Arzneimittelabhängigkeit

Missbrauch von Antihistaminika

Statt sanftem Schlaf Rauschzustände mit Halluzinationen

Von Ernst Pallenbach

Alljährlich verlangen Heuschnupfen-Geplagte im Frühjahr vermehrt Tabletten gegen ihre tränenden Augen und laufenden Nasen. Doch nicht nur Pollenallergiker kommen wegen ihrer Beschwerden in die Apotheke. Denn mit manchen der älteren Antihistaminika kann man noch ganz andere Effekte erzielen …

Ernst Pallenbach
Die stille Sucht
Missbrauch und Abhängigkeit von Arzneimitteln

XI, 211 Seiten, Format 15,3 x 23 cm, kartoniert, 29,80 Euro
ISBN 978-3-8047-2506-5
Wissenschaftliche Verlags­gesellschaft, Stuttgart 2009
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Ein Trip mit "rezeptfreien Schlaftabletten"

"Endlich ausschlafen! Nach meinem überraschend erfolgreichen Schulabschluss waren dies meine ersten Worte, die ich freudig gen Himmel sprach. Endlich den Morgen ignorieren und den Mittag zu meiner neuen Aufwachzeit machen. Voraussetzung war natürlich das, zugegebenermaßen späte, Einschlafen während der Nacht. Doch da sollte ich mich zu früh gefreut haben. Schon in den Tagen vor meinem Abschluss hatte ich starke Schlafprobleme. Ich schenkte ihnen keinerlei Beachtung, da ich wegen der bevorstehenden Abschlussfeier sowieso ziemlich aufgeregt war und die Schlafprobleme daher rührten – das redete ich mir zumindest ein. Einen Tag vor der Feier kaufte ich mir rezeptfreie Schlaftabletten in der Apotheke (dort traf ich zufälligerweise meinen Lehrer; gekonnt ignorierten wir uns), zumindest wollte ich einmal im Schuljahr ausgeschlafen sein. Die Tabletten verfehlten ihre Wirkung nicht. Doch in der Zeit nach der Feier merkte ich, wie die Schlafprobleme ein fester Bestandteil meines Lebens wurden. Die Tabletten wirkten auch nicht mehr so super (hatte schon drei verschiedene Marken durch).

Eines Nachts war ich wieder einmal in meinem Bett und versuchte einzuschlafen, ich scheiterte natürlich kläglich. Ich weiß nicht genau, wieso ich es getan habe. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus Verzweiflung, Wut und Neugier, die mich veranlasste, zehn Schlaftabletten auf einmal zu nehmen. Mir war bewusst, dass ich ein (kalkuliertes) Risiko damit eingehe, da ich keinerlei Ahnung hatte, wie mein untergewichtiger Körper darauf reagieren würde, allerdings war mir auch klar, dass diese Dosis für eine Selbsttötung eindeutig zu gering war. Es dauerte rund zehn Minuten, bis die Tabletten ihre erste Wirkung zeigten. Mir wurde schwindelig; ich hatte große Mühe, beim Gehen nicht zu wanken. Ich legte mich vorsichtshalber in mein Bett und machte Musik an. Nach und nach verstärkte sich dieses Schwindelgefühl, was ich dadurch merkte, dass ich alle paar Minuten aufstand, um kurz eine Runde zu gehen, um die Lage zu checken.

Nach und nach hatte ich das Gefühl, dass jemand meine Körperkraft quasi aussaugte. Ich hatte große Schwierigkeiten, meine Arme zu heben, als hätten sie in den wenigen Minuten unverhältnismäßig viel zugenommen. Allerdings überkam mich auch ein schönes Gefühl. Ich war total entspannt, ein so schönes Körpergefühl kannte ich gar nicht mehr. Circa 20 Minuten nach der Einnahme war ich im Himmel angekommen. Ich hätte ewig so liegen können. Ähnlich dem Gefühl, welches man hat, wenn man abends im Bett liegt; eine angenehme Müdigkeit herrscht, man weiß, dass man jeden Moment einschläft, und lässt die Gedanken noch mal kreisen. Es sind nur schöne Gedanken, nur entspannte Gedanken. Eigentlich möchte man gar nicht einschlafen. Man ist umgeben vom Glück.

