Arzneimittel und Therapie

Impfmüdigkeit ist gefährlich: Auch an die Zeckenschutzimpfung denken!

Gerade zu Beginn des Frühlings sollen alle Menschen, die im Wald unterwegs sind oder im Grünen aktiv sind, daran denken, sich vor Zecken und durch Zecken übertragene Krankheiten zu schützen. Zecken halten sich bevorzugt in Wäldern in nicht zu trockenen Lagen in hohem Gras und Gebüsch sowie in losem Laub auf. Der Speichel der Zecke, der über den Stich ins Blut gelangt, kann die bakteriellen Erreger der Lyme-Borreliose oder Viren in sich tragen, die die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen.
Foto Miredi – Fotolia.com
Schützen Sie sich, bevor Sie ins Freiegehen! Es gibt viele einfache Möglichkeiten,sich vor einem Zeckenstich und der damit verbundenenÜbertragung von Infektionen wieder FSME zu schützen. Ärzte und Apotheker inBaden-Württemberg setzen sich dafür ein, dieBevölkerung vor den Gefahren der Impfmüdigkeitzu warnen.

Nicht jeder Stich einer infizierten Zecke führt zu einer symptomatischen Infektion mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis. Nach erfolgter Infektion treten bei ca. 30% der Infizierten Krankheitserscheinungen auf. Die Inkubationszeit beträgt sieben bis vierzehn Tage, in Einzelfällen bis zu 28 Tage. Der Krankheitsverlauf ist biphasisch. Es kommt zunächst zu grippeähnlichen Symptomen mit mäßigem Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen, Schwindelgefühl. Nach einem fieberfreien Intervall von etwa einer Woche (bis zu 20 Tagen) entsteht bei etwa 10% der Infizierten eine Meningoenzephalitis mit Fieber, Erbrechen, meningealen Reizerscheinungen, vereinzeltem Auftreten von Stupor oder Koma. Es besteht die Gefahr von bleibenden neurologischen Ausfällen, aber auch von Anfallsleiden oder lange andauernden Kopfschmerzen. Diese Symptome können oft Monate nach der Erkrankung persistieren. Häufig kommt es jedoch selbst nach schweren Verläufen zur völligen Heilung. Schwere Krankheitsverläufe werden fast nur bei Erwachsenen beobachtet. Bei ca. 1% der Erkrankten mit ZNS-Beteiligung führt die Erkrankung zum Tode.

Nachgewiesen werden kann eine FSME durch den simultanen Nachweis FSME-Virus-spezifischer IgM- und IgG-Antikörper in Serum oder Liquor oder durch einen signifikanten Anstieg der Antikörperkonzentration zwischen zwei Proben im zeitlichen Abstand von zwei bis vier Wochen mittels des ELISA-Verfahrens oder Immunfluoreszenz. Antikörper können mit Beginn der zweiten Krankheitsphase nachgewiesen werden. Auch die FSME-Impfung kann über längere Zeit zu nachweisbaren Spiegeln von FSME-spezifischen IgM-Antikörpern führen! Zu Beginn der Erkrankung ist eine Virusisolierung aus Blut und Liquor bzw. der Nachweis von FSME-Virusgenom möglich. Dies kann mittels Zellkultur-Verfahren bzw. einer RT-PCR (reverse transcriptase polymerase chain reaction) erfolgen. Allerdings ist ein negativer Befund kein zwingender Hinweis, dass eine FSME-Infektion nicht erfolgt ist. Die Krankheit ist nicht ansteckend, die Therapie erfolgt symptomatisch. Eine spezifische antivirale Therapie ist nicht verfügbar.

Jetzt mit einer FSME-Schutzimpfung vorbeugen!

