Arzneimittel und Therapie

Studie mit Renin-Inhibitor Aliskiren abgebrochen

Kombination mit ACE-Hemmer oder Sartan ist riskant

In einer placebokontrollierten Studie, an der hypertone Typ-2-Diabetiker mit eingeschränkter Nierenfunktion und/oder kardiovaskulären Erkrankungen teilnahmen, war unter der Kombination des Renin-Inhibitors Aliskiren (Rasilez®) mit einem ACE-Hemmer bzw. einem Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten kein Zusatznutzen von Aliskiren zu beobachten, dagegen traten mehr Hyperkaliämien, Hypotensionen, Nierenkomplikationen sowie nicht-tödliche Schlaganfälle auf. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen.

Ende 2007 kam in Deutschland mit Aliskiren der erste oral bioverfügbare Renin-Inhibitor auf den Markt. Der Wirkstoff mit einem neuen Wirkprinzip ist zugelassen zur Behandlung der essenziellen Hypertonie. Empfohlen werden einmal täglich 150 mg Aliskiren, bei Bedarf auch 300 mg. Aliskiren gilt als gut verträglich. Studien zeigten bis zu einer Dosierung von 300 mg eine Gesamtinzidenz an Nebenwirkungen, die dem Placebovergleich entsprach. In Kombination mit verschiedenen anderen Antihypertonika wirkte Aliskiren additiv.

Keine Reduktion kardiovaskulärer oder renaler Komplikationen

In weiteren Studien sollten daraufhin untersucht werden, ob das neue Wirkprinzip auch Herz und Nieren der Patienten schützen und die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität reduzieren kann. Hintergrund dieses Ansatzes war die Vorstellung, durch eine kombinierte Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems durch Co-Medikation mit anderen Antihypertonika, die entsprechende Wirkprinzipien aufweisen, eine protektive Wirkung zu erreichen. Der Aliskiren Trial in Type 2 Diabetes Using Cardiovascular and Renal Disease Endpoints (ALTITUDE) schloss 8606 Patienten in 36 Ländern ein. Es sollte untersucht werden, ob der Renin-Inhibitor Aliskiren bei den Typ-2-Diabetikern mit vorgeschädigter Niere und/oder Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen die Prognose verbessert, wenn er zusätzlich zur derzeitigen Standardtherapie verordnet wird. Die Standardtherapie bestand aus einem ACE-Hemmer oder einem Angiotensin-Rezeptorblocker. Mit diesen Therapien war es bei den meisten Patienten gelungen, eine hinreichende Senkung des Blutdrucks zu erreichen. Durch das Hinzufügen von Aliskiren sollte über eine kombinierte Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems nicht der Blutdruck weiter gesenkt werden, sondern versucht werden, die Prognose der Risikopatienten zu verbessern. Die vorläufigen Ergebnisse der ALTITUDE-Studie, in der Aliskiren bei Typ-2-Diabetes-Hochrisikopatienten länger als ein Jahr eingesetzt wurde, waren jedoch enttäuschend. Wie Novartis bekannt gab, trat unter der Kombinationstherapie eine erhöhte Inzidenz von nicht-tödlichen Schlaganfällen, renalen Komplikationen, Hyperkali ämien und Blutdruckabfällen auf. Eine Reduktion kardiovaskulärer oder renaler Ereignisse wurde nicht erzielt.

Neue Nutzen-Risiko-Prüfung des Renin-Inhibitors Aliskiren

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) nimmt den vorzeitigen Studienabbruch zum Anlass für weitere Analysen zum Nutzen-Risiko-Profil von Aliskiren. Der CHMP rät in einer vorläufigen Empfehlung zunächst einmal von einer Kombinationstherapie mit Aliskiren ab. Auch die kanadische Zulassungsbehörde Health Canada hat eine entsprechende Warnung herausgegeben. Weil den Behörden offensichtlich keine weiteren Studienergebnisse vorliegen, sollte derzeit Aliskiren bei Diabetikern vorsichtshalber nicht zusammen mit einem weiteren Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems eingenommen werden. Diabetiker sollen aber Aliskiren nicht ohne Rücksprache mit ihrem Arzt absetzen, denn dies könnte mit Risiken verbunden sein.


Quelle

European Medicines Agency starts review of aliskiren-containing medicines following termination of ALTITUDE study, Pressemitteilung der EMA vom 22. Dezember 2011.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2012, Nr. 1, S. 36

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