Leider dauerte diese Atmosphäre nur einige Minuten. Danach stellte ich mir die Fragen, ob ich eventuell doch eine tödliche Überdosis genommen habe und was ich jetzt tun soll. Die Frage wurde zur Gewissheit, und Angst stieg in mir auf. Angst vor dem Tod, der im Schlaf schon auf mich lauerte. Sollte ich so abtreten? Ohne ein Wort? Ohne Erklärung? Ich hatte noch so viel zu sagen, noch so viel zu erledigen, und dies würde meine letzte Nacht auf Erden sein. Ich mobilisierte noch mal meine ganzen Kräfte und schaffte es, mir einen Schreibblock und einen Stift vom Schreibtisch zu holen. Ich musste meine letzten Gedanken zu Papier bringen. Das war ich den Menschen in meiner Umgebung schuldig. Nach der Hälfte des Briefes verließ mich meine Kraft; mein Oberkörper sank zur Matratze und ich schrieb die letzten Zeilen im Liegen weiter. Während ich schrieb, ließen mich meine Augen immer mehr im Stich. Ich konnte nichts mehr erkennen, alles war verschwommen. Mit letzter Kraft griff ich nach meinem Handy und schrieb meiner besten Freundin noch eine SMS. Ich machte das Licht aus, deckte mich zu und wartete auf den Schlaf; auf den Tod. Es war komisch, einerseits hatte ich Angst, andererseits genoss ich noch mal dieses unglaubliche Körpergefühl, welches mich immer noch begleitete.

Ich schlief nicht viel, etwa zwei bis drei Stunden. Ich wachte auf und sah auf einmal eine fette, weiße Maus, die aus meiner Wand zu krabbeln schien. Nach einem Vorfall vor zwei Jahren hatte ich so etwas wie eine kleine Phobie vor Mäusen entwickelt, zumindest vor Mäusen, die sich in meinem Zimmer befanden. Ich konnte meinen Augen kaum glauben, doch genauso schnell, wie die fette, weiße Maus erschien, verschwand sie auch schon wieder. Leider befanden sich weitere Mäuse im Zimmer, graue, kleine Mistviecher, die auf mich zu kamen. Ich erschrak regelrecht und warf ein kleines Entenkuscheltier nach ihnen. Doch das half nicht. Da ich lediglich auf einer Matratze, die auf dem Boden meines Zimmers liegt, schlafe, hätten die Mäuse keinerlei Probleme beim Erklimmen meines Kissenparadieses. Ich stand, wie von der Tarantel gestochen, auf und ging auf Mäusejagd. Ich schaute unter dem Fernsehtisch, unter meinem Schrank – keine Mäuse. Kaum lag ich wieder im Bett, waren sie wieder da. Mein Herz pochte wie das einer Beutelratte; kam der Tod in Gestalt von Mäusen?

Schlafen war bei dieser Mäuseepidemie natürlich ausgeschlossen. So verbrachte ich schlussendlich auch die Nacht. Ironie des Schicksals: Ich wurde durch das wachgehalten, was mich eigentlich zum Schlafen bringen sollte. Morgens um sieben Uhr entschloss ich mich dann im verwirrten Zustand, in die Küche zu gehen. Ich weiß den Grund nicht mal mehr. Ich begegnete meiner Mutter und hatte Mühe, vernünftig zu reden. Mein Mund war wie betäubt und staubtrocken. Deswegen entschloss ich mich, sinnlos durchs Haus zu laufen, mir den Arsch abzufrieren und wieder in mein Zimmer zu gehen. Ich ging in mein Wohnzimmer, legte mich auf die Schlafcouch und holte dort, hinter verschlossener Tür, meinen Schlaf nach.

Seit dieser Nacht steht eine Mausefalle in meinem Zimmer. Mir wurde erst Tage später bewusst, dass die Mäuse wohl Halluzinationen waren. Denn komischerweise tauchten nach dieser Nacht keine ähnlichen Getiere mehr auf. Natürlich war dieses Erlebnis auf der einen Seite schon sehr grausam und schockierend, zeigte mir auf der anderen Seite jedoch, wie kostbar das Leben ist und dass ich, entgegen meiner vorherigen Einstellung, sehr daran hänge. Empfehlen kann ich solch einen Trip allerdings absolut nicht."

