Feuilleton

In vino veritas

Ausstellung im Apothekenmuseum Cottbus

Um Wein als pharmazeutischen Rohstoff geht es in der diesjährigen Sonderausstellung des Brandenburgischen Apothekenmuseums. Zu sehen sind bis zum Jahresende Laborgeräte für die Alkoholdestillation und Zubereitung von Tinkturen, historische Weinflaschen, Standgefäße aus Apotheken und Etiketten.
Vitis vinifera Farblithografie in "Köhler’s Medizinalpflanzen", 1883 – 1887. Das auf Vorarbeiten des Mediziners Hermann Adolph Köhler (1834 – 1879) beruhende Werk zählt insbesondere wegen seiner hervorragenden Pflanzendarstellungen zu den klassischen Handbüchern über Arzneipflanzen. Fotos: Gerasch

Schon lange vor Plinius d. Ä. (23 – 79 n. Chr.) war bekannt, dass im Wein die Wahrheit liegt. Als ältester schriftlicher Beleg gilt aber das Zitat des römischen Gelehrten in seiner "Naturalis historia" (14, 141): "In vino veritas". Vermutlich wurde erstmals vor 8000 Jahren vergorener Traubensaft getrunken. Seitdem schätzen die Menschen nicht nur dessen Wohlgeschmack. Abstinenzler wie bekennende Weingenießer wissen gleichermaßen, dass ein guter Tropfen die Zungen löst, während exzessiver Konsum der Gesundheit schadet.

Im heutigen Georgien wurden 10.000 Jahre alte Traubenkerne gefunden, die eindeutig von kultivierten Weinreben (Vitis vinifera) stammen. Die Erfahrung, dass Traubensaft durch Gärung veredelt wird, verdanken die Menschen vermutlich dem Zufall. Eine im Zagros-Gebirge (Hajji Firuz Tepe, Iran) entdeckte Kelteranlage gilt heute als sicherer Nachweis, dass schon im 6. vorchristlichen Jahrtausend Wein hergestellt wurde.

Ungefähr ein Jahrtausend später verbreitete sich die Weinkultur vom Südkaukasus und dem westlichen Iran über den gesamten Nahen Osten. Auch die Alten Ägypter lernten den Rebensaft schätzen. Nachdem sie ihn anfangs aus Kanaan eingeführt hatten, legten sie ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. selbst Weingüter an, und spätestens um 1550 war Wein im Reich der Pharaonen kein Luxusgetränk mehr. 


Lichtschutzglasflasche fürWeinige Rhabarbertinktur. GemäßDAB wurde sie mit „Xereswein“(Sherry) zubereitet.
Glasflasche für Spiritus bezoardicusBuss., 18. Jh. Die Rezepturstammt von dem Dresdner Arzt AugustFriedrich Bussius (1666 –1727)und fand Eingang in viele Arzneibücher.Ihr Hauptbestandteil wargebranntes Hirschhorn, dem eineWirkung als Antidot („Bezoardicum“)zugesprochen wurde.
Etikett für Medizinischen Tokajer.Trotz der Bezeichnung „medizinisch“war Tokajer in Deutschland nicht offizinellund wurde auch außerhalbvon Apotheken verkauft.

Wein als Arzneimittel

Archäologische Funde vermitteln der Nachwelt auch ein facettenreiches Bild über seine medizinische Verwendung. Unter anderem hatte man erkannt, dass sich viele Inhaltsstoffe von Arzneidrogen in Wein besser als in Wasser lösen und dann besser resorbiert werden. Bei bestimmten Indikationen – unter anderem zur Anästhesie vor schmerzhaften Eingriffen – verordneten ägyptische Ärzte Wein nicht nur als Getränk, sondern auch als Klistier und bereiteten Salben unter Verwendung von Wein. Ab 1700 v. Chr. kultivierten auch die Minoer auf Kreta, die gute Beziehungen zu Ägypten pflegten, Weinreben.

Weinrotes Etikett für Bordeauxwein aus der Apotheke.

