Praxis

"Guter Sonnenschutz ruht auf mehreren Säulen!"

Die Deklaration von Sonnenpflegeprodukten sollte zwar nicht irreführend sein. Doch Angaben wie Lichtschutzfaktor 50plus, hoher UVA-Schutz und Verweise auf Reparaturenzyme lassen ein Gefühl der Sicherheit aufkommen, das trügerisch sein kann. Warum das so ist und wie man sich aus Sicht eines Dermatologen am besten vor schädlichen UV-Strahlen schützt, darüber haben wir mit Prof. Dr. Thomas Schwarz, dem Direktor der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie des Universitäts-Klinikums Schleswig-Holstein, Kiel, gesprochen.
Prof. Dr. Thomas Schwarz

DAZ:

Herr Professor Schwarz, wie sieht Ihrer Meinung nach ein sinnvoller Sonnenschutz aus?

 

Schwarz: Guter Sonnenschutz ruht auf mehreren Säulen. Da ist zum einen ein vernünftiges Verhalten zu nennen. Wer ein Sonnenbad in der Mittagszeit vermeidet, hat schon einen wesentlichen Beitrag zu einem effektiven Sonnenschutz geleistet. Eine weitere Säule ist die Kleidung. Eine Kopfbedeckung sollte ebenso selbstverständlich sein wie das T-Shirt für das am Meer spielende Kind. Eine dritte Säule sind Sonnenschutzpräparate, die allerdings nur im Zusammenspiel mit einem vernünftigen Verhalten und geeigneter Kleidung einen optimalen Schutz bieten.

DAZ:

Nach den neuen EU-Empfehlungen werden Sonnenschutzmittel vier Kategorien zugeordnet. Sie reichen von einem niedrigen (LSF 6 bis 15) bis zu einem sehr hohen Schutzniveau (LSF 50+). Welchen Schutz empfehlen Sie?

 

Schwarz: Lichtschutzfaktor hin oder her, entscheidend ist zunächst einmal, dass das Sonnenschutzmittel richtig angewendet wird. Es ist ja allgemein bekannt, dass Lichtschutzfaktoren in Tests ermittelt werden, in denen das Sonnenschutzmittel in Konzentrationen von 2 mg/m2 aufgetragen wird. Doch nicht jedes Sonnenschutzmittel ist so beschaffen, dass es sich in dieser Schichtdicke kosmetisch zufriedenstellend auftragen lässt.

Man muss davon ausgehen, dass in der Regel zu wenig aufgetragen wird. Vor diesem Hintergrund ist ein möglichst hoher Lichtschutzfaktor dann durchaus sinnvoll. Auch wenn von der Theorie her ein Lichtschutzfaktor 50+ im Prinzip nicht notwendig ist.

DAZ:

Können Sie kurz erklären, warum ein LSF 50+ theoretisch nicht sinnvoll ist?

 


 

Schwarz: Ein LSF von 50 bedeutet, dass man 50 mal länger in der Sonne bleiben kann, um eine minimale Erythemdosis zu erreichen. Eine minimale Erythemdosis kann der eine oder andere, das hängt natürlich vom Hauttyp ab, schon erreichen, wenn er sich ungeschützt zehn Minuten in der Mittagssonne aufhält. Mit einem Lichtschutzfaktor von 50 könnte man dann 500 Minuten bei höchster Sonnenintensität verbringen, also mehr als acht Stunden. Soviel intensive Sonneneinstrahlung ist an einem Tag nicht zu erreichen.


 

DAZ:

Stichwort richtige Anwendung: Sicher werden Sonnenschutzmittel meist zu dünn aufgetragen, welche weiteren Fehler werden gemacht?

 


 

Schwarz: Zu dünnes Auftragen ist das eine, aber oft werden die Präparate sehr ungleichmäßig angewendet. Wichtige Stellen werden schlichtweg vergessen oder gemieden und sind damit prädestiniert für die Entstehung von Hautkrebs. Solche Stellen sind Ohrenpartien und die Geheimratsecken bei Männern. Denn wer schmiert sich schon gerne eine fettige Creme oder eine weiße Paste in die Haare. Das muss auch nicht sein. Mit einer Kopfbedeckung wäre schon viel gewonnen.


 

DAZ:

Sie haben die Anwenderfreundlichkeit und die kosmetische Akzeptanz von Sonnenschutzmitteln angesprochen. Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger, ein hoher Lichtschutzfaktor oder ein Produkt, das gerne angewendet wird?

 


 

Schwarz: Der beste UV-Filter nützt nichts, wenn er beispielsweise in einer Zubereitung angeboten wird, die einen aussehen lässt wie einen Punker oder die eine Konsistenz hat, die sich nur schlecht verteilen lässt. Entscheidend ist die Anwenderfreundlichkeit. Wird ein Produkt mit einem niedrigeren Lichtschutzfaktor gerne verwendet, weil es sich gut verteilen lässt und schnell in die Haut einzieht, ist dem Sonnenschutz damit sicher mehr gedient. Vor diesem Hintergrund ist es sehr begrüßenswert, dass es gute Sonnenschutzmittel in unterschiedlichsten Zubereitungen gibt. So sollte jeder ein für sich passendes Präparat finden.


