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Wie sich die Apotheke erfolgreich behauptet

HANNOVER (diz). Die Apotheken haben schon ruhigere Zeiten als die heutige erlebt. Liberalisierungstendenzen und ein großer wirtschaftlicher Druck zwingen viele Apotheker zum Umdenken und zur Neuausrichtung. Apothekerin Magdalene Linz ist Anfang des Jahres als neue Präsidentin der Bundesapothekerkammer angetreten. Wir wollten von ihr wissen, wie sie die neuen Strömungen in der Pharmazie sieht und welchen Kurs die Bundesapothekerkammer unter ihrer Führung einschlägt.

 

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Frau Linz, Sie haben die Präsidentschaft in der Bundesapothekerkammer in einer nicht einfachen Zeit angetreten. Welche Aufgabe sehen Sie in den nächsten vier Jahren als Ihre größte Herausforderung? Was wollen Sie vorrangig anpacken?

Linz:

Die Apotheken müssen als breit angelegte Dienstleistungszentren mit Schwerpunkt Arzneimittel flächendeckend zur Verfügung stehen, die in erster Linie Patientenorientiert arbeiten, umfassend beraten und ihre Leistungen besser dokumentieren als bisher - dies sichert auf Dauer den wirtschaftlichen Erfolg und hilft uns gegen weitere Liberalisierungstendenzen.

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Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Baustellen, die bearbeitet werden müssen bzw. bei denen die Kolleginnen und Kollegen Richtungsvorgaben und Änderungen erwarten, zum Beispiel die Vertretung der Angestellten in der ABDA. Sie arbeiteten selbst einmal viele Jahre als Angestellte und waren sogar Vorsitzende im Tarifverband der Angestellten, damals BVA, heute ADEXA. Werden Sie sich in diese Richtung verstärkt engagieren?

Linz:

Aufgrund meiner früheren Tätigkeit ist gerade dieser Punkt tatsächlich ein wichtiges Anliegen im Rahmen meiner neuen Tätigkeit. Ohne qualifizierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - Apothekerinnen und Apotheker, PTAs und PKAs - können in der öffentlichen Apotheke und in der Krankenhausapotheke die umfassenden Dienstleistungen nicht angeboten werden. Sie müssen mit in die Verantwortung genommen und in die Inhalte und die Durchführung von neuen Konzepten und Verträgen eingebunden werden, sonst scheitern die Bemühungen zur Qualitätsoffensive.

In Kürze wird es Gespräche mit Vertretern von ADEXA und Angestellten aus weiteren Tätigkeitsbereichen auf BAK- und ABDA-Ebene geben. Auch der im letzten Jahr auf dem Apothekertag angenommene Antrag zur Gewinnung von Angestellten für die Berufspolitik wird z. B. in der Strukturkommission bearbeitet.

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Wollen Sie auch etwas dafür tun, dass sich die Kolleginnen und Kollegen in anderen Berufsfeldern wie Krankenhausapotheken, öffentlicher Dienst oder Bundeswehr besser in der ABDA vertreten fühlen?

Linz:

Apothekerinnen und Apotheker arbeiten in den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen, nicht nur in der öffentlichen Apotheke. Sie nehmen oft sehr verantwortungsvolle Aufgaben wahr und werden als Generalisten eingesetzt, z. B. im Gemeinsamen Bundesausschuss und im Bundesinstitut für Risikobewertung. Dies soll noch besser als bisher in die Öffentlichkeit transportiert werden. Auch der Apothekertag könnte ein Podium sein.

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Wie beurteilen Sie den mit der Barmer geschlossenen Integrationsvertrag? Raten Sie zum Mitmachen oder Abwarten? Sind Sie mit Ihrer Apotheke schon Barmer Hausapotheke? Sollten wir nicht allen Kunden solche Leistungen wie Interaktionschecks oder Arzneimitteldokumentationen anbieten?

