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Berufe in der öffentlichen Apotheke? Nein danke!

Mit einer Online-Umfrage ist ADEXA der Beliebtheit aller Apothekenberufe auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Zwei von drei Befragten würden ihren Kindern oder deren Freunden von einer entsprechenden Ausbildung abraten. Als Gründe wurden vor allem schlechte Arbeitsbedingungen sowie eine überbordende Bürokratie in den öffentlichen Apotheken genannt.

Ein weiteres, ähnlich verheerendes Urteil: 66 Prozent der Befragten würden nicht mehr ihren jetzigen Apothekenberuf ergreifen. Anstelle dessen fiele ihre Entscheidung heute zugunsten von Medizin, Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Informatik oder Technik aus. Hoch im Kurs stehen auch Berufe des Einzelhandels, der Werbung sowie Betriebswirtschaft oder Psychologie. Weitere Favoriten sind Rechts- oder Lehramtsstudiengänge. Und sollte es dennoch ein Apothekenjob sein, dann bitte in der Verwaltung, der Industrie oder im Krankenhaus, aber ja nicht in der öffentlichen Apotheke!

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An der Online-Umfrage nahmen 277 KollegInnen aller Altersgruppen und Berufe teil, darunter 191 angestellte oder selbstständige ApothekerInnen, 68 PTA und PI sowie 13 PKA; davon 44 Prozent weiblich und 56 Prozent männlich.

Druck von innen, Druck von außen

Was müsste sich ändern, um die Berufe PKA, PTA oder ApothekerIn wieder attraktiv zu machen? Das beginnt beim Verdienst – andere Branchen mit vergleichbarer Ausbildung und ähnlicher Verantwortung zahlen weitaus mehr, gute Aufstiegschancen inklusive! Perspektiven bzw. Entwicklungsmöglichkeiten hingegen fehlten in der öffentlichen Apotheke weitestgehend, so die Antworten. Dazu eine Approbierte: "Das Gehalt von Angestellten steht in keinem Zusammenhang mit der Ausbildung, unguten Arbeitszeiten etc. Und Apothekenleiter sind in der Regel schlechte, also unprofessionelle Chefs mit schlechten bis keinen Führungsqualitäten." Dazu gehöre auch, dass gerade PKA bzw. PTA oft weit unter ihrer Qualifikation beschäftigt würden. Keine Einzelmeinung: Die Arbeitssituation kommentieren zahlreiche der Befragten als "belastend" bzw. "nicht familienfreundlich", bedingt durch etliche Überstunden, Notdienste, einen schlechten Kündigungsschutz oder ein mieses Betriebsklima. "Ich würde niemandem empfehlen, in kleinen Betrieben zu arbeiten, in denen täglich die Arbeitnehmerrechte mit Füßen getreten werden", konstatiert ein Kollege. Zudem mangele es an Wertschätzung, insbesondere seitens der Politik, der Kassen und anderer Gesundheitsberufe.

"Bürokratie und Rabattverträge lassen keine Zeit mehr für das Wesentliche, nämlich die Pharmazie. Uns quälen ständige Existenzängste, ob der Chef nicht nach der nächsten Gesundheitsreform die Apotheke aufgeben muss."

PTA in der Online-Umfrage

Bürokratie statt Beratung

Der steigende Verwaltungsaufwand stößt ebenfalls sauer auf. Und so verwundert es nicht, dass sich viele KollegInnen einen Abbau der Bürokratie wünschen, um mehr Zeit für ihre Kunden zu haben. "Apotheker zu sein ist im Grunde ein wunderschöner Beruf, man weiß so viel aus den unterschiedlichsten Richtungen der Naturwissenschaften. Jedoch ist man in der öffentlichen Apotheke unterfordert, nicht an Arbeit, aber das Wissen kann nicht angewendet werden. Man sitzt nur noch über Schriften bzw. neuen Gesetzen. Oder starrt in den Computer und erzählt den Kunden Tag für Tag das Gleiche", so eine Approbierte.

Auch die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen und den Kostenträgern lässt zu wünschen übrig ("nur noch Handlanger von Gesetzgebung bzw. Krankenkasse").

Deshalb lautet das mehrfach geäußerte Fazit, alle Berufsbilder in öffentlichen Apotheken hätten in dieser Form "keine Zukunft", seien "nicht mehr attraktiv" und vom Profil her "nicht mehr zeitgemäß". Wird diese Entwicklung nicht gebremst, ist ein Fachkräftemangel unausweichlich.


Michael van den Heuvel


Barbara Neusetzer

Kommentar: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit


"Deutschland fehlen Fachkräfte: Besonders Ingenieure, medizinisches Personal und IT-Spezialisten werden gesucht", titelte kürzlich der "Spiegel online". Hier wäre zu ergänzen, dass es auch mit unseren Apothekenberufen nicht besser aussieht. Immer mehr PKA-Berufsschulen oder PTA-Fachschulen schließen aus Mangel an Interessierten, und PKA-SchülerInnen werden mancherorts schon zusammen mit angehenden Einzelhandelskaufleuten unterrichtet. Auch die Zahl an Pharmaziestudierenden ist alles andere als rosig: Laut ABDA schwanken die Werte zwischen 11.700 (2007/2008) und 12.500 (2009/2010), mal nach oben, mal nach unten. Ob dies ausreichen wird, erscheint fraglich, da etliche ApothekenleiterInnen in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen werden. Und es gilt, auch diese Lücken zu schließen.

Doch warum entscheiden sich immer weniger Schülerinnen und Schüler für Apothekenberufe? Mit Sicherheit, weil Politiker der Frustration an der Basis zu wenig Bedeutung beimessen und nicht gegensteuern. "Wer nach dem Pharmaziestudium Apotheker wird, hat einen verantwortungsvollen und sicheren Beruf", schreibt beispielsweise die ABDA. Verantwortungsvoll – mit Sicherheit, und das gilt auch für PI, PTA und PKA! Sicher – wohl kaum. Denn Regierungen aller Couleur haben in den letzten Jahren nichts unversucht gelassen, die Daumenschrauben bei öffentlichen Apotheken immer weiter zuzudrehen. Letztlich trifft das alle – Angestellte und ApothekenleiterInnen sitzen in einem Boot. Adexa sieht darin aber keine Rechtfertigung, den Druck von oben nach unten weiterzugeben. Oder, wie die Arbeitgeberorganisationen TGL-Nordrhein bzw. der SAV in Sachsen, Tarifblockade bzw. Tarifflucht zu betreiben – von einer zeitgemäßen betrieblichen Altersvorsorge ganz zu schweigen. Ein demotivierendes Betriebsklima durch mangelnde finanzielle wie persönliche Wertschätzung trägt nicht zur Attraktivität der Berufe bei. Eine traurige Perspektive, aber wahr!

Vergessen wir eines nicht: Ohne die Angestellten sind öffentliche Apotheken nicht denkbar. Unsere Forderung insbesondere an die Politik und auch an die Arbeitgebervertreter: Leisten Sie Ihren Beitrag, um die Arbeitsbedingungen wieder attraktiver zu machen und die Bürokratie auf ein erträgliches Maß zu schrumpfen.


Barbara Neusetzer, ADEXA, Erste Vorsitzende



DAZ 2011, Nr. 37, S. 93

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