Arzneimittel und Therapie

Die Suche nach einer Demenzprävention

Mit Nahrungsergänzungsmitteln kann man einer Demenz nicht vorbeugen

Eine leichte kognitive Beeinträchtigung führt mit fortschreitendem Alter oft zu Demenz. Und das bedeutet in den meisten Fällen eine deutlich eingeschränkte Lebensqualität, Belastung für Angehörige, Pflege­bedürftigkeit und damit verbundene Kosten für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft. Der Markt für OTC und Nahrungsergänzungsmittel, die den kognitiven Abbau hemmen sollen und geistige Fitness versprechen, boomt.

In einem systematischen Review wurden kontrollierte klinische Studien mit OTC-Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) ausgewertet, die an gesunden Probanden durchgeführt wurden und bei denen kognitive Parameter gemessen wurden. Die Studien mussten mindestens eine sechsmonatige Dauer haben. Insgesamt wurden 38 Studien mit folgenden Wirkstoffen ausgewertet: Omega-3-Fettsäuren, Soja, Ginkgo, B-Vitamine, Vitamin D plus Calcium, Vitamin C, ß-Carotin und Multivitamin-Präparate. Das Ergebnis ist schnell zusammengefasst: Die vorbeugende Wirkung aller getesteten OTC- und NEM-Präparate gegen eine leichte kognitive Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI), kognitiven Abbau oder Alzheimer-Demenz war minimal bis nicht vorhanden. Es liegt keine ausreichende Evidenz für die Empfehlung der genannten Produkte vor.

OTC versus Rx

Nach diesem vernichtenden Urteil über OTC-Produkte liegt die Frage nahe, ob und welche präventiven therapeutischen Alternativen im Bereich der verschreibungspflichtigen Arzneimittel infrage kommen. In einem zweiten systematischen Review wurden klinische Studien mit Rx-Arzneimitteln ausgewertet, bei denen ein kognitiver Endpunkt gemessen wurde. Von den 51 ausgewerteten Studien mit Antidementiva, Antihypertonika, Antidiabetika, nicht-steroidalen Antiphlogistika/Acetylsalicylsäure, Hormonen und Statinen konnte ebenfalls keine Empfehlung für eine präventive Wirkung gegen Demenz abgeleitet werden. Im Vergleich zu den getesteten OTC- und NEM-Produkten, bei denen quasi keine Nebenwirkungen festgestellt wurden, traten bei den Hormonen (Estrogen, Raloxifen) schwerwiegende unerwünschte Wirkungen wie Schlaganfall, Brustkrebs, Embolien auf.

Positive Effekte durch kognitives Training

In einer Studie wurden 145 Erwachsene im Alter von etwa 72 Jahren aus kanadischen Kliniken untersucht, bei denen eine leichte kognitive Beeinträchtigung festgestellt worden war. Sie wurden in drei Gruppen eingeteilt, die sich über einen Zeitraum von acht Wochen einmal wöchentlich für 120 Minuten trafen. Eine Gruppe (kognitive Trainingsgruppe) wurde mit Merk-Aufgaben geschult, um Gedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne zu verbessern. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe wurden darauf fokussiert, auf positive Aspekte ihres Lebens zu achten (psychosoziale Gruppe). Die dritte Gruppe erhielt kein spezielles Training. Am Ende der Trainingszeit wurde in der kognitiven Trainingsgruppe eine bis zu 40% erhöhte Gedächtnisleistung festgestellt. In der psychosozialen Gruppe und der Kontroll-Gruppe besserte sich die kognitive Leistung nicht.

Quelle

Belleville S et al. MEMO+: Efficacy, Durability and Effect of Cognitive Training and Psychosocial Intervention in Individuals with Mild Cognitive Impairment. J Am Geriatric Soc online 4. Januar 2018, DOI: 10.1111/jgs.15192

Vision: Die ideale klinische Studie

Ein wesentliches Manko der meisten ausgewerteten Studien war die geringe Aussagekraft der Daten. Die Autoren meinen, die optimale klinische Studie für diesen Anwendungsbereich müsste gleichzeitig mehrere Risikofaktoren erfassen, in der mittleren Lebensphase beginnen und bis ins hohe Lebensalter andauern, klinisch relevante Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit messen, systematisch Nebenwirkungen erfassen usw. Logistisch und finanziell ist dies wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Realistischer ist daher die Identifizierung geeigneter Surrogat-Parameter. |

Quelle

Butler M et al. Over-the-Counter Supplement Interventions to Prevent Cognitive Decline, Mild Cognitive Impairment, and Clinical Alzheimer-Type Dementia. Ann Intern Med 2018;168:52-62; doi: 10.7326/M17-1530

Fin HA et al. Pharmacologic Interventions to Prevent Cognitive Decline, Mild Cognitive Impairment, and Clinical Alzheimer-Type Dementia. Ann Intern Med 2018;168:39-51; doi: 10.7326/M17-1529

Apothekerin Dr. Birgit Benedek

Zum Weiterlesen

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DAZ 2016, Nr. 35, S. 35

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