DAZ aktuell

Versorgungsengpässe – wie kritisch ist die Lage wirklich?

Diskussionsrunde zu künftigen Handlungsoptionen

BERLIN (ks). Ende letzten Jahres schlugen viele Publikumsmedien Alarm: Kliniken gingen lebenswichtige Arzneimittel aus, so die Botschaft. Vor allem Krebsmedikamente und Antibiotika fehlten. Am 31. Januar treffen sich nun die betroffenen Verbände der Arzneimittelhersteller, Krankenhäuser, Apotheker, Großhändler und Ärzte im Bundesgesundheitsministerium, um Handlungsoptionen zu diskutieren. Aus Sicht der pharmazeutischen Unternehmen stellt sich das Problem nicht ganz so problematisch dar, wie aus den Krankenhäusern zu hören ist.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hatte im November ein Positionspapier veröffentlicht, demzufolge Arzneimittelengpässe in den Kliniken gang und gäbe sind. 80 Prozent der Fälle träten plötzlich und ohne Vorabinformation der Arzneimittelhersteller auf. In der Folge müssten Patienten umgestellt werden, 20 Prozent von ihnen auf therapeutisch nicht gleichwertige Alternativpräparate. Die Herstellerverbände reagierten mit einer eigenen Stellungnahme und warben für eine differenzierte Betrachtung der Situation (DAZ 2012, Nr. 51, S. 27).

vfa definiert Versorgungsengpass eng

Eine Woche vor dem Verbändegespräch im Ministerium machte der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) seine Position erneut deutlich. Ein wirklicher Versorgungsengpass trete erst dann auf, wenn ein Wirkstoff nicht oder in zu geringer Menge verfügbar ist, für den es keine gleichwertige Alternative gebe, betonte Dr. Siegfried Throm, vfa-Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation. Und dies sei ein sehr seltenes Phänomen. Meistens könne – etwa im Fall eines Antibiotikums – auf ein anderes Präparat ausgewichen werden. Welche Arzneimittel konkret hinter den von der DKG angegebenen Zahlen stecken, habe man nicht einsehen können, sagte Throm. Man habe sich aber die Arzneimittellisten zweier großer Klinikapotheken angeschaut: Danach handele es sich bei den fehlenden Präparaten jedenfalls nicht um neue Arzneimittel. Ausfälle habe es beispielsweise bei zwei älteren Antibiotika gegeben: Fosfomycin und Streptomycin, beides Wirkstoffe, die angesichts zunehmender Resistenzen derzeit eine "Renaissance" erlebten. Sie werden jedoch nur noch von einem Hersteller produziert.

Problem Kostendruck

Throm macht keinen Hehl daraus: So sehr den Herstellern an ihrer Lieferfähigkeit gelegen ist – nur so machen sie schließlich Umsatz – Engpässe können sie niemals ganz ausschließen. Ursachen können etwa Probleme bei einem Zulieferer für Wirk- oder Hilfsstoffe, ein Ausfall einer Produktionsanlage, Umweltkatastrophen oder ein unerwartet hoher Bedarf sein. Doch beim vfa ist man überzeugt: Es wurden bereits viele Maßnahmen angestoßen, um das Problem so klein wie möglich zu halten. Die europäische Arzneimittelagentur EMA, die Überwachungsbehörden und Hersteller arbeiteten zusammen, um bestehende oder künftige Engpässe zu mildern oder zu lösen. Gegenwärtig werde zudem ein EMA-Aktionsplan zu diesem speziellen Thema erarbeitet. Der vfa-Geschäftsführer machte weiterhin deutlich, dass nicht zuletzt der Kostendruck dazu führe, dass bei den Herstellern eine Konzentration stattfindet und in preisgünstigeren Standorten produziert wird. Allerdings geht er nicht so weit, einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kostendruck und den Lieferengpässen herzustellen. In den vergangenen Jahren sei keine Zunahme des Problems zu erkennen gewesen, so der vfaGeschäftsführer. Dies gilt jedenfalls für sein Segment – die neuen Arzneimittel. Welche Auswirkungen Rabattverträge für Generika haben können, steht auf einem anderen Blatt.

KBV für nationale Arzneimittel-Reserve

Wenig Verständnis dürften die Hersteller für die ebenfalls im Vorfeld des Verbändegesprächs ins Spiel gebrachte Idee der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) haben. Diese hat sich für den Aufbau einer nationalen Arzneimittel-Reserve ausgesprochen. Hersteller und Großhandel sollten verpflichtet werden, wichtigste Arzneien vorzuhalten. Eingebracht wurde die Forderung vom Arbeitskreis der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) der Länder. Der KBV-Vorstand unterstütze dieses Anliegen "voll und ganz", sagte KBV-Sprecher Roland Stahl der DAZ. Über Details – etwa welche Medikamente vorrätig gehalten werden sollten und wie lange – könne die KBV allerdings noch keine weiteren Auskünfte geben. "Die Abläufe müssen noch erarbeitet werden", so Stahl.

Hersteller lehnen erweiterte Pflichten zur Vorratshaltung ab

Für Apotheken und Großhandel gibt es bereits verpflichtende Vorgaben zur Vorhaltung ausreichender Lagerbestände: mindestens für zwei Wochen muss in Krankenhausapotheken und im Großhandel vorgesorgt sein. Öffentliche Apotheken müssen den Bedarf bestimmter Präparate für eine Woche vorrätig halten. Auch die DKG hatte in ihrem Positionspapier moniert, dass es eine entsprechende Regelung für die Pharmaindustrie nicht gebe. Die Herstellerverbände hatten sich in ihrer gemeinsamen Stellungnahme bereits klar gegen erweiterte gesetzliche Pflichten zur Vorratshaltung ausgesprochen. Jeder Hersteller sei ohnehin im eigenen Interesse bestrebt, möglichst lieferfähig zu sein und halte daher in erheblichem Umfang Lagerkapazitäten vor. Weiterer Kostendruck werde am Ende möglicherweise zu Marktrücknahmen führen; manche Hersteller könnten sich gar veranlasst sehen, auf die Zulassung wenig rentabler Arzneimittel ganz zu verzichten. All dies gefährde die Anbietervielfalt – aus Sicht der Hersteller die wichtigste Voraussetzung, um Engpässe zu verhindern. Throm ergänzte letzte Woche, dass eine einheitliche Lagerfrist aufgrund der großen Unterschiede bei Ursachen und Ausmaß von Lieferengpässen nicht zielführend sei. Bei Präparaten mit kurzer Laufzeit sei sie gar kontraproduktiv.

AMK-Position offen

Mit welcher Position die Arzneimittelkommission der Apothekerschaft am Donnerstag ins Verbändegespräch gehen wird, war zu Wochenbeginn übrigens nicht zu erfahren. Man sei noch in der Meinungsbildung, hieß es auf Nachfrage aus dem Apothekerhaus.



DAZ 2013, Nr. 5, S. 22

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