Arzneimittel und Therapie

Weniger Pneumonien nach Einsatz von ACE-Hemmern

Husten durch ACE-Hemmer mit protektivem Effekt

Im Gegensatz zu Angiotensin-Rezeptorblockern haben Angiotensin-Converting Enzym Hemmer scheinbar einen protektiven Effekt im Hinblick auf das Risiko, an einer Lungenentzündung zu erkranken. Patienten mit vorangegangenem Schlaganfall und Asiaten profitierten ganz besonders von einer ACE-Hemmer-Therapie. Im Zusammenhang mit einer ACE-Hemmer-Therapie kam es auch zu weniger Todesfällen durch Pneumonie. Eine Metaanalyse, die soeben im British Medical Journal veröffentlicht wurde, kam zu diesen Ergebnissen.

Lungenentzündung hat wegen ihrer häufigen Inzidenz eine wichtige klinische Bedeutung. Sie tritt häufig bei älteren Patienten, Alkoholikern, Rauchern und/oder Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach Schlaganfall auf und führt zu erhöhter Morbidität und Mortalität. Durch längere Verweildauer im Krankenhaus entstehen erhöhte Kosten. Unter der Einnahme einiger Arzneimittel konnte bereits eine Modulation des Pneumonie-Risikos festgestellt werden. So erhöhen Antazida das Pneumonierisiko, während Statine möglicherweise einen protektiven Effekt haben.

Hemmstoffe des Angiotensin-Converting Enzyms (ACE) und Blocker des Angiotensin-Rezeptors werden häufig bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen eingesetzt. ACE-Hemmer sind bekannt dafür, dass sie Nebenwirkungen auf den Respirationstrakt haben, insbesondere eine erhöhte Inzidenz für Husten. Die Erforschung der Ursachen dieser Nebenwirkung ergab, dass unter einer ACE-Hemmer-Therapie Bradykinin und Substanz P die sensorischen Nerven der Atemwege sensibilisieren und dadurch den Hustenreflex hervorrufen, was möglicherweise einen protektiven Effekt auf den Tracheo-Bronchialraum hat. Die gleichen Mechanismen verbessern außerdem das Schlucken, was wiederum den Respirationstrakt vor Aspiration von Magensekreten schützt. Aufgrund dieser pleiotropen Effekte wurde bereits vermutet, dass die Inzidenz von Pneumonien durch ACE-Hemmer reduziert werden könne, aber die bisher zur Verfügung stehenden klinischen Daten verfügten nicht über eine ausreichende Evidenz.

Signifikante Vorteile für Patienten unter ACE-Hemmer-Therapie

Grundlage für die jetzt veröffentlichten Ergebnisse waren ein systematischer Review von Longitudinalstudien aus PubMed und der US Food and Drug Webseite, in denen das Auftreten von Pneumonien in Zusammenhang mit der Einnahme von ACE-Hemmern bzw. Angiotensin-Rezeptorblocker untersucht worden war. Zwei voneinander unabhängige Reviewer hatten aus 807 publizierten Studien 37 ausgesucht, die geeignet erschienen. Es handelte sich um kontrollierte Studien, Kohorten- und Beobachtungsstudien. Als primärer Endpunkt der Metaanalyse wurde die Häufigkeit von Pneumonien definiert, sekundärer Endpunkt war die durch eine Pneumonie hervorgerufene Mortalität. In diesem Review zeigte sich, dass eine Therapie mit ACE-Hemmern im Vergleich zu den jeweiligen Kontrollgruppen mit einer signifikanten 34%igen Reduktion des Pneumonie-Risikos verbunden war. Das Ausmaß dieser Risikoreduktion war quer durch alle begutachteten Studien ähnlich. Nicht unterschiedlich war dagegen das Pneumonie-Risiko beim Vergleich von Patienten, die unter einer Therapie mit Angiotensin-Rezeptorblockern standen bzw. keine Angiotensin-Rezeptorblocker nahmen. Ein indirekter Vergleich zwischen Patienten unter einer ACE-Hemmer-Therapie und solchen unter Angiotensin-Rezeptorblockern zeigte eine signifikante 30%ige Risikoreduktion einer Pneumonie für die ACE-Patienten. Subgruppenanalysen zeigten einen ganz besonderen Nutzen für ACE-Patienten nach vorherigem Schlaganfall (Risikoreduktion von - 54%) und Asiaten (- 43%). Auch beim sekundären Endpunkt zeigten sich im Gegensatz zu den Angiotensin-Rezeptorblockern signifikante, allerdings nicht so stark ausgeprägte Vorteile für die ACE-Hemmer-Therapie: Durch diese Behandlung kam es im Vergleich zu den jeweiligen Kontrollgruppen zu einer Reduktion der durch Pneumonie hervorgerufenen Todesfälle von 27%.

Aussagekraft und Grenzen dieses Reviews

In dieser Metaanalyse zeigte sich zwar eine deutliche Reduktion des Pneumonie-Risikos für Patienten, die unter ACE-Hemmer-Therapie standen, aber es bleibt unklar, inwieweit die Methodik der verschiedenen Studien einen Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben könnte. So haben Beobachtungsstudien ein deutliches Gewicht auf die Ergebnisse besonders des primären Endpunktes genommen. Es wurden die Daten aus verschiedenen Studien mit unterschiedlichen Designs gepoolt, außerdem waren die verwendeten statistischen Methoden sehr heterogen. Allerdings waren die Schätzungen der gepoolten Daten beim Vergleich von Beobachtungsstudien mit klinischen Studien durchaus ähnlich.

Die deutliche Risikoreduktion für Pneumonien, die in diesem Review gezeigt werden konnte, sollte aber nach Ansicht der Autoren zumindest dazu führen, dass Ärzte ein Absetzen einer ACE-Hemmer-Therapie zugunsten einer Umstellung auf Angiotensin-Rezeptorblocker sehr genau erwägen sollten. Besonders, wenn der Husten einigermaßen tolerabel ist, sollte die Therapie fortgeführt werden und nicht zu schnell zur ohnehin teureren Therapie mit Angiotensin-Rezeptorblockern gewechselt werden. Ganz besonders Patienten mit Schlaganfall-Vorgeschichte oder Asiaten sollte die Fortführung der ACE-Hemmer-Therapie ans Herz gelegt werden.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn aufgrund dieser Daten bald randomisierte, kontrollierte Studien aufgelegt würden, die dann eines Tages zu definitiven Empfehlungen führen könnten.


Quelle

Caldeira D, Alarcao J, Vaz-Carneiro A, Costa J et al: Risk of pneumonia associated with use of angiotensin converting enzyme inhibitors and angiotensin receptor blockers: systematic review and meta-analysis. BMJ (2012) 345: e4260 doi: 10.1136/bmj.e4260.


Apothekerin Dr. Annette Junker



DAZ 2012, Nr. 35, S. 36