Arzneimittel und Therapie

Darmeinstülpungen auch bei neuen Impfstoffen

Besonders bei Kleinkindern sind Rotaviren die häufigste Ursache für schwere Durchfallerkrankungen. Derzeit stehen zwei verschiedene Rotavirus-Impfstoffe (Rotarix®, GlaxoSmithKline und RotaTeq®, Sanofi Pasteur MSD) zur Verfügung, nachdem eine Schluckimpfung (RotaShield®, Wyeth Lederle) 1999 in den USA zurückgezogen wurde. Als Nebenwirkung waren 76 Fälle von Intussuszeptionen (Darmeinstülpungen) aufgetreten. Zwei Studien zeigen entsprechende Komplikationen jetzt auch für die Impfstoffe der zweiten Generation RotaTeq® und Rotarix®.
Foto: ABDA
Besonders bei Kleinkindern sind Rotaviren die ­häufigste Ursache für schwere Durchfallerkrankungen. Offensichtlich können auch bei Impfstoffen der zweiten Generation Intussuszeptionen als Nebenwirkung auftreten. Diskutiert wird, ob Intussuszeptionen generell eine Komplikation von Rotavirus-Infektionen sind.

Die weltweit verbreiteten humanen Rotaviren (Reoviridae) sind die häufigste Ursache für schwere Durchfallerkrankungen. Mehr als 90% aller Kinder haben bereits bis zum Ende des dritten Lebensjahres eine Rotavirus-Infektion durchgemacht. Rotaviren haben bei klinisch relevanten Fällen einen Anteil von 35 bis 52%, wobei die schwersten Krankheitsverläufe in der Altersgruppe zwischen sechs Monaten und zwei Jahren auftreten. Aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung sterben nach Schätzungen der WHO in den Entwicklungsländern etwa 850.000 Kinder jährlich an einer durch Rotaviren bedingten Dehydratation. In Deutschland ist der Nachweis von Rotaviren nach § 7 des Infektionsschutzgesetzes meldepflichtig.

Potenzielles Risiko aller Rotavirus-Impfstoffe?

Mit Rotarix® (GlaxoSmithKline) und RotaTeq® (Sanofi Pasteur MSD) stehen derzeit zwei verschiedene Rotavirus-Impfstoffe für Schluckimpfungen zur Verfügung. Das Impfschema besteht aus zwei bzw. drei Teilimpfungen. Die Immunisierung muss mit dem vollendeten 6. Lebensmonat abgeschlossen sein. Ohne Impfung erkrankt bis zum 5. Lebensjahr nahezu jedes Kind an Rotaviren. Im Jahre 1998 war bereits eine erste Schluckimpfung (RotaShield®, Wyeth Lederle) in den USA in den normalen Impfplan aufgenommen worden. Nachdem 76 Fälle von Intussuszeptionen (Darmeinstülpungen), auch Invaginationen genannt, aufgetreten waren und ein möglicher Zusammenhang mit der Impfung assoziiert wurde, wurde die Zulassung im Oktober 1999 daraufhin wieder zurückgezogen. In der Folgezeit wurde intensiv an einem verbesserten Impfstoff gearbeitet, und seit Anfang 2006 sind Impfstoffe für Kinder im Alter bis zu sechs Monaten in Europa und den USA wieder zugelassen.


Intussuszeption


Intussuszeption bedeutet eine ringförmige Einstülpung der proximalen Darmwand in die benachbarte distale Darmröhre hinein. An der Stelle einer solchen Einstülpung wird das Lumen erheblich eingeengt und der peristaltische Vorschub des Darminhalts stark behindert. Es kann zu einem Ileus oder Subileus kommen. Eine Intussuszeption kann überall im Darm auftreten.

Trotzdem positive Nutzen-Risiko-Bilanz

Eine klinische Studie zu Rotarix® mit 615 untersuchten Intussuszeptionen in Brasilien und Mexiko zeigt jetzt ein leicht erhöhtes Risiko für den Impfstoff; die Autoren sehen jedoch nach ihrer Fall-Kontroll-Studie für beide Länder eine positive Nutzen-Risiko-Bilanz bei Anwendung des Impfstoffs, der 80.000 Hospitalisierungen und 1300 Todesfälle durch Durchfallerkrankungen im Säuglingsalter verhindern. Nach einer weiteren australischen Studie war Rotarix® mit einem um den Faktor 3,5 tendenziell erhöhten Risiko für Intussuszeptionen assoziiert, während für RotaTeq® eine signifikante Steigerung um den Faktor 5,3 gefunden wurde.

Im Editorial des New England Journal of Medicine wird die Vermutung geäußert, die nach einer Impfung auftretenden Intussuszeptionen könnten ein prinzipielles Risiko aller Rotavirus-Impfstoffe sein, da beide Impfstoffe aus Lebendviren bestehen, oder gar eine generelle Komplikation von Rotavirus-Infektionen. Weil eine Impfung zu inapparenten Infektionen führe, sei möglicherweise die Gefahr durch die Impfung geringer als bei einer Infektion mit dem Wildtyp. Auch dies spräche gegen ein Verbot der beiden neuen Impfstoffe.


Quelle

Patel, M.M.; et al.: Intussusception Risk and Health Benefits of Rotavirus Vaccination in Mexico and Brazil. New Engl. J. Med. 2011; 364(24): 2283 – 2292.

Buttery, J.P.; et al.: Intussusception following rotavirus vaccine administration: Post-marketing surveillance in the National Immunization Program in Australia. Vaccine 2011; 29(16): 3061 – 3066.

Greenberg, H.B.: Rotavirus Vaccination and Intussusception - Act Two. New Engl. J. Med. 2011; 364(24): 2354 – 2355.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2011, Nr. 25, S. 36

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