Fortbildung

Phytopharmaka bei Atemwegserkrankungen

Jeder Deutsche leidet durchschnittlich 3,75-mal pro Jahr an Atemwegserkrankungen. Viele dieser Patienten behandeln sich selbst – oft mit Phytopharmaka. Die wissenschaftliche Bewertung pflanzlicher Atemwegstherapeutika reicht von ganz schlecht bis erfolgversprechend. Apotheker sollten hier die Spreu vom Weizen unterscheiden können, um die Patienten gut zu beraten.

Phytopharmaka haben bei Atemwegserkrankungen folgende Hauptanwendungsgebiete: Sinusitis, Entzündungen in Mund und Rachen, Husten sowie Bronchitis. Keine Indikationen für pflanzliche Arzneimittel sind dagegen schwere Infektionen, Asthma, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Tuberkulose und bösartige Tumoren.

Rhinitis und Sinusitis

Menthol- und Campher-Präparate verbessern bei Schnupfen die Luftpassage nur subjektiv, indem sie Kälterezeptoren reizen. Sie bewirken keine Abschwellung der Nasenschleimhaut. Komplexe Ätherisch-Öl-Gemische aus Pfefferminz- und Eukalyptusöl haben neben der Reizung der Kälterezeptoren auch eine antimikrobielle Tendenz.

Entzündungen der Nasennebenhöhlen können mit einem Anisöl-Primelwurzel-haltigen Präparat (Sinuforton®) oder einem Kombinationspräparat aus Enzianwurzel, Schlüsselblumenblüten, Gartensauerampferkraut, Holunderblüten und Eisenkraut (Sinupret®) behandelt werden.

Schleimdrogen bei Rachenentzündungen und Husten

Bei Entzündungen des Hals-Rachen-Raums, aber auch bei Bronchitis werden pflanzliche Mucilaginosa angeboten. Sie wirken, indem sich die pflanzlichen Schleime (Polysaccharide) auf die entzündete Schleimhaut auflagern und abgehusteten Schleim ersetzen. Die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt beurteilte einige Drogen zur Behandlung von Katarrhen der Luftwege positiv (Tab. 1).

Die beschriebene Wirkung der Inhaltstoffe einiger Schleimdrogen wurde kürzlich in Ex-vivo-Versuchen an der Wangenschleimhaut von Schweinen nachgewiesen: So wurden beispielsweise Polysaccharide aus Eibisch isoliert, fluoreszenzmarkiert und zusammen mit der Schweineschleimhaut inkubiert. Am anhaltenden Leuchten des Epithels zeigte sich, dass die Polysaccharide gut auf der Schleimhaut hafteten.

Die hustenreizlindernde Wirkung eines Eibischwurzelextraktes wurde an Katzen gezeigt, denen im Rachen ein Nylonfaden implantiert worden war. Fundierte klinische Studien zu Eibisch-, Isländisch-Moos- oder Spitzwegerich-Präparaten, die die Wirksamkeit belegen könnten, gibt es nicht.

Mucilaginosa sind als Medizinprodukte zugelassen, weil sie ihre Wirkung überwiegend auf physikalischem Wege entfalten. Wer Halsentzündungen oder Hustenreiz mit Mucilaginosa bekämpfen will, sollte das Präparat häufig und hochdosiert einnehmen. So empfahl die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) ein Äquivalent von 3 bis 8 g Isländischem Moos pro Tag.

Das Abhusten fördern

Als Expektoranzien – Mittel, die die Schleimentfernung aus den oberen Luftwegen fördern – werden viele Phytopharmaka und Naturstoffe eingesetzt. Die meisten werden aus Ätherisch-Öl-Drogen oder Saponindrogen hergestellt (Tab. 2). Nach ihrer Wirkung unterteilt man Expektoranzien in:

  • Sekretolytika, die eine vermehrte Mucin-Sekretion aus den Becherzellen des Bronchialepithels bewirken und damit ein dünnflüssiges, besser abhustbares Sekret erzeugen (ätherische Öle, Saponine),
  • Sekretomotorika, die über eine vermehrte Ziliarbewegung den Abtransport des Schleims aus den Bronchien verbessern (ätherische Öle, β-Sympathomimetika, Saponine),
  • Mukolytika, die die Viskosität des Schleims durch eine Depolymerisation herabsetzen (Acetylcystein).
  • Surfactant-Stimulatoren (ätherische Öle, z.B. Cineol, Saponine).

Viele ätherische Öle haben antiphlogistische, antibakterielle oder spasmolytische Zusatzeffekte. Ihre Pharmakokinetik ist günstig; sie können inhalativ, oral oder kutan (Einreibesalben) gut aufgenommen werden. Allerdings sind bei ätherischen Ölen einige Nebenwirkungen zu beachten (Tab. 3).

