Die Seite 3

Der nächste Akt

Foto: DAZ/Kahrmann
Dr. Benjamin Wessinger, Chefredakteur der DAZ

Das Drama um die Lieferengpässe von Arzneimitteln geht in den nächsten Aufzug. Der Handlungsstrang in den Krankenhäusern hat mit den aktuellen Engpässen Piperacillin-haltiger Antibiotika einen Zwischenhöhepunkt erreicht, nachdem es wohl eine Explosion in einem chinesischen Herstellbetrieb gegeben hat. Der Generika-Hersteller Hexal meldet zwar nun, dass er im ersten Quartal 2017 voraussichtlich rund 80 Prozent der deutschen Nachfrage wird bedienen können – aber der nächste Engpass kommt bestimmt.

In den öffentlichen Apotheken spannt sich derweil der Handlungsbogen: Zwei große Pharmagroßhändler haben unter Verweis auf Lieferengpässe (nichts anderes sind aus Kundensicht „Kontingentierungen“ durch den Verkäufer) der Hersteller ihre Konditionen „angepasst“. Für „Kontingentartikel“ sollen die Apotheken zukünftig den vollen AEP bezahlen, haben Phoenix und Gehe ihren Kunden mitgeteilt. Gleichzeitig hat der Vorsitzende des Großhandelsverbands Phagro, Dr. Thomas Trümper, den Herstellern vorgeworfen, an den Lieferengpässen der Großhändler schuld zu sein. Sie wollten teure Arzneimittel lieber im Direktgeschäft an die Apotheken vertreiben, um die Großhandelsmarge selbst einzustreichen (s. Seite 11 dieser DAZ).

Das wollten die Hersteller nicht auf sich sitzen lassen. Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen vfa schoss zurück: Es seien die Großhändler, die mit ihren Exporten aus Deutschland in „teurere“ Länder die Hersteller zu dieser Maßnahme gezwungen hätten. Keiner will also an den Engpässen schuld sein, jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen. Natürlich weisen auch die Krankenkassen jede Schuld an der aktuellen Situation (zu der auch Rabattverträge, Preisdruck, Exklusivvereinbarungen usw. gehören) weit von sich.

Die Apotheker stecken also in der Zwickmühle: Sie können zu den schlechteren Konditionen beim Großhändler einkaufen – wenn der das „seltene Arzneimittel“ überhaupt vorrätig hat. Oder sie bestellen direkt beim Hersteller (bzw. bei der Bestellplattform „Pharma Mall“), was durch den hohen Aufwand bei kleinen Mengen (oder gar Einzelbestellungen) in der Regel betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Dazu kommen die meist längeren Lieferzeiten – aber deren Folgen betreffen den Hersteller ja nicht.

Bleibt abzuwarten, wie das Schauspiel weitergeht. Vielleicht greift ja demnächst ein weiterer Akteur ein: Der Bundesgesundheitsminister hat sich in der Frage der Arzneimittel-Lieferengpässe bisher sehr zurückgehalten. Doch im Wahljahr könnte ihn der Unmut der Patienten – den bisher vor allem die Apotheken ausbaden müssen – zum Handeln animieren. Das könnte dem Stück eine neue Wendung geben.

Benjamin Wessinger

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