Gesundheitspolitik

Die Zukunft der Apotheke: auf jeden Fall wohnortnah

AZ-Interview mit NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens

DÜSSELDORF (diz). Die Erwartungen der Apothekerinnen und Apotheker an die schwarz-gelbe Regierung, die strukturellen und finanziellen Probleme der Apotheken zu lösen, wurden enttäuscht. Die Auswirkungen des AMNOG, eine überfällige Anpassung des Apothekenhonorars und das bis heute nicht umgesetzte Pick-up-Verbot lassen bei den Apotheken Unmut aufkommen. Im bisher rot-grün regierten Bundesland Nordrhein-Westfalen, das vor einer Landtagswahl am 13. Mai steht, ist Barbara Steffens, Die Grünen, als Gesundheitsministerin im Amt. In unserem AZ-Interview sprach sie sich für eine Stärkung des Heilberufs Apotheker aus und legte Wert auf die wohnortnahe Apotheke.
Barbara Steffens: "‚Pick up‘ ist aus meiner Sicht an erster Stelle profitorientiert, das kann beim Handel mit Arzneimitteln gefährlich werden." Fotos: AZ/Müller

AZ: Frau Ministerin, möglicherweise haben Sie in der letzten Zeit auch mal eine Apotheke aufsuchen müssen. Fühlten Sie sich in der Apotheke gut beraten und betreut?

Steffens: Ich habe meine Stammapotheke und fühle mich da immer sehr gut beraten. Natürlich muss ich, weil ich so viel unterwegs bin, ab und zu auch auf andere Apotheken zurückgreifen. Wenn es geht, vermeide ich es aber.


AZ: Sie kennen das heutige Apothekensystem und die Honorierung der Apotheke, derzeit 8,10 Euro pro abgegebenem Arzneimittel auf Rezept abzüglich einem Kassenabschlag von 2,05 Euro. Ist dieses System so in Ordnung oder könnten Sie sich auch eine andere Art der Honorierung der Apotheke vorstellen?

Steffens: Die Systematik der Honorierung wurde bewusst so gewählt, weil der zeitliche und materielle Aufwand der Apothekerinnen und Apotheker nicht vom Preis des Arzneimittels abhängt und jeder Anreiz vermieden werden soll, möglichst teure Arzneimittel abzugeben. Diesen Ansatz finde ich durchaus richtig. Natürlich kann man sich auch andere Systeme vorstellen, man müsste mir aber zunächst einmal darlegen, welche warum besser sind.


AZ: Die Apotheker kämpfen derzeit vehement für eine Erhöhung ihres Honorars, das seit 2004 unverändert geblieben ist. Haben Sie Verständnis für die Apotheker? Was sollten die Apotheker tun?

Steffens: Kritik und Forderungen von Apothekerverbänden und -kammern auch aus NRW zur Honorierung sind mir aus persönlichen Gesprächen bekannt. Neben der Forderung nach einer Anpassung des Fixhonorars höre ich vor allem Kritik an den Auswirkungen des AMNOG auf die öffentlichen Apotheken. Ich habe Verständnis für die Kritik, aber wir brauchen für die weitere Auseinandersetzung im Bund wirklich belastbare Daten. Der für 2011 und 2012 gesetzlich erhöhte Apothekenabschlag kann ab 2013 wieder frei verhandelt werden, wobei die Verhandlung schiedsfähig ist. Hier besteht zumindest die Chance, eine wichtige Stellschraube für die Vergütung der Apotheken neu zu justieren und dabei vor allem auch die gestiegenen Kosten geltend zu machen. Notwendig erscheint mir, dass die Apothekerverbände valide Zahlen zu den Umsätzen und Gewinnen der Apotheken vorlegen – sowohl für die Verhandlungen über den Kassenabschlag für 2013 als auch für die von ihnen geforderte Überprüfung des Fixhonorars, denn diese werden immer wieder bestritten.


AZ: In welcher Rolle würden Sie die Apothekerin, den Apotheker heute am liebsten sehen?

Steffens: Ganz klar als Heilberuflerin bzw. Heilberufler und nicht an erster Stelle als Kauffrau bzw. Kaufmann. Die wohnortnahe Apotheke mit Fokus auf eine an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientierten Beratung und gesundheitlicher Prävention ist unerlässlich für ein menschlicheres Gesundheitssystem. Dabei muss die Versorgung mit allen nötigen Arzneimitteln und die individuelle Beratung unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Herkunft und sozialer Lage gesichert sein. Auch sollten Apothekerinnen und Apotheker künftig noch stärker als bisher in Kooperation mit anderen Heilberufen als Lotsinnen und Lotsen im Gesundheitssystem fungieren. Wo künftig Ärztinnen und Ärzte fehlen, wird die Bedeutung der Apotheke vor Ort noch weiter wachsen.