Phytopharmaka mit guter klinischer Evidenz

Eine aussagekräftige klinische Studie wurde kürzlich für einen Primelwurzel-Thymian-Extrakt (Bronchicum® Tropfen) durchgeführt. 150 Patienten mit unbehandelter akuter Bronchitis bekamen randomisiert und doppelblind neun Tage lang entweder den Extrakt oder ein Plazebo. Zu den vorab klar definierten Zielparametern gehörte der Bronchitis Severity Score, der zu Beginn, nach 3 bis 5 und nach 6 bis 9 Tagen bestimmt wurde. Er war zu Beginn in beiden Patientengruppen vergleichbar, bei den beiden folgenden Terminen aber in der Verum-Gruppe signifikant niedriger als in der Plazebo-Gruppe. Am Ende der Behandlung waren 44 Extrakt-behandelte Patienten, aber nur vier Plazebo-behandelte Patienten beschwerdefrei.

Einige Wirksamkeitsnachweise aus klinischen Daten liegen auch zu Efeublätterextrakt (Prospan®) vor. In sechs Studien wurde der Extrakt bei Kindern mit Husten eingesetzt. Eine Studie davon beschäftigte sich mit chronischer Bronchitis (n = 99), eine andere mit Asthma (n = 24). Über die Sekretolyse hinaus scheint Efeublätterextrakt antimikrobiell und spasmolytisch zu wirken.

Mehr als Sekretolytika

1,8-Cineol (Eucalyptol) ist eine aus Eukalyptus- oder Teebaumblättern gewonnene Reinsubstanz. Sie wird in Form von Soledum® Kapseln angeboten. (Achtung: Soledum® Hustensaft und Hustentropfen enthalten dagegen Thymianextrakt.) 1,8-Cineol wirkt nicht nur sekretolytisch, sondern auch entzündungshemmend: Molekularpharmakologische Untersuchungen zeigten, dass es die Ausschüttung von Interleukin-1b und TNF-α hemmt. In einer Plazebo-kontrollierten Doppelblindstudie (n = 32) senkte die Einnahme von 1,8-Cineol über 12 Wochen bei einem Teil der Patienten mit steroidabhängigem Asthma die notwendige orale Steroiddosis.

Für Myrtol (Gelomyrtol®) sind sekretolytische und sekretomotorische Wirkungen beschrieben. Außerdem gibt es Hinweise auf eine Bronchospasmolyse und eine Hemmung der Leukotrien- und Prostaglandin-E2-Freisetzung. Das komplexe Gemisch mit den Leitsubstanzen Cineol, Limonen und α-Pinen erzielt gute pharmakokinetische Ergebnisse; die Inhaltsstoffe gelangen in hohem Maße ins Sputum.

Susanne Wasielewski, Münster

 

Quelle
Prof. Dr. Andreas Hensel, Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytoche- mie der Universität Münster, „Phytophar- maka bei Erkrankungen der Luftwege – was ist klinisch belegt?“, 10. April 2005, zentrale wissenschaftliche Vortrags- und Fortbildungstagung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe in Münster.

 

Tab. 1: Katarrhe der Luftwege – von der Kommission E positiv bewertete Drogen.

  • Eibischblätter, Eibischwurzel
  • Isländisches Moos
  • Malvenblätter, Malvenblüten
  • Sonnentaukraut
  • Huflattichblätter
  • Wollblumen
  • Spitzwegerichkraut

Tab. 2: Expektoranzien – von der Kommission E positiv bewertete Drogen.

Ätherisch-Öl-Drogen

  • Anis
  • Sternanis
  • Fenchel
  • Eukalyptusblätter
  • Kamillenblüten (nur antiphlogistisch)
  • Pfefferminzblätter (spasmolytisch)
  • Fichtensprosse
  • (Salbeiblätter)
  • Thymian

Saponindrogen

  • Efeublätter
  • Primelwurzel
  • Seifenwurzel
  • Senegawurzel

Tab. 3: Mögliche Nebenwirkungen von Ätherisch-Öl-Drogen, die als Expektoranzien eingesetzt werden.

 

  • Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus) und lebensbedrohliche Schleimhautschwellung im Kehlkopfbereich (Glottisödem) durch Campher und Menthol bei Säuglingen und Kleinkindern (daher Anwendung erst bei Kindern > 6 Jahren)
  • Bronchospasmus durch Reizung bei Inhalation (Kinder, Asthmatiker)
  • Kontaktdermatitis durch Sesquiterpenlacton-haltige Öle
  • Nierenreizungen durch β-Pinen
  • Allergie und Nierenentzündung durch 3-Caren-haltige Öle (Pinus, Eucalyptus)
  • Leberschäden durch hochdosiertes Thymol

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