Gesundheitspolitik

Baustellen

Was aus Sicht der Apothekengewerkschaft Adexa verbessert werden muss – Interview mit Barbara Neusetzer

BERLIN (diz). Adexa, die Apothekengewerkschaft, hat in den sechs Jahrzehnten ihres Bestehens viel für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Apotheke erreicht. Aber noch gibt es Baustellen, die aus Sicht von Adexa verbessert werden müssen. Dass beispielsweise in Sachsen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für einen Lohn weit unter Tarif arbeiten müssen, ist für Adexa nicht hinnehmbar. Über diese und andere Baustellen wie die Ausbildung der PTA und die Bezahlung im Nachtdienst sprachen wir mit Barbara Neusetzer, der Vorsitzenden von Adexa.
Foto: Adexa
Sieht das Perspektivpapier der ABDA kritisch Barbara Neusetzer

AZ: Adexa, die Apothekengewerkschaft, konnte im Juli dieses Jahres ihr 60-jähriges Bestehen feiern. Sind Sie mit dem, was Sie in den letzten Jahren erreicht haben, zufrieden?

Neusetzer: Unterm Strich können wir mit dem, was wir in sechs Jahrzehnten erreicht haben, zufrieden sein. Die frühere Wochenarbeitszeit konnte von 48 Stunden auf 40 reduziert werden. Die Zahl der Urlaubstage hat sich von 24 auf 33 bis 34 Werktage erhöht. Was mir persönlich wichtig ist: Bei der Altersvorsorge der Apothekenmitarbeiter konnten wir vor drei Jahren die Arbeitgeber-finanzierte betriebliche Altersvorsorge einrichten. Da Apothekenmitarbeiter in vielen Fällen in Teilzeit arbeiten und dementsprechend weniger in die Rentenkasse einzahlen, konnten wir mit dieser Altersvorsorge einen Ausgleich und mehr Bewusstsein schaffen bei Arbeitnehmern, aber auch bei den Arbeitgebern, das heißt den Apothekenleiterinnen und -leitern, die hier ihren Beitrag dazu leisten müssen.

AZ: Aber es gibt neue Baustellen, zum Beispiel die längst überfälligen Anpassungen in der PTA-Ausbildung.

Neusetzer: Ja, eine sehr große Baustelle. Den PTA-Beruf gibt es, wie Sie wissen, seit 1968. Nach über 40 Jahren erreichen die damals ausgebildeten PTA das Rentenalter und scheiden aus dem Berufsleben aus. Das bedeutet, dass in Zukunft kaum noch steigende PTA-Zahlen dem Markt zur Verfügung stehen werden, wir steuern auf einen Mangel an PTA zu. Auch inhaltlich muss die Ausbildung auf einen neuen Stand gebracht werden, allein schon wegen neuer wissenschaftlicher Inhalte, wegen einer besseren Beratungsqualifizierung und vor dem Hintergrund der neuen Apothekenbetriebsordnung. Letztlich auch deshalb, weil der Beruf, so wie er heute ausgestaltet ist, keine Möglichkeiten zur Weiterbildung, zur Weiterqualifizierung bietet. Er hält keine Aufstiegsmöglichkeiten offen, auch nicht in finanzieller Hinsicht, und führt in eine Sackgasse. Aus dieser Sackgasse müssen wir Auswege aufzeigen.

AZ: Glauben Sie, dass Sie hier auf offene Ohren seitens der Arbeitgeber stoßen werden?

Neusetzer: Eigentlich müsste dies auch ein Anliegen der Arbeitgeber sein. Wenn sie mehr qualifiziertes Personal haben wollen, müssten sie auch dafür sorgen, dass der Beruf attraktiv genug ist. Ein junges Mädchen, das vor der Berufswahl steht, wird sich heute im Internet ansehen, welche Chancen ein Beruf bietet und was sie aus dem Beruf machen kann. Aus meiner Sicht sollte beispielsweise mit der PTA-Ausbildung auch die Fachhochschulreife erreicht werden. Die jungen Menschen sollten also auch die Chance bekommen, sich beispielsweise im Bereich der Gesundheitsökonomie weiterzubilden oder in anderen Fächern des Gesundheitswesens.

AZ: Sie plädieren auch für eine Verlängerung der PTA-Ausbildung?

