Tierpharmazie

Auch Tiere haben "Zucker"

Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Hund und Katze

Von Sabine Wanderburg | Diabetes mellitus gehört zu den häufigsten endokrinen Erkrankungen bei Hund und Katze. Schätzungsweise 0,5% aller Katzen und bis zu 5% aller Hunde sind betroffen. Die Tendenz ist steigend und korreliert offenbar mit dem Anteil übergewichtiger Tiere. Bei der Katze liegt meist ein Typ-2-Diabetes vor, während Hunde oft eine Grunderkrankung haben, in deren Folge es zu einem Diabetes mellitus kommt. Neben der Verabreichung von Insulin ist die Fütterung einer geeigneten Diät wichtiger Bestandteil der Therapie. Bei der Katze kann es daraufhin in etwa 30% der Fälle zu einer Remission des Diabetes kommen, so dass auf weitere Insulingaben verzichtet werden kann.

Etwa 80% aller betroffenen Katzen leiden an einem dem Typ-2-Diabetes des Menschen ähnlichen Diabetestyp. Pathogenetisch spielt einerseits Insulinresistenz des peripheren Gewebes und andererseits die eingeschränkte Insulinproduktion der Beta-Zellen des Pankreas eine Rolle. Adipositas scheint der wichtigste Risikofaktor zu sein, denn übergewichtige Katzen haben ein vierfach erhöhtes Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken, als normalgewichtige. Weitere Risikofaktoren sind zunehmendes Alter, männliches Geschlecht, Kastration sowie körperliche Inaktivität. Ältere kastrierte adipöse Kater haben statistisch gesehen das größte Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken. Weitere spezifische Diabetestypen (früher als sekundärer Diabetes mellitus bezeichnet) betreffen etwa 20% der Katzen und werden z. B. durch Pankreatitis, Pankreasneoplasie, Hypersomatotropismus, Hyperthyreose und die Applikation diabetogener Arzneimittel (Glucocorticoide, Proligeston) verursacht.

Diöstrus oft Ursache beim Hund

Beim Hund lässt sich der Diabetes mellitus nicht so klar einem Diabetestyp zuordnen wie bei der Katze. In der Regel sind ältere Tiere ab acht Jahren betroffen, am häufigsten die Rassen Spitz, Pudel, Beagle, Mittel- und Zwergschnauzer, Rottweiler, Malteser, Yorkshire-, Cairn- und Foxterrier sowie Dackel. Ursache sind neben einer genetischen Disposition oft Erkrankungen, die zu verminderter Insulinproduktion bzw. verminderter Insulinwirkung führen, z. B. Pankreatitis, Pankreasneoplasien, Hyperkortisolismus (Morbus Cushing), die Applikation diabetogener Arzneimittel und bei Hunden als Besonderheit der Diöstrus unkastrierter Hündinnen. Das von den Eierstöcken ausgeschüttete Progesteron stimuliert die Bildung von Somatropin (Somatotropes Hormon, STH), das als Gegenspieler von Insulin wirkt. Durch eine Kastration, also die Entfernung der Eierstöcke, ist der Diabetes reversibel. Allerdings haben betroffene Hündinnen weniger Beta-Zellen und sind damit auch als kastrierte Tiere anfälliger für Diabetes mellitus.

Unterschiedliche Folgeerkrankungen

Wie beim Menschen auch sind Polyurie und Polydipsie häufig Frühsymptome eines Diabetes. Weitere Befunde können Gewichtsverlust trotz Polyphagie, ungepflegtes, schütteres Haarkleid, Lethargie, Dehydrierung, sowie vor allem bei der Katze Anorexie und Erbrechen sein. Bei etwa 10% der betroffenen Katzen tritt eine diabetogene Neuropathie mit Bewegungsstörungen auf. Typisch ist eine plantigrade Fußung der Hintergliedmaßen, das heißt, die Katze tritt nicht mehr nur mit den Zehen, sondern mit der ganzen Fußsohle auf. Hunde entwickeln häufig schon früh eine Katarakt. Sie schreitet schnell fort, so dass manche Tierbesitzer von einem "plötzlichen" Verlust des Sehvermögens berichten, ist aber bei frühzeitiger Behandlung teilweise reversibel.

