Infektionskrankheit

Borreliose – Modekrankheit oder ernste Gefahr?

Epidemiologie, Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose

Von Claudia Bruhn

In Europa ist die Lyme-Borreliose die häufigste durch einen Stich der Schildzecke Ixodes ricinus (Gemeiner Holzbock) übertragbare Erkrankung. Infektionsgefahr besteht von März bis Oktober, je nach Witterung auch etwas früher oder später. Die Lyme-Borreliose ist eine Multisystemerkrankung, in deren Verlauf verschiedene Organe betroffen sein können, am häufigsten Haut, Nervensystem und Gelenke. Selbst ohne antibiotische Therapie nimmt die Lyme-Borreliose nicht unbedingt einen chronischen Verlauf, sondern heilt häufig aus. Eine chronische Neuroborreliose gilt als sehr selten. Über den aktuellen Stand der Epidemiologie, Diagnostik und Therapie der Erkrankung informiert der folgende Beitrag.

Nicht alle der bisher beschriebenen 15 verschiedenen Borrelienspezies stellen eine potenzielle Gefahr für den Menschen dar. Bislang wurden nur Borrelia burgdorferi sensu stricto, B. garinii, B. afzelii, B. spielmanii und die erst kürzlich entdeckte B. bavariensis als humanpathogen identifiziert. Die schraubenförmigen, zur Familie der Spirochäten gehörenden Bakterien sind in der gesamten nördlichen Hemisphäre verbreitet; von den humanpathogenen Erregern trifft man in Europa alle fünf genannten Spezies an, in den USA dagegen nur B. burgdorferi sensu stricto. Nur etwa fünf bis 35% der Zecken sind von Borrelien befallen. Aus Studien ist abzuleiten, dass sich bei einem Stich nur etwa 1,5 bis 6% der Betroffenen infizieren und nur 0,3 bis 1,4% an einer Lyme-Borrreliose erkranken.

Langer Saugakt erhöht das Risiko

Borrelien halten sich im Darm der Zecke auf, wo sie sich mithilfe des Oberflächenproteins A (Outer-surface protein A, OspA) an die Darmwand anheften. Sie sind dort inaktiv und geraten erst dann in Bewegung, wenn die Zecke einen Wirt (außer dem Menschen kommen auch Mäuse, Vögel, Reh- und Rotwild, Füchse, Kaninchen und Haustiere wie Rinder, Schafe, Hunde und Katzen dafür infrage) befallen hat und mit der Blutmahlzeit beginnt. In diesem Moment wird die Produktion von OspA verringert und verstärkt das Oberflächenprotein C gebildet. Die Borrelie fällt von der Darmwand ab und wandert in die Speicheldrüse der Zecke. Dieser Prozess kann zwischen 24 und 72 Stunden dauern. Aus diesem Grund besagt eine Theorie, dass ein möglichst frühzeitiges und vorsichtiges Entfernen der Zecke zur Verhinderung einer Borrelien-Infektion beitragen kann.

Zeckenbiss oder Zeckenstich?

Weit verbreitet ist noch immer die Meinung, dass Zecken beißen würden. Die Mundwerkzeuge bestehen jedoch aus einem mit Widerhaken bewehrten Stechrüssel (Hypostom) und paarig angelegten Schneidewerkzeugen (Cheliceren). Mit den Schneidewerkzeugen ritzt die Zecke die Haut auf und schiebt dann das Hypostom mit den schneidenden Cheliceren in die Wunde vor. Die Zecke dringt mit ihren Mundwerkzeugen schneidend-stechend und nicht beißend in ihr Opfer ein.

Inkubationszeit variiert stark

Die Inkubationszeit der Lyme-Borreliose variiert stark in Abhängigkeit vom Stadium – sie reicht von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Auch die klinischen Symptome sind sehr vielfältig; am häufigsten sind davon die Haut, das Nervensystem, die Gelenke und das Herz betroffen. In der Literatur findet man häufig eine Einteilung in drei Krankheitsstadien:

Stadium I ist gekennzeichnet durch das Erythema migrans, eine scharf abgegrenzte Hautrötung, die von der Einstichstelle aus peripher wandert und dabei im Zentrum verblasst. Zusätzlich können unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, leichtes Fieber, Konjunktivitis, Lymphknotenschwellungen sowie Muskel- und Gelenkschmerzen auftreten.

