Fritz Becker zu Lieferengpässen

Rabattverträge machen das System fehleranfällig

Berlin - 30.05.2016, 19:10 Uhr

Lästiges Belegen: DAV-Chef Fritz Becker bemängelt, dass Apotheker bei Lieferengpässen Probleme mit den Belegen haben. (Foto: Sket)

Lästiges Belegen: DAV-Chef Fritz Becker bemängelt, dass Apotheker bei Lieferengpässen Probleme mit den Belegen haben. (Foto: Sket)


Aus Sicht der ABDA gibt es für Lieferengpässe keine einfache Erklärung. Sicher ist sich Fritz Becker, Chef des Deutschen Apothekerverbandes, dass einige Rabattverträge der Krankenkassen Engpässe verursachen können. Im Interview mit DAZ.online erklärt er, was die ABDA zur Lösung des Problems beiträgt.

DAZ.online: Herr Becker, warum sind Lieferengpässe nicht in den Griff zu kriegen?
Becker: Die Ursachen für Lieferengpässe sind vielfältig. Manche sind strukturell, manche sind situativ. Einige liegen in der Regulierung des Arzneimittelmarktes auf nationaler Ebene, andere haben eine internationale Dimension. Ganz entscheidenden Anteil haben sicherlich die Globalisierung der Wirkstoffproduktion und die Herausbildung von Oligopolen bei der Herstellung von Fertigarzneimitteln.

DAZ.online: Nun gibt es ja hierzulande schon einige Vorkehrungen, um Engpässe zu vermeiden. Warum helfen auch die nicht?
Becker: Die Lieferengpasslisten beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte beziehungsweise für Impfstoffe beim Paul-Ehrlich-Institut sind zwar in der Sache wichtig, helfen aber im Apothekenalltag leider kaum weiter. Sie erfassen ja nur freiwillige Herstellermeldungen und können nicht das gesamte Marktgeschehen sauber abbilden.

DAZ.online: Was fordern Sie in den Gesprächen mit der Politik, um die Versorgungssituation zu verbessern?
Becker: Unter anderem fordern wir immer wieder, dass Unternehmen zur Meldung von Lieferengpässen verpflichtet werden müssen. Dafür hat sich auch der Deutsche Apothekertag schon mehrfach ausgesprochen. Eine solche Meldepflicht würde sicher die Informationslage bei betroffenen Arzneimitteln verbessern.

Das BMG hat unsere Forderungen abgelehnt

DAZ.online: Warum konnten Sie das Ministerium nicht davon überzeugen?
Becker: Für das Bundesgesundheitsministerium geht diese Forderung zu weit. Unsere Forderungen nach mehr Transparenz sind bei Politik und Verwaltung bekannt, werden aber abgelehnt.

DAZ.online: Wie sehr fallen Lieferengpässe im Apothekenalltag auf?
Becker: Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass Lieferengpässe nicht nur das „Backoffice“ der Apotheke beschäftigen, sondern ganz konkret am Handverkaufstisch für den Patienten spürbar werden.

DAZ.online: Gefühlt sind Klinikapotheken stärker betroffen als öffentliche Apotheken. Stimmt das?
Becker: Lieferengpässe werden in unterschiedlichen Kontexten auch unterschiedlich wahrgenommen. Krankenhausapotheken brauchen andere Mengen und Wirkstoffe für die stationäre Arzneimitteltherapie als öffentliche Apotheken. Deswegen treten dort manche Engpässe auch dramatischer zutage.

DAZ.online: Hersteller klagen über sinkende Arzneimittelpreise in Deutschland. Trägt die Preisentwicklung bei Generika aus Ihrer Sicht zu Lieferengpässen bei? 
Becker: Die durchschnittlichen Arzneimittelpreise sind in Deutschland seit Jahren rückläufig und gerade Generika geraten durch Rabattverträge zusätzlich unter Druck.

Mehrfachvergaben würden ganz bestimmt helfen

DAZ.online: Also sind die Rabattverträge an allem schuld?
Becker: Auf der nationalen Ebene spielen sicher Ausschreibungen und Rabattverträge eine Rolle. Sie können die Zahl der Lieferanten verringern und das System fehleranfälliger machen. Das heißt aber nicht, dass Rabattverträge per se der falsche Weg sind.

DAZ.online: Wir brauchen also eine Reform der Rabattverträge?
Becker: Es geht eher um Nachjustierungen. Wenn es zum Beispiel einen Chargenausfall bei einem Hersteller mit Rabattvertrag gibt, wäre es sinnvoll, wenn ein anderer Hersteller unabhängig vom Preisniveau kurzfristig ausgleichen könnte.

DAZ.online: Mehrfachvergaben waren ja auch beim Pharmadialog Thema. Warum sind Sie so sicher, dass das ein entscheidender Punkt ist?
Becker: Das würde ganz bestimmt helfen. Bei drei Vertragspartnern können zwei noch einspringen, wenn einer kurzfristig ausfällt. Ich habe das auch mehrfach gegenüber der Politik betont: Drei Partner pro rabattiertem Wirkstoff pro Krankenkasse – das ist ein durchaus machbares Ziel. Das schafft Redundanz in der Versorgung. Manche Krankenkassen haben das zum Glück auch schon erkannt.

DAZ.online: Im Konsenspapier des Pharmadialoges heißt es ja nur, dass Mehrfachvergaben „geprüft“ werden sollen. Ist Ihnen das zu wenig?
Becker: Ob, wie und wann sich der Pharmadialog in einem Gesetzgebungsprozess niederschlägt, müssen wir sehen. Das Ergebnispapier ist an diesem Punkt genauso weich formuliert wie bei den meisten anderen Punkten. Der Abschlussbericht des Pharmadialogs ist aber kein Auftrag an Apotheker, sondern eine Selbstverpflichtung von Politik und Industrie, die nun aktiv werden müssen.

DAZ.online: Beim Pharmadialog ging es auch um eine Liste mit „gefährdeten“ Arzneimitteln. Ist die ABDA an der Erstellung dieser Liste beteiligt? 
Becker: Die Apothekerschaft war in der Vergangenheit schon im Gespräch mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – und ist auch in Zukunft gerne bereit dazu. Das BfArM hat ja schon unter Einbindung verschiedener Akteure an der Erstellung einer Liste versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel gearbeitet – und die Apothekerschaft hat da auch ihren Input gegeben.

Das Belegen von Lieferengpässen ist für uns lästig

DAZ.online: Zurück zu den Apothekern. Einigen Kassen reichen die Belege der Großhändler nicht aus, um Lieferengpässe nachzuweisen. Was sagen Sie dazu?
Becker: Das Belegen von Lieferengpässen ist für uns gelinde gesagt lästig. Das Abtelefonieren mehrerer Großhändler und des Herstellers sind schon fast zur unguten Normalität geworden.

DAZ.online: Was tut die ABDA, damit sich die Situation für Apotheker bessert?
Becker: Der Aufwand wird nicht gesondert vergütet. Gerade aus diesem Grund können wir einfach nicht akzeptieren, dass wir Apotheker zusätzlich noch das Risiko von Retaxationen tragen müssen. Krankenkassen müssen ein Interesse daran haben, dass ihre Versicherten in der Apotheke gut versorgt werden. Das geht nur, wenn man das Damoklesschwert der Retaxation komplett beiseiteschafft. Wir sind in vielversprechenden Gesprächen mit dem Ersatzkassenverband VDEK, um dieses Problem zu entschärfen.


Benjamin Rohrer, Redakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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