Im antiken Griechenland wurde Wein nicht nur auf Symposien kredenzt, um das Wohlbefinden zu fördern und den Geist zu beflügeln. Er spielte auch im Götterkult (Dionysos) und in der Medizin eine wichtige Rolle. Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) verordnete Wein bei Unruhe und Schlaflosigkeit, wusste aber auch um dessen analgetische und leicht desinfizierende Wirkung und nutzte ihn zur Behandlung von Augenkrankheiten, Wunden und Darmerkrankungen. Allerdings kannte er auch die Gefahren des Missbrauchs und mahnte zur Mäßigung. Ferner verordnete er getrocknete Weinbeeren (Rosinen) zur Reinigung des Leibs und zur Besserung von Unwohlsein. Bis in das 20. Jahrhundert hinein wurden sie Tees gegen Husten, Beschwerden des Urogenitaltrakts und Verdauungsstörungen beigemischt.

Galen (129 – 199 n. Chr.) verglich die Symptome der Trunkenheit mit der "Phrenitis", einem anhaltenden Delirium mit Fieber, den medizinischen Nutzen des Weins schätzte er insbesondere bei äußerlicher (!) Anwendung zur Behandlung von Wunden. Auch Essig, der durch Fermentation aus Wein entsteht, verwendete er als Arzneimittel oder Arzneirohstoff.

Die Römer brachten den Weinbau nach Gallien und Germanien. Dort sollen 280 n. Chr. die ersten Hänge an Mosel und Rhein aufgerebt worden sein. Etwa 750 Jahre später gediehen auch an der Oberelbe und im Thüringer Saaletal Weinstöcke. Nach der Missionierung erlangte der Wein Bedeutung als kultisches Getränk, weil Christus ihn beim Abendmahl vor seiner Kreuzigung als sein eigenes Blut bezeichnet hatte. Nach der Entdeckung Amerikas, Südafrikas und Australiens wurde der Weinanbau auch dort verbreitet.


Nicht-Alkoholisches


Der Saft frisch geernteter Trauben fördert die Verdauung, wirkt leicht harntreibend und regt die Herztätigkeit an. Aus dem Saft unreifer Weinbeeren stellten die Apotheker Salben zur Behandlung von Flechten und aufgesprungenen Lippen her.

Aus alten Kräuterbüchern ist zu erfahren, dass das Laub und die Fruchtstiele der Weinrebe die Wundheilung fördern. Die Gerbstoffe und Pflanzensäuren im Saft frischer Weinblätter lindern Magenbeschwerden und Diarrhö. Ein Extrakt aus rotem Weinlaub, der Flavonglykoside und Anthocyane enthält, ist als Arzneimittel zur Behandlung von Beschwerden bei Erkrankungen der Beinvenen zugelassen.

Das saure Kaliumsalz der Weinsäure lagert sich an den Wänden und auf dem Boden von Weinfässern in Form von Weinstein (Tartarus crudis) ab. Durch Umkristallisation gereinigt, wurde er früher als Diuretikum oder Laxativum appliziert. In Verbindung mit Antimon (Stibium) ergab er den Brechweinstein (Tartarus emeticus). Dieser wurde allerdings – wie so viele andere Mittel – vorzugsweise mit Wein eingenommen. Im DAB gab es lange eine Rezeptur für Brechwein (Vinum stibiatum).



Die Tradition des Arzneirohstoffs Wein blieb im Abendland bis in die Gegenwart lebendig. Dass diese Tradition auch im Mittelalter nicht unterbrochen wurde, zeigen z. B. einige Rezepturen der Hildegard von Bingen (1098 – 1179).

Bald darauf breitete sich die Kunst, aus Wein den "Spiritus vini" zu destillieren, in Europa aus. Das wässrig-ethanolische Extraktionsmittel hat bis heute seine Bedeutung für die Arzneiherstellung nicht verloren. Nur wird Ethanol heute überwiegend aus Zuckerrohr, Getreide oder Kartoffeln gewonnen.

