Aus Kammern und Verbänden

Mehr als ein Unternehmen …

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens sprach in der Kammerversammlung

Am 13. Juni trat in Neuss die Kammerversammlung der Apothekerkammer Nordrhein zusammen. Als Gastrednerin begrüßte Kammerpräsident Lutz Engelen die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens, die einen engagierten und motivierenden Vortrag zum Thema "Die Apotheke – mehr als ein Unternehmen" hielt.
Ministerin Barbara Steffens setzt auf die Apotheker als Heilberufler.
Fotos: Alois Müller

Steffens forderte die Apotheker auf, die flächendeckende, wohnortnahe Gesundheitsversorgung in NRW aktiv mitzugestalten. Neben der medizinischen und Arzneimittelversorgung stelle die Pflege das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. Beispielsweise sind derzeit in NRW 500.000 Menschen pflegebedürftig, und im Jahr 2050 werden es etwa eine Million sein. Dem stehen derzeit 8,7 Mio. und im Jahr 2050 nur noch 6,6 Mio. Erwerbstätige gegenüber. Auch wegen des demografischen Wandels hat die Apotheke vor Ort künftig mehr Aufgaben zu erfüllen; deshalb muss die gesundheitliche Infrastruktur erhalten bleiben.

Alle Akteure im Gesundheitswesen stehen unter wirtschaftlichem Druck, und die politische Situation fördert geradezu die Frontenbildung zwischen den Vertretern der einzelnen Berufsgruppen, so Steffens. Nur gemeinsam mit allen Akteuren kann ein zukunftssicherer Weg für ein tragfähiges Gesundheitswesen gefunden werden. Diese Erfahrung hat Steffens auch bei der Diskussion um die Einsparungen beim Großhandel und bei den Apotheken gemacht: Erst durch das gemeinsame Gespräch konnten beide Seiten zu gedeihlichen Lösungen finden.

Steffens: Beratung der Patienten wird immer wichtiger

Zu Arzneimittelversandhandel und Pick-up-Stellen meinte Steffens: Eine heilberufliche Versorgung mit Beratung ist nicht per Mail oder Telefon, sondern nur im direkten Gespräch möglich. In der Apotheke steht das Heilen im Vordergrund. Deshalb ist sie mehr als ein Unternehmen.

Der Apotheker muss finanziell unabhängig sein, damit er z. B. auf Sonderangebote von Schmerzmitteln verzichten und dem Kunden gegebenenfalls auch ein Hausmittel anstelle eines Arzneimittels empfehlen kann. Das Vertrauen der Bevölkerung in die heilberufliche Kompetenz des Apothekers ist hoch. Das zeigt sich vor allem bei der Inanspruchnahme der Beratung für die Selbstmedikation. Hier könnte der Apotheker künftig noch stärker als bisher eine Lotsenfunktion wahrnehmen, indem er dem Kunden zu einer Selbstmedikation oder einem Arztbesuch rät. Bei der an Bedeutung noch wachsenden ambulanten Versorgung kommt es darauf an, dass die Patienten die Arzneimittel zeitgerecht einnehmen. Hier wünscht sich Steffens sektorenübergreifend eine offene Diskussion mit allen beteiligten Akteuren.

Lob der neuen ApBetrO

Die Ministerin äußerte sich außerdem zur Novellierung der Apothekenbetriebsordnung. Durch gemeinsames Handeln konnten viele Änderungsanträge eingebracht werden. Zwar seien einige Defizite zu beklagen, aber im Dialog könne man die Probleme sicher lösen.

Engelen dankte Steffens für die klare Stellungnahme der Landesregierung NRW. Die Bundespolitik setze die Apotheken jedoch wirtschaftlich massiv unter Druck, sodass die Zahl der Apotheken abnimmt und auf Dauer die flächendeckende Versorgung gefährdet ist.

Der erste Entwurf der Apothekenbetriebsordnung hatte die Weichen für eine weitere Ökonomisierung der Apotheken gestellt und konnte dank der Länder und insbesondere auch dank des Engagements von Ministerin Steffens verhindert werden. Mit der nunmehr in Kraft getretenen ApBetrO werde die heilberufliche Struktur der öffentlichen Apotheke für die kommenden zehn bis 15 Jahre gesichert.