 

DAZ:

UV-Filter stehen immer wieder in der Kritik. Insbesondere einigen chemisch-synthetischen Filtern werden hormon-ähnliche Eigenschaften nachgesagt. Geht von Ihnen eine besondere Gefahr aus?

 


 

Schwarz: Diese Gefahr sehe ich nicht. Selbst wenn der eine oder andere UV-Filter im Tierversuch entsprechende Eigenschaften zeigt, halte ich die systemischen Konzentrationen, die beim Auftragen auf die Haut zu erzielen sind, für so niedrig, dass mit keiner Wirkung zu rechnen ist.


 

DAZ:

Eine Alternative zu chemisch-synthetischen Filtern sind mineralische Filter. Sie sind zunehmend in Form von Nanopartikeln in Sonnenschutzcremes zu finden. Befürchtet wird allerdings, dass diese kleinen Partikel die Haut durchdringen und sich im Körper anreichern.

 


 

Schwarz: Wie sich die Nanopartikel im Körper verhalten, darüber ist mir nichts bekannt. Generell wird diese Technik eingesetzt, um Produkte zu erhalten, die eine angenehmere Konsistenz haben und besser zu verteilen sind. Das ist zumindest im Hinblick auf die Anwenderfreundlichkeit zu begrüßen.


 

DAZ:

Kein Sonnenschutz ist 100%ig. Es muss immer wieder mit Schäden auf zellulärer Ebene gerechnet werden. Reparaturenzyme sollen diese Schäden beheben.

 


 

Schwarz: Das ist ein spannendes Thema. Bakterien haben uns gezeigt, dass sie mit nur einem Enzym, der T4N5-Endonuklease UV-induzierte Pyrimidindimere reparieren können. Die Frage war nur, wie kommt ein solches Enzym durch alleiniges Auftragen auf die Haut in die Zelle. Gelöst wurde das Problem mit der Liposomentechnologie.

Wie gut das funktioniert, hat eine im Lancet veröffentlichte Studie [Yarosh D et al.: Lancet. 2001 24;357:926-9] bei Patienten mit der Erbkrankheit Xeroderma pigmentosum gezeigt.

Weil ein für die Beseitigung von Sonnenschäden wichtiges DNA-Reparatursystem fehlt, haben diese Patienten ein exzessiv erhöhtes Risiko, bereits in sehr frühem Alter Hautkrebs in den UV-exponierten Hautarealen zu entwickeln. Da diese Patienten von Kindheit an das Sonnenlicht meiden müssen, werden sie auch als Mondscheinkinder bezeichnet. Durch die lokale Applikation der in Liposomen eingebetteten T4N5-Endonuklease ließ sich in der doppelblind durchgeführten Studie die Hautkrebsrate in der Verumgruppe signifikant reduzieren.

Bei der FDA läuft zur Zeit ein Zulassungsverfahren für T4N5 zur Behandlung der Xeroderma pigmentosum.

Die in Sonnenschutzmitteln eingesetzte Photolyase ist auch ein Reparaturenzym, das UV-induzierte DNA-Brückenbildungen (Thymidindimere) fehlerfrei repariert.


 

DAZ:

Das klingt vielversprechend und spricht für den Einsatz entsprechender Sonnenschutzpräparate

 


 

Schwarz: Der Einsatz solcher Reparaturenzym-haltiger Präparate hat einen Haken. Er verleitet dazu, auf Schutzmaßnahmen zu verzichten und den Sonnenbrand mit entsprechenden After-Sun-Präparaten zu behandeln. Das ist gefährlich. Hier muss unbedingt aufgeklärt werden, denn eine 100%ige Reparatur aller Schäden ist auch von einer Photolyase nicht zu erwarten. Da die Photolyase zudem nicht den Status eines Arzneimittels hat, fehlen entsprechende Produkt- und Effizienzkontrollen. So gibt es bislang keine Untersuchungen, die zeigen, dass ein Photolyase-haltiges Sonnenschutzmittel besser schützt als das gleiche Reparaturenzym-freie Präparat. Empfehlenswert sind Präparate mit Reparaturenzymen nur als ergänzende Maßnahme zu einem konventionellen Sonnenschutz. Gleiches gilt für endogene Sonnenschutzpräparate wie Extrakte aus dem Farn Polypodium Leucotomos (Heliocare®). Überhaupt keinen Schutz bietet allerdings die Einnahme von Betacaroten.


DAZ:

Herr Professor Schwarz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 


 

Prof. Dr. med. Thomas Schwarz, Direktor der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie, Universitäts-Klinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Schittenhelmstr. 7, 24105 Kiel


Das Gespräch führte Dr. Doris Uhl

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