Wein und Likör in der Apotheke

Nahrungs- und Arzneimittel wurden früher nicht so streng voneinander abgegrenzt wie heute. Insofern sind zwei hessische Beschlüsse aus den Jahren 1526 und 1537, die den Weinkonsum regulieren sollten, von Interesse: Um das Laster der "Folsauferei" zu verhindern, sollte Wein nur in Apotheken verkauft werden. Damals und später erhielten zahlreiche Apotheker zusätzlich zum Apothekenprivileg auch das Recht, Wein auszuschenken – meistens in einem Hinterzimmer; allerdings ist nicht bekannt, dass diese Lokalität den Konsum gemindert hätte.


Porzellangefäß für Brechnussextrakt.Es handelte sich um einenwässrig-ethanolischen Trockenextrakt,also ein Pulver.
Vierkantflasche für ZusammengesetzteChinatinktur. Von der einfachenChinatinktur unterschied siesich durch die Zutaten Pomeranzenschale,Enzianwurzel und Zimt.
Viele Apotheker entwickelten Rezepturen für Liköre und stellten sie selbst her, wobei sie nicht selten einen gesundheitlichen Nutzen reklamierten ("Kräuterlikör").

Andererseits wurden Erwachsenen und sogar Kindern bedenkenlos Weinkuren verordnet. Der Leibarzt König Friedrichs I. in Preußen, Friedrich Hoffmann (1660 – 1742), veröffentlichte ein Kompendium, in dem er aus Wein zubereitete Arzneien empfahl. Davon haben die von ihm entwickelten "Hoffmannstropfen" bis heute überdauert. Modernen Untersuchungen zufolge wirkt das Gemisch aus drei Teilen Ethanol und einem Teil Diethylether gefäßerweiternd und blutdrucksenkend.

Der Winzer und "Weinarzt" Ferdinand von Heuss (1848 – 1924) in Bodenheim bei Mainz rühmte sich zahlreicher Heilerfolge und kurierte sogar seine Typhus-Erkrankung mit 80 Flaschen Wein aus dem eigenen Keller. Ob die Genesung tatsächlich dem Rebensaft oder aber anderen glücklichen Umständen zu verdanken war, sei dahingestellt. Immerhin überlebte Heuss die lebensgefährliche Infektionskrankheit noch 40 Jahre.

Medizinalweine, "Vina medicata", gehörten bis ins 20. Jahrhundert zum Sortiment jeder besseren Apotheke. Besonders geschätzt waren der Tokajer, der Bordeaux und der Sherry (früher: Xeres). Medizinalweine wurden häufig gewürzt, um den Geschmack bitterer Arzneistoffe zu überdecken.

Mancher Apotheker stellte verdauungsfördernde Kräuterliköre nach eigenem Rezept her – mitunter so erfolgreich, dass er die Offizin aufgab, um sich fortan allein der lukrativeren Herstellung von Magenbittern und anderen "Gesundheitstränken" zu widmen.


Ausstellung


Brandenburgisches Apothekenmuseum

Altmarkt 24, 03046 Cottbus

Tel. (03 55) 2 39 97

www.niederlausitzer-apothekenmuseum.de

Führungen: Dienstag bis Freitag 11.00 und 14.00 Uhr (mit Kräuterverkauf), Samstag/Sonntag 14.00 und 15.00 Uhr sowie nach Vereinbarung

Broschüre zur Ausstellung: Ulrich Gerasch: In vino veritas, 32 Seiten, viele farbige Abb.



Auch Rezepturen mit zweifelhafter Indikation gab es: So verspricht ein Flaschenetikett für doppelt destillierten Bay Rum, dass das Haar gestärkt und gepflegt und sogar dessen Wuchs gefördert werde, sofern man das hochprozentige Getränk abends vor dem Schlafengehen in die Kopfhaut einreibt.

Zu allen Zeiten gab es aber auch namhafte Mediziner, die jegliche Art von Weintherapie kritisierten. Der Arzt, Sozialhygieniker und Volkserzieher Christoph Wilhelm Hufeland (1762 – 1836) brandmarkte die "Zubereitungen spirituöser Getränke" als lebensverkürzende Mittel.


Reinhard Wylegalla



DAZ 2012, Nr. 14, S. 118

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