Antihistaminika in der "Szene"

Dieser Internetbericht über einen Trip mit "rezeptfreien Schlaftabletten" bezieht sich auf die Wirkstoffe Diphenhydramin und Doxylamin, die sich in der Drogenszene einer steten Beliebtheit erfreuen. Es handelt sich um folgende Präparate (teils in Kombination mit anderen Wirkstoffen):

  • Diphenhydramin: Dolestan® , Halbmond-Tabletten® , Sedovegan® Novo, Vivinox® Sleep, Emesan® , Hevert-Dorm, Betadorm® D u. a.;
  • Doxylamin: Hoggar® N, Sedaplus® , SchlafTabs-ratiopharm® , Gittalun® , Wick medinait® , Schlafsterne® u. a.

Sie sind rezeptfrei erhältlich und haben daher einen hohen Stellenwert in der Selbstmedikation. Auch in zahlreichen Grippemitteln sind die Substanzen "versteckt".

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte berichtete im Sommer 2007, dass Hinweise auf die missbräuchliche Einnahme von Diphenhydramin-haltigen Fertigarzneimitteln durch Jugendliche zur Erzeugung von Rauschzuständen vorliegen. In Internetforen wird für die Erzielung eines Diphenhydramin-Trips eine Anfangsdosis von ungefähr 300 mg (entspricht sechs handelsüblichen Tabletten) empfohlen, aber auch die fünffache Dosis (1,5 g) wird geschluckt. Monovergiftungen durch Diphenhydramin in mehreren hundert Fällen zeigten eine geringgradige Symptomatik bei Dosierungen ab 300 mg. Mittelgradige Symptome wurden oberhalb von 500 mg gesehen, und schwerwiegende Symptome traten oberhalb von 1 g Diphenhydramin ein. Neben den beschriebenen zentraldämpfenden Effekten kann es zu einer zentralen Stimulation mit Halluzinationen, Schlafstörungen, zerebralen Anfällen oder psychotischen Reaktionen wie Wahnvorstellungen kommen.

Intoxikationen mit Diphenhydramin

Diphenhydramin besitzt, besonders bei Überdosierung, ausgeprägte anticholinerge Eigenschaften. Es kann sich ein anticholinerges Syndrom ausbilden. Dieses Krankheitsbild ist ein schwerer, lebensbedrohlicher Notfall. Symptome sind starke Sedierung und Blutdruckabfall bis zur Bewusstlosigkeit und Atemdepression, aber auch Angst, Unruhe, Erregungszustände, Halluzinationen, Desorientierung, Zittern (Tremor), Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und Fieber. Bei bedrohlichen Komplikationen sollten kreislaufstabilisierende Maßnahmen und eine spezifische Antidotbehandlung mit Cholinergika wie Physostigmin durchgeführt werden; eine künstliche Beatmung kann erforderlich sein.

Bei Dauergebrauch kann es zu Nierenschäden kommen. Häufig werden Antihistaminika auch mit Dextromethorphan kombiniert.

Wirkspektrum und Toleranzentwicklung

Die H1 -Antihistaminika verdrängen den Botenstoff Histamin von dessen Rezeptoren und wurden zur Therapie von Heuschnupfen, Allergien und Übelkeit entwickelt. Doch besitzen sie eine nahezu chamäleonartige Wirk- und Indikationsbreite und werden außerdem als Beruhigungsmittel (Sedativa), Mittel gegen Schwindel (Antivertiginosa) und Grippemittel eingesetzt. Vor allem die älteren Stoffe dieser Gruppe besitzen durch Blockade zentraler H1 -Rezeptoren eine stark sedierende und schlaffördernde Nebenwirkung. Aus diesem Grunde werden sie zur Therapie von allergischen Reaktionen heute kaum noch verwendet. Heuschnupfen-geplagte Patienten nehmen längst weniger sedierende Mittel gegen die laufende Nase. Wie bringt man diese alten Mittel dann aber trotzdem weiter an den Mann oder die Frau? Ganz einfach: Man erklärt die müdemachende Nebenwirkung zur Hauptwirkung und vermarktet fortan diese Substanzen als Schlafmittel.