Im Stadium II werden vor allem radikuläre (von den Nervenwurzeln am Rückenmark ausgehende) Schmerzen, asymmetrische und unsystematisch verteilte Lähmungen sowie neurologische Ausfälle beobachtet. Diese äußern sich in den meisten Fällen als ein- oder beidseitige Fazialisparesen (Gesichtslähmungen). Selten kann es auch zu einer Manifestation am Herzen (Myo-, Peri-, Pankarditis) kommen.

Manifestationen des Stadiums III sind die Lyme-Arthritis und die Acrodermatitis chronica atrophicans Herxheimer, eine chronische Hauterkrankung, die Monate bis Jahre nach der Infektion auftreten. Die Lyme-Arthritis beginnt in der Regel als Mono- oder Oligoarthritis, wobei in 85% der Fälle mindestens ein Kniegelenk betroffen ist. Auch die Sprung- und Ellenbogengelenke können involviert sein, während ein Befall der Fingergelenke, zumal in Form einer Polyarthritis, praktisch nicht beobachtet wird. Einzige Ausnahme sind die Arthropathien, die oftmals die Zehen- oder Fingergelenke betreffen. Bei der Acrodermatitis chronica atrophicans Herxheimer kommt es zu Atrophie und Verfärbung der Haut, vor allem an den Enden und Streckseiten der Extremitäten, später können auch Neuropathien entstehen. Die Klinik der sehr seltenen chronischen Neuroborreliose ist äußerst mannigfaltig und umfasst u. a. Sensibilitätsstörungen, spastische Extremitätenparesen, Blasenfehlfunktionen und Hirnnervenausfälle bis hin zu psychischen Störungen und Demenz Neben der Einteilung in die drei Stadien wird auch eine Klassifikation verwendet, die nur zwischen Frühmanifestationen (Erythema migrans bzw. akute Neuroborreliose) und Spätmanifestationen der Erkrankung (in Form von Arthritis, Acrodermitis und chronischer Neuroborreliose) unterscheidet.

Diagnostik ist nicht einfach

Die Diagnostik einer Lyme-Borreliose stützt sich auf die Anamnese und labordiagnostische Verfahren, die spezifische Borreliose-IgM- bzw. IgG-Antikörper im Serum bzw. Liquor nachweisen. Das Robert Koch-Institut empfiehlt ein stufenweises Vorgehen: Zunächst sollte ein ELISA-Test oder ein Immunofluoreszenztest durchgeführt werden. Ist er positiv, folgt zur Bestätigung ein Immunoblot. Besteht Verdacht auf eine Neuroborreliose müssen die Antikörper in Liquor- und Serumproben vom gleichen Tag nachgewiesen werden. Die Diagnostik der Lyme-Borreliose ist aus verschiedenen Gründen schwierig: Im Frühstadium der Erkrankung liegen oft nur sehr niedrige, unter der Nachweisgrenze liegende, Antikörperspiegel vor. Zudem können andere Erreger zu falsch positiven Ergebnissen führen. Verschiedene Hersteller und Laboratorien bieten Zecken-Schnelltests und Lymphozytentransformationstests zur Diagnose einer Borreliose an. Diese Verfahren werden jedoch von Experten wegen unklarer Spezifität und Sensitivität nicht empfohlen (siehe Interview).