Neusetzer: Auf jeden Fall. Eine Verlängerung um 240 Stunden wäre allein schon nötig, um die allgemeinbildenden Fächer mit unterzubringen und die Fachhochschulreife zu erreichen. Damit würde generell auch die Qualität der Ausbildung steigen. Auch vor dem Hintergrund anderer Assistenzberufe wie z.B. der MTA, die alle eine dreijährige Ausbildung absolvieren müssen, ist es notwendig, den PTA-Beruf anzupassen. Um es deutlich zu machen: Wir fordern eine Verlängerung um ein halbes Jahr an der Schule. Mit einer Verlängerung des Praktikums in der Apotheke wäre es nicht getan. Außerdem möchten wir, dass die Ausbildung an allen Schulen und in allen Bundesländern vereinheitlicht wird und nach gleichen Kriterien abläuft.

AZ: Wie sieht es im Berufsfeld der PKA aus? Läuft hier die Umsetzung der Novellierung?

Neusetzer: Ich habe den Eindruck, dass sich die Apothekenleiter noch nicht so sehr damit beschäftigt haben, welche Aufgaben hier auf sie zukommen. Die neuen Inhalte müssen umgesetzt werden. Bis jetzt hat auch kein Ansturm auf PKA-Ausbildungsplätze stattgefunden, eher im Gegenteil.

AZ: Manche Apotheken glauben sogar, dass sie ohne PKA auskommen können ...

Neusetzer: Ja, es ist in der Tat zu beobachten, dass manche Leiter davon ausgehen, die PKA-Aufgaben könnten die PTA mit erledigen. Aber keine der PKA-Aufgaben wie Warenwirtschaft, Marketing und Logistik lernen PTA in ihrer Ausbildung so gründlich wie die PKA. Wenn eine PKA so eingesetzt wird, dass sie das gesamte Bestellmanagement innehat und darauf schaut, für die Apotheke günstige Konditionen zu erhalten, dann würde sie den Apothekenleiter auf diesem Gebiet weitgehend entlasten.

AZ: Eine Apothekerin hat zusammen mit einem Seminaranbieter eine Weiterbildungsinitiative für PKA auf die Beine gestellt mit dem Ziel der Fach-PKA: Was halten Sie davon?

Neusetzer: Ich konnte mir die Ausbildungsinhalte bisher noch nicht ansehen, aber prinzipiell halte ich das für eine interessante Idee.

AZ: Eine weitere große Baustelle für die Adexa ist Sachsen. Nach wie vor ist der Sächsische Apothekerverband (SAV) kein Mitglied des Arbeitgeberverbands Deutscher Apotheken (ADA), und damit gilt der Tarifvertrag nicht in diesem Bundesland. Sehen Sie hier in naher Zukunft eine Trendwende?

Neusetzer: Eine Trendwende ist möglicherweise erst nach der nächsten Vorstandswahl Ende des Jahres in Sicht. Immerhin gibt es vereinzelt Signale, dass sich dann etwas tun könnte. So gab es sogar eine Initiative des SAV unter den Mitgliedern, ob denn wirklich unter Tarif bezahlt wird. Dieses Ergebnis kenne ich nicht, aber auch wir haben eine Umfrage unter unseren Mitgliedern in sächsischen Apotheken durchgeführt. Und was sich hier ergeben hat, schlägt dem Fass den Boden aus. Von den 193 Mitarbeitern, die geantwortet haben – Adexa-Mitglieder, aber auch Nicht-Mitglieder – werden 160 unter Tarif bezahlt, quer durch alle Berufsgruppen. Das ist mehr als erschreckend. Der niedrigste Wert ist dabei eine Entlohnung von nur 60 Prozent des Tarifgehalts. Die Mehrzahl wird mit rund 80 Prozent des Tarifgehalts entlohnt. Angesichts solcher Zahlen kann man nichts mehr schönreden.

AZ: Wäre das nicht auch eine Aufgabe von Kammern und Verbänden, hier zu intervenieren?

Neusetzer: Durchaus. Nach meiner Meinung kann und darf kein Kammer- oder Verbandsvorstand die Augen davor verschließen und sich mit dem Hinweis herausreden, das sei Tarifhoheit, man könne sich nicht einmischen. Ich denke, hier muss sich jeder einmischen. Laut ABDA-Satzung muss sich auch eine Kammer um alle Belange der Apothekerinnen und Apotheker kümmern, auch um den Zusammenhalt. Und wenn dieser Zusammenhalt dermaßen durch einen Verband gefährdet ist, weil es keinen Tarifvertrag gibt, dann ist dieser Zustand nicht mehr ABDA-konform. Hier muss etwas passieren. Das ist ein Skandal. Ich kann nur hoffen, dass sich ein neuer SAV-Vorstand dieser Angelegenheit annimmt.

