Arzneimittel und Therapie

Ivermectin als neue Option zur innerlichen Anwendung?

Sie sind lästige und perfekt an den Menschen angepasste Plagegeister: Kopfläuse. Viele Betroffene erinnern sich mit Schrecken an die Begegnung mit den scheinbar unbezwingbaren Parasiten. Oral angewendetes Ivermectin, ein bisher vor allem in der Veterinärmedizin eingesetztes Antiparasitikum, zeigte sich in einer Vergleichsstudie an Kindern mit schwer zu therapierendem Kopflausbefall dem topisch angewendeten Phosphorsäureester Malathion überlegen.
Pediculus humanus capitis Im Laufe der Evolution perfekt an den Lebensraum Kopfhaar angepasster Begleiter des Menschen. Ivermectin blockiert bei Nicht-Wirbeltieren den Neurotransmitter GABA und wurde bisher nur in der Veterinärmedizin eingesetzt. Es ist auch gegen Ektoparasiten wirksam und war gegen Skabies erfolgreich.
Foto: U. Kubisch

Die topische Behandlung von Kopfläusen gerät weltweit immer häufiger an ihre Grenzen. Zum einen aufgrund der langwierigen zweimaligen Anwendung, zum anderen sind für die gängigen Wirkstoffe wie Pyrethroide bereits Resistenzen auf molekularer Ebene nachgewiesen. Weitere Insektizide wie das in der vorliegenden Studie verwendete Malathion oder Lindan sind toxikologisch bedenklich. Da das makrocyclische Lacton Ivermectin durch Blockade des Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure zu Muskellähmungen bei Wirbellosen führt, scheinen Kreuzresistenzen auf pharmakodynamischer Ebene zunächst ausgeschlossen.

Anwendung nach erfolgloser Erstbehandlung

Ob das oral einzunehmende Ivermectin, für das aus der Therapie von Filariosen wie der Flussblindheit auch beim Menschen Erfahrungen bestehen, eine Alternative sein kann, wurde in der vorliegenden Studie geprüft. In sieben Studienzentren in Großbritannien, Irland, Frankreich und Israel wurden im Jahre 2004 812 Patienten in zwei Gruppen entweder mit einer 0,5%igen Malathionlösung topisch oder mit Ivermectin in einer Dosierung von 400 µg pro Kilogramm Körpergewicht an Tag 1 und 8 behandelt. Die Studie wurde doppelblind im Double-dummy-Prinzip durchgeführt. Einschlusskriterium war eine zuvor erfolglos durchgeführte Behandlung. Da die Familien der betroffenen Probanden mitbehandelt wurden, erfolgte die Randomisierung in sogenannten Clustern. In beiden Therapiearmen wurden jeweils 185 Haushalte als Cluster randomisiert. Konnten an Tag 15 durch sorgfältiges Auskämmen mit einem Nissenkamm weiterhin lebende Tiere nachgewiesen werden, so wurde in einer sekundären Studienphase im Cross-over-Design die jeweils andere Therapie angeschlossen. Das mediane Alter der Teilnehmer betrug zehn Jahre; 85% waren weiblich.

Anthelminthikum Ivermectin


Ivermectin ist ein Antibiotikum aus der Gruppe der Avermectine, das aus Streptomyces avermitilis gewonnen wird. Es ist ein Gemisch mehrerer Komponenten und kann peroral oder topisch angewendet werden.

Ivermectin besitzt eine ausgeprägte Wirkung auf Mikrofilarien von Nematoden, insbesondere von Onchocerca volvulus. Der zu den Filarien gehörende Fadenwurms ist ein Parasit des Menschen und der Erreger der Flussblindheit. Durch verstärkte GABA-Freisetzung in peripheren Nerven soll es eine Lähmung der Nematoden bewirken. Bei Würmern wie Cestoden und Trematoden, bei denen GABA nicht als Neurotransmitter wirkt, ist Ivermectin unwirksam. Da es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet, sind unerwünschte Wirkungen am ZNS nicht zu befürchten.

Ivermectin ist Mittel der Wahl bei der tropischen Flussblindheit zur Abtötung der Mikrofilarien. Erfolge wurden auch bei lymphatischer Filariasis, Strongyloidiasis und bei Mansonella-Infektionen erzielt.

