Rezeptfreie Schlafmittel

Auch nicht besser als Schäfchenzählen?

Stuttgart - 25.08.2016, 17:30 Uhr

Ökotest hat rezeptfreie Schlafmittel getestet. Das Ergebnis ist alles andere als erbaulich. (Foto: sfriessner / fotolia)

Ökotest hat rezeptfreie Schlafmittel getestet. Das Ergebnis ist alles andere als erbaulich. (Foto: sfriessner / fotolia)


In einer Umfrage des Robert Koch-Instituts von 2013 gaben fast vier Prozent der befragten Männer und doppelt so viele Frauen an, mindestens einmal im Monat zu Schlafmitteln zu greifen – Rx aber auch rezeptfreie aus der Apotheke oder dem Drogeriemarkt. Grund genug für Ökotest, ein paar davon unter die Lupe zu nehmen. 

Wirksamkeit „wenig überzeugend“ belegt – diese Bewertung zieht sich quer durch den ganzen Schlafmitteltest von Ökotest. Das Verbraucherschutzmagazin hat für seine Septemberausgabe 25 rezeptfreie Schlafmittel genauer betrachtet, darunter chemisch-synthetische sowie Baldrian-Mono- und Kombipräparate. Das Ergebnis kann einem schlaflose Nächte bereiten. Keines der Mittel konnte überzeugen. Keines wurde besser als „ausreichend“ bewertet. 

Einmal sogar Note 6 für Baldrian

Von den 18 Baldrian-Präparaten erhielten zehn diese Note. Sieben schnitten „mangelhaft“ ab, eins sogar mit „ungenügend“. Ihre Wirksamkeit beruhe lediglich auf einem ausgeprägten Plazeboeffekt, heißt es. Eine objektivierbare Wirkung sei nicht zu erwarten. Das hätten drei aktuelle Analysen ergeben, erklärt Ökotest-Experte und Pharmazeut Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe-Universität Frankfurt. Auch für die kombinierten Extrakte mit Melisse, Hopfen oder Passionsblume gebe es nach heutigem Standard keinen Wirksamkeitsbeleg.

Nach Auffassung von Ökotest sollten die Präparate, trotz des fehlenden Wirksamkeitsnachweises, dem gängigen Qualitätsstandard entsprechen. Dem ist aber offensichtlich nicht so. Es gab weitere Abzüge für einen zu niedrigen Wirkstoffgehalt. Der hat nach den „Transparenzkriterien für pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Arzneimittel“ für Monopräparate bei umgerechnet vier bis sechs Gramm Droge pro Tag zu liegen. Kombipräparate sollten mindestens einen Wirkstoffgehalt von zwei Gramm Droge pro Tag aufweisen. Bei Sedacur® Forte Beruhigungsdragees war dies nicht gewährleistet, ebenso wenig bei Kytta® Sedativum Dragees. Letztere bekamen zudem Abzüge, weil sie eine Dosierungsempfehlung für Kinder unter zwölf enthalten. Diese brauchten kein Schlafmittel, kritisiert Ökotest. Das Präparat belegte mit „ungenügend“ den letzten Platz. 

Alkohol gibt Abzüge

Bei dem Hexal-Präparat und Zirkulin® gab es Minuspunkte für das Extraktionsmittel – Wasser. Nach den Transparenzkriterien ist allein Alkohol das Mittel der Wahl. Kneipp spezifiziert auf seinem Präparat das Droge-Extraktverhältnis nicht. Dafür gibt es Abzüge. Alkohol als Hilfsstoff sahen die Tester ebenfalls nicht gern. Baldrian-Tinktur® von Hetterich und Sedariston- Tropfen® für die Nacht wurden aus diesem Grund herabgestuft. Sie enthalten jeweils 66 Volumenprozent Alkohol.

Die „Testsieger“ bei den Phytos, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von „Siegern“ sprechen kann, waren mit der Note „ausreichend“ Abtei Nachtruhe® Baldrian + Hopfen Beruhigungsdragees, Baldrian-Dispert® Nacht zum Einschlafen, Baldrian-Ratiopharm®, Baldriparan® Stark für die Nacht, Baldrivit® 600 mg und Vivinox® Day. Bis auf das Abtei-Präparat sind sie alle aus der Apotheke. 

