Arzneimittel und Therapie

Öko-Test: 20 Schlafmittel im Vergleich

Öko-Test hat 20 frei verkäufliche Antihistaminika-haltige Schlafmittel in Bezug auf eine Inhalts- und Hilfsstoffe, Umweltfreundlichkeit sowie das Preis-Leistungsverhältnis untersucht. 12 der Präparate, die Diphenhydramin oder Doxylamin als alleinigen Wirkstoff enthalten, bekamen die Note "sehr gut", fünf die Note "befriedigend". Zwei Präparate enthielten eine Wirkstoffkombination, die nicht sinnvoll erscheint, sie bekamen die Note "mangelhaft". Valeriana comp. Hevert SL Dragees enthielt neben einer Mischung aus chemischen und pflanzlichen Extrakten zusätzlich noch einen Kava-Kava-Extrakt und erhielt daher die Note "ungenügend".

Ohne Rezept gibt es entweder pflanzliche Beruhigungsmittel, die mit Extrakten aus Baldrian, Hopfen und Melisse durch ihre beruhigende Wirkung den Schlaf indirekt fördern, oder leichte Schlafmittel, die als Wirkstoff Antihistaminika enthalten. Diphenhydramin und Doxylamin sind die einzigen rezeptfreien Schlafmittel in Deutschland – obwohl sie für diesen Zweck ursprünglich gar nicht entwickelt wurden. Die Antihistaminika besitzen durch die Blockade zentraler H1-Rezeptoren einen sedierenden Effekt. Zur kurzzeitigen Behandlung von leichten Schlafstörungen sind Monopräparate mit diesen Antihistaminika geeignet, sollten aber auch nicht unkritisch empfohlen werden. Zum einen greifen sie in den Schlafrhythmus ein. Insbesondere die Traumphasen werden durch die Antihistaminika gestört, das macht den Schlaf weniger erholsam. Zudem kann man sich durch Antihistaminika schlechter konzentrieren, reagiert langsamer und bekommt einen trockenen Mund.

Testkriterien

Abzüge bei der Bewertung der Präparate gab es vor allem bei Kombinationen von Inhaltsstoffen, die nicht sinnvoll erscheinen, wie eine Mischung aus pflanzlichen Extrakten und chemischen Wirkstoffen. Es werden damit zwei unterschiedliche Therapierichtungen zusammengebracht, deren Wirkungsweisen nicht zusammen passen: die erst nach längerer Einnahme wirkenden, beruhigenden Pflanzenextrakte und die ermüdenden chemisch-synthetischen Mittel, die den Schlaf erzwingen. Es sollten nach Möglichkeiten nur Monopräparate verwendet werden.

Testurteil "sehr gut" für Monopräparate

Neun Tabletten mit dem Wirkstoff Diphenylhydraminhydrochlorid erhielten das Testurteil "sehr gut" (Boxocalm S, Dolestan, Dormutil, Halbmond, Hevert-Dorm, Nervo OPT N, S.8, Sediart, Sedopretten), ebenso drei Präparate mit Doxylaminsuccinat als alleinigen Inhaltsstoff (Hewedormin doxyl intens, Hoggar N, SchlafTabs ratiopharm).

Nicht empfehlenswert: Wirkstoffkombinationen

Nicht empfehlenswert ist die Kombination aus Diphenhydramin und Chlortheophyllin in Betadorm-A. Chlortheophyllin soll die müde machende Wirkung des Diphenhydramins abschwächen – in einem Antiallergikum durchaus sinnvoll. Bei einem Schlafmittel ist es aber nicht angebracht, die ermüdende Wirkung durch einen zweiten Stoff wieder zu verringern. In Dolestan forte comp. soll Guaifenesin die sedierende Wirkung des Diphenhydramin unterstützen. Guaifenesin wird als Expektoranz in Antitussiva eingesetzt und soll dort das Abhusten erleichtern. Es wirkt beruhigend, ob es bei Schlafstörungen hilft, ist nicht ausreichend belegt. Da es Unverträglichkeitsreaktionen und gastrointestinale Nebenwirkungen auslösen soll, erhielt das Präparat Dolestan forte comp. nur das Urteil "befriedigend".