Doch nicht nur szenenahe Personen sind durch Diphenhydramin oder Doxylamin gefährdet. Auch "Otto Normalverbraucher" kann betroffen sein: Nach wiederholter Anwendung kann es zu einem Wirksamkeitsverlust (Toleranz) kommen; die Einnahme kann zur Entwicklung von physischer und psychischer Abhängigkeit führen, wenngleich geringer als bei Benzodiazepinen. Das Risiko einer Abhängigkeit steigt mit der Dosis und der Dauer der Einnahme und ist bei Patienten mit (früherer) Alkohol-, Arzneimittel- oder Drogenabhängigkeit zusätzlich erhöht. Spätestens nach zweiwöchiger Einnahme sollte deshalb die Notwendigkeit einer Weiterbehandlung kritisch geprüft werden.

Auch rezeptfreie Medikamente nicht kritiklos abgeben

Obwohl ihr Abhängigkeitspotenzial relativ gering ist, dürfen Antihistaminika nicht kritiklos eingesetzt werden, da sie zu zahlreichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und Genussstoffen führen können. Mit Alkohol kommt es zu einer drastischen Wirkungssteigerung, was sich in Szenekreisen längst herumgesprochen hat. Apotheker müssen daher wachsam sein, wenn ein Kunde nach diesen Präparaten fragt, und gegebenenfalls die Abgabe verweigern. Die Gefährdung durch Diphenhydramin oder Doxylamin ist nicht gleichzusetzen mit dem Risiko der Langzeiteinnahme von Benzodiazepinen. Jedoch darf keinesfalls eine kritiklose Abgabe bzw. Einnahme erfolgen. Die Therapie erfordert einen speziellen Beratungsbedarf. Eine bedenkenlose Empfehlung als rezeptfreies (und daher ungefährliches?) Medikament ist abzulehnen.

Ausschleichend absetzen

Beim plötzlichen Absetzen von Diphenhydramin können – wie bei den Benzodiazepinen – Schlafstörungen vorübergehend wieder auftreten. Deshalb wird empfohlen, die Anwendung durch wöchentliche Halbierung der Dosis ausschleichend zu beenden. Je nach Dosis und Dauer des Miss- oder Fehlgebrauchs dauert es einige Wochen bis zum vollständigen Absetzen. Hilfreich kann die parallele Gabe eines pflanzlichen Beruhigungsmittels sein. Nach dem Absetzen hoher Dosen Diphenhydramin zu Rauschzwecken tritt in der Regel ein Entzugssyndrom mit Erbrechen, Bauchschmerzen, Diarrhö und Schwäche auf, das eine Entwöhnung unter ärztlicher Aufsicht ratsam machen kann.

Hinweise zur Beratung

Grundsätzlich müssen Patienten, die zentraldämpfende Pharmaka erhalten, darauf aufmerksam gemacht werden, dass schon geringe Alkoholmengen die Wirkungen der Arzneistoffe in nicht voraussehbarer Weise verstärken oder verändern können. Bei Einnahme von Alkohol während einer Behandlung muss mit verstärkten Wirkungen wie Sedierung, Benommenheit und verminderter Aufmerksamkeit gerechnet werden. Die Konzentrationsfähigkeit (z. B. im Straßenverkehr) kann massiv beeinträchtigt sein. In Einzelfällen können lebensbedrohliche Zustände durch Herz-Kreislauf-Störungen und Atemdepression auftreten.

Und auf noch etwas sollten jüngere Apothekenkundinnen bei der Abgabe hingewiesen werden: Diphenhydramin ist während der Schwangerschaft kontraindiziert. Wenn Frauen während der ersten vier Monate einer Schwangerschaft Diphenhydramin einnehmen, besteht die Gefahr, dass sie Kinder mit Missbildungen zur Welt bringen. Zudem kann die gleichzeitige Einnahme von Diphenhydramin und Benzodiazepinen fetoletal sein. Auch während der Stillzeit darf Diphenhydramin nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übergeht und die Laktation hemmt. Genügend Beratungspotenzial für uns Apotheker …

Quelle

Pallenbach E. Die stille Sucht – Missbrauch und Abhängigkeit von Arzneimitteln. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2009.

Autor

Dr. Ernst Pallenbach, Klinikum der Stadt-Apotheke , Vöhrenbacher Str. 23, 78050 Villingen-Schwenningen

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