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Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig …

Mindestlöhne oberhalb der Armutsgrenze

Sollen gesetzliche Mindestlöhne ein nach unten offenes Lohndumping verhindern und damit den Wett­bewerb zwischen Unternehmen in halbwegs faire Bahnen lenken. Oder sollen sie den Beschäftigten auch ein „anständiges Leben“ jenseits des bloßen Existenzminiums ermöglichen? Eine Studie zeigt: Europaweit muss noch viel getan werden, damit sich Mindestlohnbezieher über der Armutsgrenze wiederfinden.

Wer 60 Prozent des mittleren Lohns verdient, der befindet sich laut Armutsforschern an der Schwelle zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Doch nur wenige europäische Länder wie Frankreich oder Portugal haben mit ihrem gesetzlichen Mindestlohn dieses Ziel erreicht. Deutschlands Mindestlohnempfänger kommen nur auf knapp 48 Prozent, in Spanien sind es gar nur 40 Prozent.

Thorsten Schulten, Mindestlohnexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), und Torsten Müller vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut zeigen in ihrer Studie, wie das Konzept von „Living Wages“ in verschiedenen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Spanien genutzt wird, um Armutslöhne zu verhindern.

Foto: stadtratte – stock.adobe.com

Löhne zum Leben

Ein „Living Wage“ soll wirklich zum Leben reichen, nicht nur für das bloße Überleben oder gar nur mit zusätz­lichen staatlichen Unterstützungs­leistungen. Der Begriff wurde 1994 im US-amerikanischen Baltimore, Maryland, geprägt. Unternehmen, die sich an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen oder Fördergelder beantragen wollten, mussten dort Gehälter bezahlen, die 70 Prozent über dem Mindestlohn lagen. Von Baltimore hat sich diese von Kirchen und Gewerkschaften gestartete Initiative in den USA und auch in Europa verbreitet.

Ein Beispiel: In Großbritannien können sich Firmen von der Living Wage Foundation zertifizieren lassen, wenn ihre Mitarbeiter Gehälter von mindestens 10 Prozent oberhalb des Mindestlohns erhalten (derzeit ₤ 9,00). In London müssen es, aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten, sogar 30 Prozent mehr sein (₤ 10,55).

60 Prozent als EU-Ziel vereinbaren

Auch in Deutschland müsste sich in Sachen Mindestlohn etwas bewegen, wenn die Marke von 60 Prozent des Medianlohns (der sogenannte Kaitz-Index) erreicht werden soll, sagen die Autoren. Gewerkschaften fordern als nächste Stufe 12 Euro pro Stunde. Schulten und Müller empfehlen außerdem, diese Orientierungsgrenze in der gemeinsamen Wirtschaftspolitik der EU-Länder zu berücksichtigen. |

Quelle

N N. Europa braucht höhere Mindestlöhne. Böckler Impuls 2019;16, www.boeckler.de/122440_122455.htm

Schulten T, Müller T. What’s in a name? From ­minimum wages to living wages in Europe. Transfer 2019;3, September 2019

www.livingwage.org.uk

sjo

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