Nachweis von Hyperglykämie nicht ausreichend

Die Diagnose Diabetes mellitus erfolgt auf der Grundlage der klinischen Symptome und einer persistierenden Hyperglykämie und Glucosurie. Die Normwerte können je nach Labor und Untersuchungsmethode etwas schwanken:

Blutglucose Hund: 60 bis 110 mg/dl

Blutglucose Katze: 50 bis 150 mg/dl

Eine Glucosurie tritt auf, wenn die Blutglucose-Konzentration die Nierenschwelle überschreitet (175 bis 225 mg/dl beim Hund und 250 bis 350 mg/dl bei der Katze). Die Blutglucosewerte können bei Aufregung deutlich (in vermeintlich pathologische Bereiche) steigen. Vor allem Katzen können durch Stress eine zum Teil massive Hyperglykämie (und beim Überschreiten der Nierenschwelle auch Glucosurie) zeigen, daher sollte beim Verdacht auf Diabetes mellitus die Fructosaminkonzentration im Serum bestimmt werden. Sie spiegelt den mittleren Blutzuckerspiegel der letzten ein bis zwei Wochen wider. Die Tiere sollten zudem auf begleitende Erkrankungen bzw. eventuell auslösende Erkrankungen untersucht werden.

Notfall Hypoglykämie


Wenn ein Tier taumelt, zittert oder plötzlich aggressiv wird, dann ist es wahrscheinlich gerade unterzuckert. Klinische Hypoglykämiesymptome sind

  • Hunger
  • Rastlosigkeit
  • Zittern
  • Ataxie
  • Orientierungslosigkeit
  • Krämpfe und Koma

Einige Tiere sind auch einfach sehr ruhig und haben keinen Appetit. Als Notfallbehandlung sollte sofort oral Glucoselösung oder Honig (1 g pro kg Körpergewicht) gegeben werden. Man kann den Honig (oder auch zerkautes Traubenzucker) seitlich innen in die Backe, ans Zahnfleisch oder auf die Zunge schmieren. Das ist vor allem sinnvoll, wenn die Tiere schon kollabiert sind und keine großen Flüssigkeitsmengen mehr aufnehmen können bzw. die Gefahr der Aspirationspneumonie zu groß ist. Besitzer von diabetischen Tieren sollten immer eine Glucosequelle (unterwegs am einfachsten Traubenzucker) griffbereit haben. Nach erfolgreicher Notfallbehandlung mit oralen Glucosegaben sollten kleine Futtermengen in Intervallen von ein bis zwei Stunden gegeben werden.

Orale Antidiabetika bei Katzen

Während Hunde mit Diabetes in der Regel auf Insulinapplikation angewiesen sind, können Katzen in einigen Fällen mit oralen Antidiabetika behandelt werden. Glipizid, ein Sulfonylharnstoff der zweiten Generation, stimuliert die Insulinsekretion und kann in einer Dosierung von anfangs 2,5 mg/Katze zweimal täglich verabreicht werden. Nach zwei Wochen kann die Dosierung auf 5 mg/Katze zweimal täglich erhöht werden, wenn die Hyperglykämie weiterhin vorhanden ist und keine unerwünschten Wirkungen auftreten. Andere Wirkstoffklassen der oralen Antidiabetika sind entweder unwirksam oder wurden bei Katzen bislang noch nicht untersucht. Auch die Therapie mit Glipizid ist nur bei 30% der Katzen erfolgreich. Zudem kann es unter Glipizid zu einem beschleunigten Verlust residualer Beta-Zellen kommen, so dass diese Therapie nur eingesetzt werden sollte, wenn der Tierbesitzer nicht in der Lage ist, regelmäßig Insulin zu spritzen.

Glossar


Diöstrus: Zeitraum nach dem Östrus. Längste Phase im Sexualzyklus bei Hund und Katze und auch die, in der die meisten Probleme auftreten können. Im Diöstrus findet die Gelbkörperphase im Eierstock mit Progesteronbildung statt. Es kommt zur maximalen Proliferation der Gebärmutterschleimhaut, und Symptome der Scheinträchtigkeit sind möglich.