Derzeit stellt eine aktive Immunisierung gegen FSME nachgewiesen einen wirksamen Schutz für potenziell gefährdete Einwohner und Besucher von Risikogebieten dar. Als Risikogebiete werden diejenigen FSME-Endemiegebiete definiert, in denen bei Zeckenexposition ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko durch periodische Erkrankungsfälle belegt ist. Eine Indikation für eine Impfung besteht für Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten und verhaltensbedingt – Berufsausübung, Freizeitaktivitäten – gegenüber Zecken exponiert sind. Empfohlen wird die Schutzimpfung allen, die sich häufig in der freien Natur aufhalten: Jogger, Biker, Golfspieler, Waldspaziergänger, Förster, Bauern, Angler. Bei Kindern wird die Impfung grundsätzlich erst ab dem 6. Lebensjahr empfohlen, betonte Dipl.-Pol. Ekkehard Ruebsam-Simon, Arzt für Allgemeinmedizin in Bammental. Außer ein Kind ist viel auf Wiesen und im Gebüsch unterwegs. Dann ist eine Impfung im Extremfall ab dem 1. Lebensjahr möglich. Für einen kompletten Impfschutz sind drei Impfungen erforderlich: eine Grundimmunisierung, bestehend aus zwei Teilimmunisierungen sowie einer Boosterung. Auffrischimpfungen sind in Abständen zwischen drei und fünf Jahren erforderlich.

Viel häufiger: Borreliose

Die Zecken können auch das Bakterium Borrelia burgdorferi übertragen, das zur Lyme-Borreliose führen kann. Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, die wesentlich häufiger als die FSME auftritt: Schätzungsweise sind 10 bis 35% der Zecken mit Borrelien befallen. Während die FSME in Deutschland nur in bestimmten Regionen auftritt, ist bei der Borreliose von einer Infektionsgefährdung in allen Teilen Deutschlands auszugehen, das RKI weist in seinem aktuellen Bulletin darauf hin, das die Borreliose in allen Regionen Deutschlands endemisch ist. Gegen die Lyme-Borreliose, eine bakterielle Infektionskrankheit, gibt es keine vorbeugende Impfung. An dieser Infektion, die Nervensystem und Gelenke schädigen kann, erkranken in Deutschland pro Jahr ca. 60.000 Menschen neu. Typische Kennzeichen sind flächige Rötungen an der Einstichstelle sowie grippeähnliche Symptome mit Fieber und Schwellungen der Lymphknoten. Sie können innerhalb von vier Wochen nach einem Zeckenstich auftreten, und auch hier sollte bei entsprechenden Zeichen sofort medizinischer Rat eingeholt werden. Borreliose ist eine Krankheit, die über Jahre verlaufen und ähnliche Symptome wie die Syphilis oder die Demenz aufweisen kann. Deswegen ist Vorbeugung so wichtig! "Aufklärung, Beratung und die Schutzimpfung sind wichtige Instrumente, um Komplikationen durch Zeckenstiche zu vermeiden", so Wolf Kümmel, Apotheker und Vizepräsident des baden-württembergischen Landesapothekerverbandes. Die am meisten betroffenen Altersgruppen sind Kinder (5 bis 9 Jahre) und ältere Erwachsene (60 bis 64 Jahre). Diese Gruppen könnten durch das Spielen im Freien bzw. durch die Freizeitgestaltung einem höheren Risiko von Zeckenstichen ausgesetzt sein. Hier ist eine umfassende, zielgruppenorientierte Information von Eltern und ihren Kindern zur Aufklärung über Risikofaktoren und präventiven Maßnahmen erforderlich! Das Infektionsrisiko – insgesamt für alle durch Zecken übertragene Krankheiten – kann gemindert werden, indem man sich mit Zecken abwehrenden Sprays oder Lotionen schützt. Zusätzlich sollte helle, geschlossene Kleidung getragen und unwegsames Gelände und Unterholz gemieden werden. Wer in Wald und Wiese unterwegs war, der sollte sich und vor allem auch Kinder sowie die Haustiere nach den Spaziergängen gründlich nach Zecken absuchen.


Quelle

"Ärzte und Apotheker starten Kampagne zur Zeckenschutzimpfung", Pressekonferenz veranstaltet vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg e. V. und MEDI Baden-Württemberg.

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Ratgeber des Robert Koch-Instituts für Ärzte. Stand Mai 2011.

Seroprävalenz der Lyme-Borreliose bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bulletin des Robert Koch-Instituts Nr. 14 vom 10. April 2012.


ck



DAZ 2012, Nr. 15, S. 35