AZ: Sehen Sie diese Rolle heute schon verwirklicht oder muss daran noch gearbeitet werden?

Steffens: Es gibt sehr unterschiedlich geführte Apotheken. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich schon seit Längerem auf den Weg gemacht haben und zum Beispiel geschützte Beratungszonen eingerichtet haben, spezielle Beratungsangebote zu unterschiedlichen Themen für ältere Menschen, pflegende Angehörige oder regelmäßig Beratungen in anderen Sprachen anbieten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Apotheken, die meinen, zehn Packungen eines Schmerzmittels zum Preis von acht anzubieten, sei Werbung für einen Heilberuf. Bei denjenigen, die bei Testkäufen bezogen auf die Beratung immer wieder schlecht abschneiden, besteht deutlicher Veränderungsbedarf. Der Mensch muss noch stärker im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist eine dauerhafte und kompetente Begleitung bei der Arzneimitteltherapie. Da die Zahl älterer Patientinnen und Patienten weiter steigen wird, wird es immer wichtiger sein, auf individuelle Bedürfnisse, Wünsche und Fähigkeiten der einzelnen Patientinnen und Patienten einzugehen. Auch bei der Arzneimittelversorgung der Menschen in Heimen sehe ich Verbesserungsbedarf. Weitere Ziele sind ein Mehr an sektorübergreifender Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen, beispielsweise zwischen Ärztinnen/Ärzten und Apothekerinnen/Apothekern.


AZ: Eine weitere Baustelle der Apotheker sind die Pick-up-Stellen: Arzneimittelbestell- und -abholstellen in Drogeriemärkten. Wie ist hier Ihre Position dazu?

Steffens: "Pick up" ist aus meiner Sicht an erster Stelle profitorientiert, das kann beim Handel mit Arzneimitteln gefährlich werden. Apothekerinnen und Apotheker kennen ihre Patientinnen und Patienten, ihr Umfeld, ihre Krankheiten und Arzneimittel. Erst das ermöglicht gezielte Beratung. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat versprochen, die Auswüchse des Versandhandels mit Arzneimitteln zu bekämpfen, tut es aber nicht. Die Gesundheitsministerkonferenz hat am 30. Juni 2011 einstimmig folgenden Beschluss gefasst: "Die GMK stellt fest, dass nach wie vor das im Koalitionsvertrag vom 26. Oktober 2009 vereinbarte Verbot der Arzneimittel-Bestell- und Abholstellen (sogenannte Pick-Up-Stellen) nicht umgesetzt wurde. Dies führt zu einer Verfestigung der Strukturen und weiteren praktischen Ausgestaltungen. Das BMG wird daher aufgefordert, Wege aufzuzeigen, mit denen abträglichen Entwicklungen beim Versand von Arzneimitteln entgegengewirkt werden kann, ohne dabei auf unzulässige Weise in die Freiheit der Berufsausübung einzugreifen." Gegen das geplante Verbot der sogenannten Pick-up-Stellen haben das Bundesministerium der Justiz und das Bundesministerium des Inneren allerdings verfassungsrechtliche Bedenken geäußert. Damit ist leider in absehbarer Zeit nicht mit einem Verbot der Pick-up-Stellen zu rechnen.


AZ: In diesem Zusammenhang auch die Frage: Wie ist Ihre Einstellung zum Versandhandel mit Arzneimitteln? Stehen Sie dazu oder ist das eher eine Gefahr für die Arzneimittelsicherheit?

Steffens: Im Versand kann man alles Mögliche bestellen, nicht aber Arzneimittel. Beim Versand fällt jegliche persönliche Beratung weg, auch zu möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Deshalb ist mir eine Versorgung durch die Apotheke vor Ort so wichtig. Apotheke ist kein Handelsgeschäft wie jedes andere, sondern ein wichtiger Teil des Gesundheitswesens. Und klar ist, wenn der Versandhandel deutliche Teile des Marktes übernehmen würde, dann werden die Apotheken in Zukunft nicht flächendeckend wohnortnah erhalten bleiben.


AZ: Können Sie sich eine Beschränkung des Versandhandels auf nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel vorstellen?