Mehr Patienten läusefrei

Die Auswertung des primären Studienendpunktes, "Läusefreiheit" an Tag 15, erreichten 95% der Teilnehmer in der Ivermectingruppe und 85% der Probanden, die im Studienzentrum mit Malathionlösung behandelt worden waren (95% Konfidenzintervall 4,6 bis 15,7, p < 0,001). Insgesamt konnten mit Ivermectin 171 Haushalte erfolgreich saniert werden, mit Malathion 151. Alle acht Therapieversager unter Ivermectin wurden in der Anschlussphase erfolgreich mit Malathion behandelt. Von den 31 erfolglos mit Malathion behandelten Probanden brachte Ivermectin in 30 Fällen die erhoffte Befreiung vom hartnäckigen Befall.

Anwendung für ganze Schulklassen?

Die Auswertung der Sicherheitsendpunkte ergab bei den schweren Nebenwirkungen einen Krampfanfall bei einem siebenjährigen Mädchen unter Ivermectin und einen Fall von schweren Kopfschmerzen nach der Behandlung mit Malathionlösung. Weitere dokumentierte Nebenwirkungen der Ivermectintherapie waren zwei Fälle von Impetigo sowie ein Fall von Übelkeit und Erbrechen. Die Malathionbehandlung führte bei drei Patienten zu Hautausschlag.

Um beurteilen zu können, ob Ivermectin geeignet ist, der drohenden Resistenz von Kopfläusen auch durch die Behandlung ganzer Schulklassen zu begegnen, wie von den Autoren der Studie vorgeschlagen wird, sind weitere Langzeituntersuchungen notwendig. Die Autoren blicken zwar auf Erfahrung mit 45 Millionen im Rahmen von WHO-Behandlungsprogrammen mit einer geringeren Ivermectin-Dosis behandelten Menschen zurück, bei denen keine schweren Nebenwirkungen bekannt wurden. Der aus früheren Studien resultierende Verdacht, dass Ivermectin bei älteren Patienten die Mortalität erhöhen könnte, muss allerdings zunächst zuverlässig widerlegt werden.


Quelle

Chosidow, O.; et al.: Oral Ivermectin versus Malathion Lotion for Difficult-to-Treat Head Lice. N
Engl J Med (2010) 362: 896 – 905.


Apotheker Peter Tschiersch

Therapie bei Kopflausbefall


Eine optimale Behandlung bei Kopflausbefall besteht nach heutiger Auffassung in der Kombination chemischer, mechanischer und physikalischer Wirkprinzipien, so dass synergistische Effekte genutzt werden können. Zu den geprüften und anerkannten Mitteln und Verfahren zur Bekämpfung von tierischen Schädlingen gehören Arzneimittel mit den Wirkstoffen Allethrin, Permethrin und Pyrethrum und Medizinprodukte, die u. a. Dimeticon und pflanzliche Öle enthalten. Da Kopflausmittel nicht zuverlässig alle Eier abtöten und in Abhängigkeit vom Mittel und dessen Anwendung Larven nach der Erstbehandlung nachschlüpfen können, muss innerhalb eines engen Zeitfensters unbedingt eine Wiederholungsbehandlung mit dem Kopflausmittel durchgeführt werden (am Tag 8, 9 oder 10, optimal: Tag 9 oder 10). Der Ratgeber "Infektionskrankheiten - Kopflausbefall" gibt als mögliche Ursachen für das Scheitern der topischen Behandlung mehrere Faktoren an:

  • zu kurze Einwirkzeiten
  • zu sparsames Ausbringen des Mittels
  • eine ungleichmäßige Verteilung des Mittels
  • eine zu starke Verdünnung des Mittels in triefend nassem Haar
  • das Unterlassen der Wiederholungsbehandlung an Tag 8, 9 oder 10
  • besonders dichtes Haar erschwert die Behandlung zusätzlich

Die kombinierte Anwendung mit nassem Auskämmen mit einem Nissenkamm an den Tagen 1, 5, 9 und 13 wird empfohlen.


[Quelle: Ratgeber "Infektionskrankheiten- Kopflausbefall - Merkblatt für Ärzte", Stand November 2008, herausgegeben vom Robert Koch-Institut www.rki.de]

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