Grundpfeiler 1: Insulintherapie

Die Applikation von Insulin ist neben einer geeigneten Diät Mittel der Wahl bei der Behandlung des Diabetes mellitus. Sie erfolgt subkutan zum Beispiel entweder im Nacken oder an der seitlichen Brustwand. Für Hund und Katze zugelassen ist das Intermediärinsulin Caninsulin® , Fa. MSD Intervet, eine Mischung aus 30% amorphem (semilente) und 70% kristallinem (ultralente) Zink-Insulin vom Schwein in einer wässrigen Suspension. Schweineinsulin ist identisch mit Hundeinsulin und unterscheidet sich von Katzeninsulin in drei Aminosäuren. Bei Katzen muss, bei Hunden sollte Caninsulin® zweimal täglich subkutan injiziert werden. Die einmal tägliche Applikation reicht in der Regel zur glykämischen Kontrolle nicht aus. Die benötigte Insulindosis kann individuell sehr unterschiedlich sein und muss durch Blutzuckertageskurven ermittelt werden. Die Gabe von Insulin glargin (Lantus® , Fa. Sanofi-Aventis) ist ebenfalls möglich. Während Lantus® beim Menschen zu den Langzeitinsulinen zählt, ist die Wirkung bei Hund und Katze nur intermediär, so dass Lantus® bei ihnen ebenfalls zweimal täglich verabreicht werden muss.

Grundpfeiler 2: Diät

Eine Gewichtsreduktion (etwa 1% des Körpergewichts pro Woche) führt bei adipösen Tieren häufig zu einer deutlichen Verbesserung des Diabetes mellitus. Daneben ist eine proteinreiche, kohlenhydratarme Diät wichtig, vor allem bei Katzen. Sie weisen als reine Karnivoren nur eine geringe Aktivität der hepatischen Glukokinase und Glykogensynthetase auf, sodass Glucose nur sehr langsam abgebaut werden kann. Katzen sollten viele kleine Mahlzeiten pro Tag erhalten, da dies dem natürlichen Fressverhalten entspricht und Schwankungen des Blutzuckerwertes minimiert. Hunde sollten zweimal pro Tag gefüttert werden, zeitlich auf die Wirkungsmaxima des Insulins abgestimmt. Am einfachsten ist die Verwendung kommerzieller Diätfuttermittel.

Remission bei Katzen möglich

Durch die kombinierte Gabe von Insulin und Diät sowie Gewichtsreduktion ist bei etwa einem Drittel der betroffenen Katzen innerhalb von einigen Monaten eine Remission der diabetischen Symptome möglich. Daher ist vor allem in den ersten Monaten eine engmaschige Blutzuckerkontrolle notwendig, um Insulin rechtzeitig reduzieren oder gar absetzen zu können.

Heimmonitoring empfehlenswert

Tierbesitzer können daheim in stressfreierer Umgebung als in der Praxis selbst den Blutzucker ihres Tieres messen. Dazu wird mit einer Stechlanzette am Ohr ein Blutstropfen gewonnen. Zur Anregung der Durchblutung kann z. B. mit einem Waschlappen das Ohr für zwei bis drei Minuten angewärmt werden, um die Blutentnahme zu erleichtern. Geeignete Blutzuckermessgeräte sind z. B. Ascensia Elite® (Fa. Bayer) oder die speziell für Tiere entwickelten AlphaTrak® (Fa. Albrecht) bzw. g-Pet® (Fa. Woodley). Empfohlen werden zweimal wöchentlich die Bestimmung des Nüchternblutzuckers sowie einmal monatlich die Erstellung einer Blutzuckerverlaufskurve.


Quelle

Niemand H, Suter P. Praktikum der Hundeklinik. Parey Berlin. 9. Auflage 2001.

Rade C. Diabetes mellitus – Diätetische Unterstützung von Hunden und Katzen. In: kleintier.konkret S1/2012. Enke Stuttgart.

Reusch, C. Diabetes mellitus bei der Katze. In: veterinary focus 1/2011.

Tschuor F. Längst nicht mehr die Ausnahme – Diabetes mellitus bei Hunden und Katzen. In: hundkatzepferd 7/12. www.hundkatzepferd.com.


Anschrift der Verfasserin

Tierärztin Sabine Wanderburg
Seeweg 5a, 23701 Süsel


Autorin

Sabine Wanderburg Studium der Veterinärmedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Approbation als Tierärztin, seit 1993 tätig als Praxisvertretung in verschiedenen Praxen in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, seit 2010 nebenberufliche Tätigkeit als Fachjournalistin für veterinärmedizinische Themen

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