Therapiemöglichkeiten

Es wird empfohlen, jede Erkrankungsform antibiotisch zu behandeln. Zur Therapie der Borreliose kommen individuell verschiedene Antibiotika zum Einsatz (siehe Tabelle). Die Therapiedauer beträgt bei Frühmanifestation (Erythema migrans) zwei Wochen, bei Spätmanifestationen zwischen drei und vier Wochen. Nach Diagnosesicherung sollte die Therapie so früh wie möglich beginnen, um Komplikationen und späte Manifestationen zu verhindern. Eine Antibiotikaprophylaxe nach Zeckenstich wird dagegen derzeit nicht empfohlen. Da eine Übertragung der Borrelien von Mensch zu Mensch nicht möglich ist, sind für Kontaktpersonen keine besonderen Schutzmaßnahmen notwendig. Eine Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz besteht für die Lyme-Borreliose zwar nicht, jedoch schreiben länderspezifische Verordnungen in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen eine Meldung der Erkrankung vor.

Antibiotikatherapie der Lyme-Borreliose
Patientengruppe
Wirkstoffe (Auswahl)
Erwachsene mit Erythema migrans
oral: Doxycyclin, Amoxicillin,
Cefuroxim
Erwachsene mit akuter Neuroborreliose
oral: Doxycyclin, Amoxicillin
i.v.: Ceftriaxon, Cefotaxim,
Penicillin G
Patienten mit chronischer Neuroborreliose, Karditis, Arthritis, Akrodermatitis
oral: Doxycyclin, Amoxicillin*
i.v.: Ceftriaxon, Cefotaxim, Penicillin G
Schwangere, Kinder
Amoxicillin, Cefuroxim
Patienten mit Unverträglichkeiten
Azithromycin

* nicht bei chronischer Neuroborreliose

Präventionsmaßnahmen

Aktive oder passive Immunisierungen gegen Borreliose sind derzeit nicht verfügbar. Kurzzeitig war in den USA ein OspA-haltiger Impfstoff auf dem Markt, der die Bildung von Antikörpern gegen das Oberflächenprotein induzierte. Nach einem Zeckenstich konnte durch den Saugakt Antikörper-haltiges Blut in den Darm der Zecke gelangen und dort die Borrelien "vor Ort" vernichten bzw. wenigstens ihren Übergang in den Wirt behindern. Der Hersteller nahm den Impfstoff jedoch 2002 aus kommerziellen Grünen vom Markt. Derzeit müssen sich daher Präventionsmaßnahmen auf die Aufklärung über die Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten und über die Vorgehensweise bei Entfernung einer Zecke nach einem Stich beschränken. Die Gefahr eines Zeckenstichs besteht vor allem in der Nähe von Sträuchern, Farnen oder hohem Gras. Daher kann das Risiko eines Befalls durch das Tragen angepasster Kleidung (lange Hosen, langärmlige Pullis oder Hemden, feste Schuhe) deutlich reduziert werden. Für eine gewisse Zeit (ca. zwei Stunden) bieten auch Repellenzien Schutz. Eine sehr wirksame Präventionsmaßnahme ist das sorgfältige Absuchen des Körpers nach Zecken, besonders im Bereich der Kniekehlen, bei Kindern auch am Haaransatz. Die Vorstellung, dass Zecken "von Bäumen auf ihre Opfer herabfallen" können, ist grundlegend falsch, da sie zum Überleben eine Luftfeuchtigkeit von mindestens 80% benötigen. Wird eine Zecke gefunden, so sollte sie so schnell wie möglich entfernt werden (siehe Abb.). Wichtig ist, den Körper der Zecke nicht zu quetschen, da sonst der Darminhalt, in dem sich die Borrelien überwiegend befinden, in die Bissstelle entleert werden kann.


Quelle

Lyme-Borreliose. RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte, Fassung April 2007, www.rki.de

Website des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, www.lgl.bayern.de

Warzecha, H.: Lyme-Borreliose: Die schwierige Suche nach einer geeigneten Prophylaxe. Dtsch Apoth Ztg (2007) 9

Margos G., et al.: MLSA on housekeeping genes defines a new Borrelia species. Appl. Environ. Microbiol. doi:10.1128/AEM.00116-09


Anschrift der Verfasserin

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn, Dorfstr. 60, 17291 Randowtal/OT Schmölln

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