Arzneimittel und Therapie

Insulin-Spray bei Alzheimer-Demenz?

Die Schlüsselfunktion des Proteohormons Insulin besteht in einer Senkung der Blutzuckerkonzentration durch den Transport von Glucose aus dem Blutplasma vor allem in Leberund Muskelzellen. Aber auch Gehirnzellen besitzen Insulinrezeptoren, und durch die Aufnahme des Hormons könnte es zu einer verbesserten Glucoseverwertung und damit auch Verbesserung der kognitiven Funktion in geschädigten Arealen des Gehirns kommen. In einer Pilotstudie wurden jetzt tatsächlich Erfolge bei Patienten mit leichter Demenz verzeichnet.

In Deutschland leiden schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen an Morbus Alzheimer. Bei einem stetig steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung wird diese Zahl wahrscheinlich noch deutlich zunehmen, für das Jahr 2030 wird mit 2,3 Millionen Erkrankten gerechnet. Die neurodegenerative Erkrankung tritt zumeist ab dem 65. Lebensjahr auf; charakteristisch sind Amyloid-Plaques, Protein-Ablagerungen im Gehirn.

Insulinrezeptoren im Gehirn

Bereits Ende der 70er Jahre konnten in tierexperimentellen Studien zahlreiche Insulinrezeptoren im Rattenhirn nachgewiesen werden, in den 90er Jahren dann auch im menschlichen Gehirn. Die höchste Rezeptorendichte findet sich im Bulbus olfactorius, im Hypothalamus und im Hippocampus. Die Insulinrezeptoren des ZNS sind membrangebundene Glykoproteine und funktional identisch mit den bekannten Insulinrezeptoren der Körperperipherie. Der Hippocampus ist als Teil des limbischen Systems an der Gedächtnis- und Lernfunktion des Gehirns beteiligt. Somit lässt auch die Lokalisation der Insulinrezeptoren einen Einfluss von Insulin auf die Nahrungsaufnahme und die Gedächtnisfunktion vermuten.

Bessere Gedächtnisleistung …

Wissenschaftler der University of Washington in Seattle haben jetzt in einer randomisierten Doppelblindstudie untersucht, ob Insulin die Gehirnleistungen von Demenzkranken verbessern kann. Eingeschlossen waren 104 Patientinnen und Patienten mit leicht ausgeprägter Alzheimer-Krankheit oder der Demenz-Vorstufe MCI ("Mild Cognitive Impairment"), die als subjektive und objektivierbare kognitive Leistungsverschlechterung bei erhaltener Alltagskompetenz definiert ist. Den Patienten wurde das Insulin über ein Nasenspray appliziert. Die intranasale Applikation des Hormons ist gering invasiv und zeigt keine unerwünschten Wirkungen auf Blutzuckerspiegel und Seruminsulinkonzentration.

… mit niedrig dosiertem Insulinspray

Die Probanden wurden in drei Gruppen aufgeteilt: 36 Studienteilnehmer erhielten über vier Monate täglich eine vergleichsweise niedrige Dosis (20 IE Insulin), 38 Patienten eine höhere Dosis (40 IE Insulin), die übrigen 30 Teilnehmer ein Placebo. Danach absolvierten die Studienteilnehmer verschiedene Gedächtnistests. Das Nasenspray erwies sich als gut verträglich. Nasenbluten, Rhinitis und Kopfschmerzen könnten als Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden. Beide Insulingruppen schnitten in standardisierten Demenztests besser ab als die Teilnehmer der Placebogruppe. Unter der niedrigen Insulin-Dosierung kam es zu einer Verbesserung der Gedächtnisleistungen, während höherdosiertes Insulin oder Placebo keinen Effekt zeigten. Durch Positronenemissionstomographie (PET) konnten die Wissenschaftler eine optimierte neuronale Aufnahme von Glucose im Frontalhirn nachweisen. Die geringe Probandenzahl lässt allerdings keine abschließende Bewertung oder gar Therapieempfehlung zu. Eine weitere Studie mit einer größeren Zahl an Studienteilnehmern ist daher in Vorbereitung.


Quelle

Craft, S., et al.: Intranasal Insulin Therapy for Alzheimer Disease and Amnestic Mild Cognitive Impairment. Arch. Neurol., doi:10.1001/archneurol.2011.233online v. 16. 9. 2011.


Dr. Hans Peter Hanssen



DAZ 2011, Nr. 39, S. 66

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