Röntgenstrahlung und der Entwicklung von Antibiotika? Diesen Vergleich zog Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha auf der Pressekonferenz zum Start des E-Rezept-Modellprojekts GERDA.

Foto: imago images/photothek

E-Health – entweder ganz oder gar nicht? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Besuch im „Startup Incubator - Civic Innovation Lab“ in der nigerianischen Hauptstadt Abuja im Oktober 2019.

Politik aus Einsen und Nullen

Der Chirurg und Kolumnist Dr. Bernd Hontschik kommentierte das oben beschriebene Spahn-Zitat jedenfalls so: „Abgesehen davon, dass ich etwas vergleichbar Dummes über den ärztlichen Beruf noch nicht gelesen oder gehört habe, ist im weiteren Verlauf des Berichtes aber leider an keiner Stelle vermerkt, dass die versammelten Funktionäre der Ärzteschaft dem Minister empört widersprochen hätten. Auch hat niemand den Saal verlassen.“ Parallelen zum Deutschen Apothekertag 2019 sind offensichtlich. Hontschik findet es grotesk, dass sich Ärzte und Krankenkassen beim Thema Digitalisierung so unterwürfig zeigen. Er spricht sogar von einer „Diktatur der Digitalisierung“.

Foto: Ute Schendel

„Die Digitalisierung wurde noch nie so rasant und ohne jeden Sinn und Verstand in das Gesundheitswesen hinein­gezwungen, als zurzeit unter Jens Spahn.“

Dr. med. Bernd Hontschik, www.hontschik.de

Nein, von einer Digital-Diktatur sind wir noch weit entfernt. Wir befinden uns aber in einer Phase, in der Ängste geschürt und Hoffnungen geweckt werden: Lässt man sich vorantreiben oder will man selbst etwas vorantreiben? Lässt man Veränderungen über sich ergehen oder gestaltet diese aktiv mit? Bundesgesundheitsminister Spahn beherrscht dieses Spiel perfekt. Er stellt Stakeholder und ganze Berufsgruppen nach dem Motto „Alles oder nichts – friss oder stirb“ vor die Wahl: „Entweder ihr geht mit mir diesen Weg, oder es läuft gar nichts.“ Eine Politik, die aus „Ja“ und „Nein“ besteht, aus Einsen und Nullen – auch ein Merkmal des Digitalen.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Innehalten, das Evaluieren, der Blick nach rechts und links, sowie auch mal zurück. Bevor die E-Rezepte überhaupt regulär eingeführt sind, überschlagen sich die Prognosen darüber, wie viele Patienten sie annehmen werden: 50, 70 oder gar 90 Prozent? Das Herumjonglieren mit den Zahlen gleicht einem Wachstums-Versprechen auf dem Kapitalmarkt. Daraus entsteht zwangsläufig Misstrauen bei den „klassischen“ Leistungserbringern wie den Apothekern, die sich auf jeden einzelnen Patienten mit oder ohne E-Rezept einstellen müssen. Außerdem werden immer häufiger Datenschutzbedenken im Zusammenhang mit den Gesetzesinitiativen aus dem Hause Spahn ge­äußert. Ob berechtigt oder nicht – viele klammern sich an diese Bedenken wie an den Hebel einer Notbremse. |

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