Steffens: Den Versandhandel auf nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel zu beschränken, halte ich aus Gründen des Allgemeinwohls für gerechtfertigt, um Gesundheitsgefahren des Internet- und Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu begegnen. Die uneingeschränkte Zulassung des Versandhandels mit Arzneimitteln hat zu einer Verminderung der Patientinnen- und Patientensicherheit geführt. Weil von Patientinnen und Patienten nicht klar zwischen legalen und illegalen Versandangeboten von Arzneimitteln unterschieden werden kann, ist in Deutschland die Gefahr von Arzneimittelfälschungen gestiegen. Es gibt aktuell Hinweise, dass rund 50 Prozent aller Arzneimittel aus dem Internet gefälscht sein sollen. Gefälschte Arzneimittel können tödlich sein.


"Das sogenannte ABDA-KBV-Konzept ist aus meiner Sicht noch zu wenig konkret."

AZ: Die ABDA und die KBV haben sich auf ein gemeinsames ABDA-KBV-Konzept verständigt: Ärzte und Apotheker wollen gemeinsam für den Patienten an der Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit arbeiten. Im Mittelpunkt dieses Konzepts stehen der Medikationskatalog, die Wirkstoffverordnung und das Medikationsmanagement bei chronisch kranken Patienten, die mehr als fünf Arzneimittel einnehmen müssen. Eigentlich ein vernünftiges Konzept zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit und der Compliance. Und dennoch gibt es Widerstände und Probleme. Können Sie dies nachvollziehen? Wie stellt sich dieses Konzept aus Ihrer Sicht dar?

Steffens: Eine stärkere patientinnen- und patientenorientierte Arzneimittelversorgung ist grundsätzlich zu begrüßen. Es müssen dabei Versorgungssicherheit und eine bessere Versorgungsqualität für Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt stehen. Wirtschaftliche Interessen von Ärztinnen und Ärzten sowie Apothekerinnen und Apothekern im Rahmen dieses Konzepts sind zwar nachvollziehbar, sollten aber nachrangig sein. Ein zeitlich und regional beschränkter Modellversuch bietet eine Möglichkeit, zunächst den Nachweis der Versorgungsverbesserung und der Wirtschaftlichkeit dieses Modells zu führen. Das sogenannte ABDA-KBV-Konzept ist aus meiner Sicht noch zu wenig konkret. Daher muss zunächst abgewartet werden, welches Konzept tatsächlich in die Erprobung geht, bevor man eine erste Einschätzung abgeben kann. Ich hoffe es wird den Menschen etwas bringen.


AZ: In Modellregionen soll dieses Konzept erprobt werden. Thüringen und Sachsen sind zurzeit im Gespräch. Eigentlich war auch Nordrhein-Westfalen, insbesondere der Kammerbereich Westfalen-Lippe im Gespräch. Wäre dies in Ihrem Sinne gewesen?

Steffens: Derzeit ist offen, welche Modellregion zum Zuge kommt. Der Diskussionsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Mit Blick auf Westfalen-Lippe gibt es insbesondere in der Selbstverwaltung der KVWL erhebliche Widerstände. Auch aufseiten der Krankenkassen kann ich bisher kein besonderes Interesse an einem derartigen Modell erkennen. Das Land NRW hat keinen Einfluss darauf, wo das Konzept letztendlich durchgeführt wird; eine Teilnahme am Modellprojekt ist Angelegenheit und Entscheidung der Selbstverwaltung. Das Land NRW würde einem Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen aber grundsätzlich positiv gegenüberstehen, wenn Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität im Mittelpunkt stehen.


AZ: Unabhängig davon, ob das ABDA-KBV-Konzept nun in einer Modellregion umgesetzt wird oder nicht: In welche Richtung sollte sich Ihrer Meinung nach die Apotheke der Zukunft entwickeln? Was wäre Ihre Wunschvorstellung von einer Apotheke der Zukunft?

Steffens: Die Apotheke der Zukunft sollte in jedem Fall wohnortnah sein, denn wir brauchen auch zukünftig ein flächendeckendes Apothekennetz, vor allem in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Apotheken könnten sich im Quartier als wichtige Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten noch stärker etablieren. Wichtig ist, dass die Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens sich auf regionaler Ebene stärker vernetzen und die Zusammenarbeit ausbauen, um Synergieeffekte zu erzielen und die Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen. Auch in Zukunft werden Apotheken keine "normalen" Handelsgeschäfte sein, sondern wichtiger Teil des öffentlichen Gesundheitswesens und der sozialen Infrastruktur in den Gemeinden und Quartieren.


AZ: Frau Ministerin Steffens, vielen Dank für das Gespräch.



AZ 2012, Nr. 18, S. 4

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