Abzug für Kava-Kava-Extrakt

Auch in Vivinox-Schlafdragees und den Valeriana comp. Hevert SL Dragees sind chemische Wirkstoffe mit pflanzlichen Extrakten kombiniert. Zusätzlich enthalten die Valeriana Dragees einen Extrakt aus dem Wurzelstock der Kava-Kava-Pflanze. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat kürzlich vor Kava-Kava-Produkten gewarnt, weil Extrakte aus dieser Pflanze offenbar schwere Leberschäden auslösen können. Mehrere Kava-Kava-Produkte wurden bereits vom Markt genommen. Valeriana comp. Hevert SL erhielt daher die Note "ungenügend".

Hilfsstoffe und Verpackung

Sechs Tabletten enthalten Emulgatoren auf der Basis von Polyethylenglykolen oder deren Abkömmlinge. Diese Substanzen werden als Hilfsstoffe verwendet, stehen aber im Verdacht, Schleimhäute auch für Schadstoffe durchlässiger zu machen. Die Verpackung, die Umweltfreundlichkeit und das Preis-Leistungs-Verhältnis wurden ebenfalls mit in die Bewertung einbezogen. Die meisten Präparate enthielten in ihrer Verpackung PVC, PVCD oder chlorierte Kunststoffe, die die Umwelt bei Herstellung und Entsorgung belasten.

Stress als Ursache einer Schlafstörung

Nicht einschlafen zu können ist nur eines von vielen Problemen mit dem Schlaf. Viele Menschen haben Durchschlafstörungen und wachen mehrmals in der Nacht auf, andere sind im Morgengrauen schon wieder hellwach. Schlafmittel versprechen schnelle Hilfe, sind jedoch keine wirkliche Lösung. Denn hinter Schlafstörungen verbergen sich eine Vielzahl von Ursachen. Kummer und Stress, Prüfungen oder Sorgen behindern den Schlaf ebenso wie Straßenlärm, durchgelegene Matratzen, aufwühlende Thriller oder einfach ein opulentes Abendessen. Daneben können schmerzhafte Erkrankungen oder auch Krankheiten wie Asthma, Diabetes oder Bluthochdruck die Nachtruhe stören.

Eine weitere Ursache können Medikamente sein – Appetitzügler und manche Mittel gegen Depressionen oder Grippe zum Beispiel. Hilfreich für eine ruhige Nacht sind einfache Verhaltenstipps und Einschlafrituale: Ein kühler, dunkler Raum ist zum Schlafen am besten geeignet. Spannende Filme und starke körperliche Belastungen am Abend erschweren das Einschlafen. Feste Rituale können das Einschlafen erleichtern: der Organismus gewöhnt sich an regelmäßige Zubettgeh- und Aufstehzeiten, jeden Abend ein ruhiger Spaziergang oder entspannende Musik bereiten den Körper auf die Nachtruhe vor. ck

Kastentext: Schlafmittelabhängigkeit

Wie viele Menschen in der Bundesrepublik wie oft schlecht schlafen, kann nur geschätzt werden. Die Angaben schwanken zwischen jedem zehnten und jedem zweiten. Sicher ist nur: es sind viele Millionen. Gerade ältere Patienten nehmen oft schon aus reiner Gewohnheit Schlafmittel, auch verschreibungspflichtige, für die nur allzu leicht von Ärzten Rezepte ausgestellt werden. Erschreckend hoch ist daher auch die Zahl von Schlafmittelabhängigen: Nach jüngsten Berechnungen sind wahrscheinlich rund 1,2 Millionen Deutsche abhängig von verschreibungspflichtigen Schlaf- und Beruhigungsmitteln.