Arzneimittel und Therapie

Wurmmittel gegen Kopfläuse

Ivermectin wirkt nach einmaliger Anwendung

Das in Deutschland nicht zugelassene Ivermectin wird vorrangig zur Behandlung von Nematodenerkrankungen eingesetzt. In zwei randomisierten Studien war eine topische Formulierung auch gegen Kopfläuse wirksam. In den USA ist diese Lotion (SkliceTM) seit Februar diesen Jahres bei Kopflausbefall ab einem Alter von sechs Monaten zugelassen.
Auch gegen blutsaugende Insekten wie zum Beispiel Kopfläuse kann Ivermectin eingesetzt werden. Der antiparasitäre Wirkstoff ausder Gruppe der Avermectine ist bisher zur Behandlung eines Befalls mit Fadenwürmern undEktoparasiten (Milben, Läuse, Zecken) in der Human- und Tiermedizin zugelassen. Foto: dalaprod – Fotolia.com

Kopflausbefall ist und bleibt ein wichtiges Beratungsthema – doch das ideale Läusemittel gibt es offenbar nicht. Neben persönlichen Vorlieben spielt dabei auch die Zunahme von Resistenzen eine Rolle. So wurden beispielsweise in Kalifornien, Florida und Texas bei 33 bis 100% der untersuchten Kopfläuse Mutationen gefunden, die für eine Resistenz gegen Permethrin verantwortlich sind. Die Suche nach neuen Wirkstoffen geht daher weiter. Erst kürzlich wurde mit Malathion (Infectopedicul® Malathion Shampoo, verschreibungspflichtig) in Deutschland ein neuer Wirkstoff zugelassen.

Wurmmittel auch gegen Kopfläuse wirksam

Ivermectin wird bereits als orales Anthelmintikum gegen Fadenwurmerkrankungen (Filariosen) angewendet (Stromectol®, USA). Seine Wirkung beruht auf einer Unterbrechung der Neurotransmission durch Öffnung von Chloridkanälen, was zur Lähmung und zum Tod der Parasiten führt. In einer Vergleichsstudie war Ivermectin (zweimal 400 µg pro kg Körpergewicht oral im Abstand von einer Woche) bei Insektizid-refraktärem Kopflausbefall 0,5%igem Malathion überlegen. Die daraufhin entwickelte 0,5%ige topische Ivermectin-Formulierung ist seit Februar 2012 als Sklice® in den USA zur Behandlung von Kopflausbefall ab einem Alter von sechs Monaten zugelassen.

Wirksam bei geringer Nebenwirkungsrate

Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Formulierung war in zwei Hersteller-finanzierten multizentrischen randomisierten, doppelblinden, Vehikel-kontrollierten Studien geprüft worden. Sie wurde einmalig auf das trockene Haar und die Kopfhaut aufgetragen und nach einer Einwirkzeit von nur zehn Minuten mit Wasser ausgespült. Primärer Endpunkt war der Anteil der Teilnehmer, die an den Tagen 2, 8 und 15 nach der Behandlung frei von Kopfläusen waren.

Insgesamt beendeten 765 Teilnehmer die beiden Studien, wozu auch Familien- und andere Haushaltsmitglieder gerechnet wurden. Zu den Indexpatienten (intention to treat, definiert als das jeweils jüngste Haushaltsmitglied mit einem Befall von mindestens drei lebenden Parasiten) gehörten in der Ivermectingruppe 141 und in der Vehikelgruppe 148 Patienten.

Am Tag 2 waren signifikant mehr Patienten der Ivermectin-Gruppe im Vergleich zur Vehikelgruppe kopflausfrei (94,9% vs. 31,3%), ebenso am Tag 8 (85,2% vs. 20,8%) und am Tag 15 (73,8% vs. 17,6%, p < 0,001 für alle Vergleiche).

