Aus Kammern und Verbänden

Geschichte von Woelm Pharma in Eschwege

Die Landesgruppe Hessen der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie traf sich am 7. September in Eschwege, wo Stadtarchivar Dr. Karl Kollmann über die Geschichte der chemisch-pharmazeutischen Fabrik Woelm referierte.
Befüllung von Duplophiolen in der Firma Woelm, Spangenberg, um 1930.Aus: Geschichte der Pharmazie Nr. 2/3, 2007
Foto: Privatbesitz

Die Firma wurde 1907 von dem zuerst in der Zuckerindustrie tätigen Apotheker Dr. phil. h. c. Max Woelm (1875–1964) im 35 km entfernten Spangenberg gegründet und 1935 nach Eschwege verlegt. Die herausragende Erfindung während der Spangenberger Jahre war die Doppelampulle ("Duplophiole"), für die Woelm 1922 und 1928 je ein Patent erhielt. Der Firma war ein Großhandel angeschlossen, der regelmäßig Preislisten herausgab; das Arzneibüro der ABDA veröffentlichte sie später bis 1994 als "Kleine Spezialitätenliste (früher Woelm-Liste)". Neben den vielen eigenen Präparaten, von denen hier die Ilja Rogoff Knoblauchpillen, der Appetitzügler Recatol, das Schlafmittel Betadorm und das Zahnschmerzmittel Tispol genannt seien, produzierte Woelm auch die "Hausspezialitäten" für bis zu 4000 Apotheken in Lohnherstellung.

1971 verkauften die Söhne Max Woelms die Firma an den amerikanischen Konzern ICN, 1976 übernahm sie der Kosmetikkonzern Revlon, der durch größere Investitionen alle Bereiche GMP-konform umbaute. Beim 75-jährigen Jubiläum (1982) hatte die Firma noch 600 Mitarbeiter, war inzwischen GMP-zertifiziert und mit einer EDV-gesteuerten Materialwirtschaft und Produktionsplanung versehen, doch nach erneuten Verkäufen (1986 an Rhône Poulenc Rorer, 1992 an Johnson & Johnson) folgte 1996 die Einstellung der Produktion in Eschwege. Woelm Pharma war danach ein reines Pharma-OTC-Unternehmen in Bad Honnef am Rhein, das 2004 schließlich durch die Umbenennung in "McNeil" auch noch seinen Namen endgültig verlor.

In der Diskussion nach dem Vortrag, an der sich auch zahlreiche ehemalige Woelm-Mitarbeiter beteiligten, wurde die Firma Woelm als wichtiger Arbeitgeber im einstigen strukturarmen Zonenrandgebiet herausgestellt und Max Woelm als bedeutender Mäzen gewürdigt. Auch das Thema Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg kam zur Sprache. Apotheker von Eschwege hatten in zwei Vitrinen zahlreiche historische Woelm-Präparate und -Listen ausgestellt.

Die Pharmaziehistoriker besichtigten in Eschwege auch die historische Altstadt: den Marktplatz mit dem "schönsten geschlossenen Fachwerkensemble in Hessen" und der spätgotischen Marktkirche, den wie ein Klostergarten angelegten Sophiengarten, die Adler-Apotheke (gegründet 1773) und die Löwen-Apotheke (gegründet 1598).


Dr. Peter Hartwig Graepel, Gladenbach

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