Doxylamin und Co. schneiden nicht besser ab

Bei chemisch-synthetischen Arzneimitteln standen sieben Schlafmittel mit den H1-Antihistaminika Diphenhydramin oder Doxylamin auf dem Prüfstand. Alle wurden mit „ausreichend“ bewertet. Ebenso wie bei den pflanzlichen Mitteln ist der Grund für die Abwertung die schlechte Datenlage. Weitere Mängel gab es bei diesen apothekenpflichtigen Präparaten nicht. Es wird jedoch explizit vor der Gefahr einer Toleranzentwicklung gewarnt.

Es gebe keine Studie die nachweist, dass die Mittel länger als eine Woche wirken, erklärt Professor Dieter Riemann, der die schlafmedizinische Station des Universitätsklinikums Freiburg leitet und Mitautor der DGSM-Behandlungsleitlinie für Insomnie ist. DGSM steht für „Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin“. Diese empfiehlt übrigens den Einsatz der „alten“ Antihistaminika seit 2009 nicht mehr. Zu der zweifelhaften Wirksamkeit kommen bei diesen Substanzen dann noch erhebliche Nebenwirkungen, warnt der Experte. Die Präparate im Test waren Betadorm®-D , Hevert-Dorm®, Hoggar® Night, Schlafsterne®, Schlaftabs-Ratiopharm®, Vivinox® Sleep und Vivinox® Sleep Stark.

Länger dauernde Probleme ärztlich abklären

Laut Ökotest sind Baldrian sowie Doxylamin und Diphenhydramin nicht einmal bei leichten Schlafstörungen zu empfehlen – ein überzeugender Wirksamkeitsnachweis fehle, lautet die Begründung. Zu Rezeptpflichtigem raten die Experten wegen der Nebenwirkungen nur kurzfristig bei ernsthaften Schlafstörungen.

Was also tun, wenn Morpheus auf sich warten lässt? Fürs Schäfchenzählen ist die Datenlage vermutlich noch bescheidener, immerhin wäre es ohne Nebenwirkungen. Die Ökotestexperten raten, wenn die Schlafprobleme länger als einen Monat anhalten, einen Arzt aufzusuchen. Als effektives Mittel gilt die sogenannte fokussierte Verhaltenstherapie. Zudem gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die jeder umsetzen kann. Sie finden sich auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ
jborsch@daz.online


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3 Kommentare

Alle Jahre wieder/ Nachtrag

von norbert brand am 26.08.2016 um 8:21 Uhr

... was also tun: vier Wochen warten, dann zum Arzt, der verschreibt einen Benzo und gut isses. Ein echter Beitrag zur Volksgesundheit.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Re: Alle Jahre wieder/ Nachtrag

von DAZ.online Redaktion am 26.08.2016 um 15:27 Uhr

Passiert leider viel zu oft, wissen wir auch. Fraglich allerdings, ob das immer allein die Schuld der Ärzte ist. Klar gibt es die, die das unreflektiert tun. Vielleicht gibt es davon auch zu viele. Möglicherweise aber sind auch die Patienten Teil des Problems, die solange von Arzt zu Arzt zu Arzt rennen, bis sie einen finden der es verordnet oder den Arzt so lange nerven, bis er einknickt. Weil bei der Therapie von Schlafstörungen, wenn es keine Grunderkrankung als Ursache gibt, muss der Patient halt leider aktiv mitarbeiten und da bevorzugen viele den vermeintlichen einfachen Weg – die Benzos.

Alle Jahre wieder

von norbert brand am 26.08.2016 um 8:12 Uhr

es ist bekannt, daß es sehr aufwendig ist, bei mild wirksamen Phytos "weiche" klinische Endpunkte mittels einer Studie zu untersuchen. Ich verstehe daher, daß solche Studien, die im positiven Fall die dünne Datenlage aufbessern könnten, unterlassen werden. Daher werden Schubert-Zsilavecz et al auch im nächsten, übernächsten, usw. Jahr nur den spärlich vorhandenen Kaffeesatz, pardon Evidenz, lustlos hin+herwenden können. Mein Vorschlag: laßt es einfach bleiben, es interessiert ohnehin niemanden. Daß jetzt sogar noch die in der Baldriantinktur enthaltenen 65% (V/V) Alkohol "bewertet" werden, spiegelt den Grad der naturheilkundlichen Kompetenz des Bewerter-Teams.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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