Die Häufigkeit und Schwere unerwünschter Wirkungen war in beiden Gruppen ähnlich. Zu den wichtigsten Nebenwirkungen zählen Juckreiz, Hautabschürfungen und -rötungen, die jeweils in Häufigkeiten zwischen 0,3 und 1,5% auftraten.


Ivermectin im Mectizan® Donation Program


Ivermectin wirkt zuverlässig gegen Fadenwurmerkrankungen (Filariosen) wie Flussblindheit (hervorgerufen durch Onchocerca volvulus) und Elephantiasis (Erreger Wuchereria bancrof), die vor allem in Afrika zu schwerwiegenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen führen. Nach Schätzungen der WHO sind weltweit mehr als 18 Millionen Menschen mit dem Erreger der Flussblindheit infiziert, ca. 120 Millionen leiden an Elephantiasis. Durch Medikamentenspenden konnten in den vergangenen Jahren erfolgreich Massenbehandlungsprogramme etabliert werden. So stellte beispielsweise die Firma MSD im Rahmen des "Mectizan® Donation Program" seit 1987 (für die Flussblindheit) und seit 1998 für die Elephantiasis mehr als 2,5 Milliarden Tabletten kostenlos zur Verfügung.

Resistenzgefahr auch bei Ivermectin

Nach Ansicht von zwei Kommentatoren der Studie wird auch der neue Wirkstoff das Resistenzproblem nicht lösen können. Vielmehr sei Besonnenheit nötig, um keine resistenten Stämme entstehen zu lassen. Bereits jetzt ist in afrikanischen Ländern wie beispielsweise Ghana und Kamerun, wo Ivermectin zur Behandlung der Onchozerkose (Flussblindheit, siehe Kasten) breit eingesetzt wird, eine steigende Resistenz beim Wurm Ochnocerca volvulus zu beobachten. In Australien wurde über eine Zunahme der Resistenz von Krätzemilben gegen den Wirkstoff berichtet.

Ihrer Ansicht nach sollte Ivermectin die letzte Wahl, die gängigen Pedikulozide sowie das Auskämmen der Läuse und Nissen dagegen nach wie vor erste Wahl sein. Eine häufigere Inspektion der Haare, sowohl im familiären Bereich als auch in Schulen und anderen Einrichtungen, halten die Kommentatoren ebenfalls für nützlich.


Ivermectin gegen Krätze


Im August 2011 wurde in einer Duisburger Altenpflegeeinrichtung eine orale Massenbehandlung mit dem in Deutschland für diese Indikation bisher nicht zugelassenen Wirkstoff Ivermectin durchgeführt. Insgesamt wurden 135 Personen (76 Bewohner, 53 Mitarbeiter, 6 Reinigungskräfte) untersucht. Bei 48 Personen bestand ein Verdacht auf Skabiesbefall. Bei 119 Untersuchten, die sich für die systemische Therapie entschieden hatten, legten die Hautärzte auf Basis der erfassten Körpergewichte die individuellen Dosierungen für Ivermectin fest; 16 Untersuchte entschieden sich für eine lokale Therapie mit Permethrin. Die Patienten, bei denen zu Beginn Hautveränderungen festgestellt worden waren, wurden nach der Therapie erneut untersucht. Anhaltspunkte für eine fortbestehende Skabies waren nicht vorhanden. Nebenwirkungen unter Ivermectin sind nicht beobachtet worden.


Quelle: Epidemiologisches Bulletin Nr. 46 vom 19. November 2012 des Robert Koch-Instituts, S. 460 bis 461.


Quelle

Pariser DM, et al.: Topical 0.5% ivermectin lotion for treatment of head lice. NEJM (2012), 367(18): 1687 – 1693.

Chosidow O, et al.: Topical ivermectin – a step toward making head lice dead lice? NEJM (2012), 367(18): 1750 – 1752.

www.msd.de


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn



DAZ 2012, Nr. 48, S. 38

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