AZ: Sehen Sie eine derart hohe untertarifliche Bezahlung auch in anderen Bundesländern?

Neusetzer: Die Antworten aus dem übrigen Bundesgebiet zeigen uns, dass dort nur vereinzelt unter Tarif bezahlt wird, aber bei Weitem nicht in der Größenordnung, wie es in Sachsen zu sehen ist.

60 Jahre Adexa

Mit einem Erlebnis- und Gewerkschaftstag sowie einer Jubiläumsfeier erinnerte die Apothekengewerkschaft Adexa am 5. Juli an ihr 60-jähriges Bestehen. Nachdem im April 1949 das Tarifvertragsgesetz in Kraft getreten war, wurde schon im darauffolgenden Dezember die in Landesgruppen organisierte „Tarifgemeinschaft deutscher angestellter Apotheker“ gegründet. 1954 schlossen sich die Tarifgemeinschaften der Länder zum „Bundesverband der Angestellten in öffentlichen Apotheken“ zusammen, dem BVA. Zum 50. Jubiläum im Jahr 2004 erfolgte die Namensänderung von BVA in „Adexa – Die Apothekengewerkschaft“.

Als der BVA 1954 startete, war in den Apotheken eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden üblich, ein Urlaubsanspruch von 18 bis 24 Werktagen, keine Sonderzahlung und unentgeltlicher Notdienst. Seit damals wurden 30 Rahmentarifverträge und 49 Gehaltstarifverträge geschlossen. 1957 wurde der erste bundesweite Gehaltstarifvertrag geschlossen. Erst 1968 gab es eine Regelung zur Notdienstvergütung. 1994, nach der Wiedervereinigung, einigte man sich auf den ersten gesamtdeutschen Rahmentarifvertrag.

Einer der größten Rückschritte aus Sicht der Adexa war der Austritt des Sächsischen Apothekerverbands aus dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) im Jahr 1996. Das habe zu zweierlei Klassen im Gehaltsniveau und bei den übrigen Arbeitsbedingungen geführt. Eines der Ziele von Adexa ist es daher, diesen Zustand zu beenden, wie die Adexa-Vorsitzende Barbara Neusetzer betont.

AZ: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das Perspektivpapier der ABDA?

Neusetzer: Das sehe ich sehr kritisch und problematisch! Wenn in Deutschland noch nicht einmal das Tarifgehalt flächendeckend als Mindeststandard für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezahlt wird – wie will man hier in Zukunft gut motiviertes Personal in ausreichender Zahl für die Apotheken gewinnen?

AZ: Damit nicht genug. Sie kämpfen derzeit für eine bessere Bezahlung im Nachtdienst ...

Neusetzer: Richtig. Die Vergütung für die Mitarbeiterin, den Mitarbeiter, der den Nacht-Notdienst macht, liegt derzeit unter dem Mindestlohn. Das kann’s nicht sein, zumal die Apotheke seit einem Jahr den Zuschuss aus dem Nacht- und Notdienstfonds erhält. Unsere erste Forderung war daher: Jede Arbeitsstunde im Notdienst muss wie eine normale Arbeitsstunde bezahlt werden.

AZ: Das ist die Maximalforderung ...

Neusetzer: Nun, wir sind hier kompromissbereit und haben dem ADA bereits weitere Vorschläge unterbreitet. Aber jetzt wird es Zeit, dass wir hier ernsthaft über diese Vorstellungen verhandeln und eine Lösung finden. Warum soll demjenigen, der den Notdienst macht, nicht die Auszahlung des Nacht- und Notdienstfonds zur Verfügung stehen? Es bleibt dem Apothekenleiter, der Apothekenleiterin ja unbenommen, den Nachtdienst selbst zu übernehmen.

AZ: Ein heißes Eisen. Werden Sie in Ihren Grußworten zum Apothekertag darauf eingehen?

Neusetzer: Bis jetzt bin ich nicht angesprochen oder gebeten worden, Grußworte beim Apothekertag zu sprechen, was ich sehr schade finde.

AZ: Frau Neusetzer, vielen Dank für das Gespräch. 

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