Engelen lobte, dass das Medikationsmanagement nun als pharmazeutische Tätigkeit gilt. Deshalb, so seine Einschätzung, wäre heute ein Vertragsabschluss zwischen der AOK Hamburg und den Hausärzten zum Medikationsmanagement ohne Berücksichtigung der Apotheker unmöglich. Auch die Landesgesundheitskonferenz in NRW baue bei der Patienten- und Therapiesicherheit auf die Mitwirkung der Apotheker.


Schulterschluss für eine zukunftssichere Gesundheitsversorgung: Gesundheitsministerin Barbara Steffens und Kammerpräsident Lutz Engelen.

Engelen: Statements zur Arzneimittelsicherheit

Laut Engelen steht zu befürchten, dass die Regierung vor der nächsten Bundestagswahl die Krankenkassenbeiträge senkt, um auf Stimmenfang bei den Wählern zu gehen. Des Weiteren gab er folgende Statements ab:

  • Freier Heilberuf: Wirtschaftlich frei kann nur derjenige zum Wohl der Patienten beraten, der nicht im ökonomischen Wettbewerb steht; dies gilt auch für OTC-Arzneimittel.

  • Rezeptur: Es darf keinen Qualitätsunterschied zwischen industriell hergestellten Präparaten und individuellen Rezepturen geben. Die schlechte Vergütung der Rezeptur begünstigt jedoch Qualitätsmängel.

  • Pick-up-Verbot: Wie beim "Schwarzer-Peter-Spiel" schieben sich verschiedene Gremien immer wieder die Verantwortlichkeit zu. Derzeit diskutieren BMG und BMJ, ob Pick-up-Stellen ähnlich wie Rezeptsammelstellen behandelt werden könnten.

  • Palliativversorgung: Zwar fordern die in der Palliativversorgung tätigen Ärzte, dass sie das Distributionsrecht für die dafür notwendigen Arzneimittel erhalten. Die KV Nordrhein sehe diese Notwendigkeit jedoch nicht.

  • Arzneimittelversandhandel: Er ist ein Einfallstor für Arzneimittelfälschungen. Ihretwegen steigt der Aufwand für die Arzneimittelsicherheit, was wiederum die Arzneimittelkosten erhöht, die am Ende der Verbraucher tragen muss. So wird das Übel nicht an der Wurzel gepackt.


Internet


Engelen präsentierte auch den neuen Internetauftritt der Apothekerkammer Nordrhein. Er ist moderner und mehr auf die Mitglieder fokussiert. Sowohl im offenen als auch im geschlossenen, mit einem individuellen Passwort geschützten Bereich wurde das Layout abgespeckt, transparenter und benutzerfreundlicher. Das gilt z. B. für das Buchen von Fortbildungs- und Weiterbildungsveranstaltungen, die Meldung einer Adressänderung, die Pflege des Punktekontos oder das Downloaden von nützlichen Informationen für den Apothekenalltag.

www.aknr.de

Für eine leistungsgerechte Positionierung

Engelen erinnerte an die Studie "Apotheke der Zukunft" des Instituts für Handelsforschung mit den positiven Ergebnissen (s. DAZ Nr. 16, S. 22): 84% der Befragten haben eine Stammapotheke; 90% sehen im Apotheker den Heilberufler; 80% sprechen sich für den Erhalt der Apotheken aus, und 70% sind der Ansicht, dass die Bedeutung der Apotheke in der Versorgung zukünftig noch wachsen wird.

Die Bürger wünschen also eine wohnortnahe, flächendeckende Versorgung und Beratung. Deshalb bat Engelen die Ministerin Steffens, die folgende Kernforderung in die Bundesgesundheitskonferenz mitzunehmen: "Wir Apothekerinnen und Apotheker übernehmen eine bedeutungsvolle Aufgabe in der Versorgung dieses Landes. Es ist daher unerlässlich, uns in die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Position zu versetzen, die unserem heilberuflichen und unternehmerischen Engagement für die Menschen in diesem Land gerecht wird."

Außerdem berichtete Engelen, dass die Kammer Nordrhein die geplante Steigerung des ABDA-Haushaltes um etwa 2,8% wegen der aktuellen wirtschaftlichen Lage ablehnen werde.


Dr. Constanze Schäfer MHA



DAZ 2012, Nr. 25, S. 66

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