Linz:

Der Barmer-Vertrag ist der erste dreiseitige Vertrag im Rahmen der Integrierten Versorgung. Wenn die Apotheker sich nicht ausreichend beteiligen und kein Erfolgsmodell daraus wird, dürfte es schwierig sein, in Zukunft noch Krankenkassen für Verträge mit Apotheken zu begeistern, vor allem nicht mit dem Deutschen Apothekerverband oder einzelnen Landesapothekerverbänden. Dann dürften Einzelverträge z. B. mit Versandapotheken oder Verträge mit Kooperationen an Boden gewinnen. Die vertraglich ausdrücklich vereinbarte Kooperation zwischen Ärzten und Apothekern ist ein weiterer Meilenstein in der Vertragslandschaft.

Selbstverständlich muss das Ziel sein, die Leistungen allen Versicherten anzubieten, zumal sie zu den Kerngebieten unserer Berufsausübung bereits vor dem Barmer-Vertrag gehörten. Es gibt bereits Erfolg versprechende Verhandlungen mit weiteren Krankenkassen. Ich gehöre mit meiner Apotheke auch zu den Barmer-Service-Apotheken und kann den Kolleginnen und Kollegen nur raten, sich ebenfalls zu beteiligen - trotz mancher sicherlich noch vorhandener Bedenken, die ich durchaus nachvollziehen kann.

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Wettbewerb über Dienstleistungen - ein Stichwort, das seit einiger Zeit intensiv diskutiert wird. Welche Position nehmen Sie dazu ein?

Linz:

Wettbewerb über Dienstleistungen passt wesentlich besser zur Apotheke und zum Heilberuf Apotheker als Wettbewerb über Dumpingpreise.

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Die Kammer in Niedersachsen wird in Zukunft auch Aufgaben übernehmen, die vorher von der Behörde ausgeführt wurden. Was sollen Ihrer Meinung nach Kammern für die Mitglieder sein - nur der verlängerte Arm des Staates oder Dienstleister für die Mitglieder?

Linz:

Beide Bereiche sind in Zukunft wichtiger Teil der Selbstverwaltung. Die niedersächsischen Kollegen sehen gerade in der Übernahme weiterer staatlicher Aufgaben durch die Apothekerkammer große Vorteile - der Dienstweg wird kürzer und die Bündelung unterschiedlicher Arten von Besichtigungen wird vereinfacht. Die Aufsicht wird aber auf jeden Fall weiterhin im notwendigen Maß durchgeführt - die Apothekerkammer ist keine "Bezirksregierung light".

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Stichwort zertifizierte Fortbildung. Im Moment kocht jede Kammer ihr eigenes Süppchen. Die Bedingungen für den Erwerb des Zertifikats sind sehr unterschiedlich, PTAs werden nicht überall berücksichtigt. Wäre eine Vereinheitlichung nicht sinnvoll und im Interesse des Berufsstandes?

Linz:

Selbstverständlich ist eine Vereinheitlichung erstrebenswert, und wir arbeiten im Vorstand der BAK daran, dieses Ziel in absehbarer Zukunft soweit wie möglich zu erreichen. Deutschland ist aber nun einmal ein föderaler Staat und es gibt regionale Besonderheiten. Wichtig ist für mich, dass das Fortbildungszertifikat für Apothekerinnen und Apotheker bereits in allen Kammerbereichen angeboten wird und dies hoffentlich bald auch für PTAs gilt.

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Die Entwicklung der Strukturen im Apothekenmarkt können der Bundesapothekerkammer nicht egal sein, konkret beim Thema Versandhandel. Das Kammergericht Berlin hat ein spektakuläres Urteil gesprochen, das Ausgangspunkt sein könnte, um den nicht auf deutschem Niveau stehenden Versandhandel aus den Niederlanden zu unterbinden. Wir haben den Eindruck, die ABDA verkennt diese Möglichkeiten und versucht die Bedeutung des Urteils herunterzuspielen. Welche Position nimmt hier die Bundesapothekerkammer als ABDA-Mitglied ein?

Linz:

Das bisher nicht rechtskräftige Urteil unterbindet den Versandhandel aus dem Ausland nicht, bestätigt aber die Bedenken, die wir Apotheker vor der Gesetzesänderung geäußert haben und sollte auch das BMGS und die Krankenkassen, die ihren Versicherten immer noch wärmstens den Bezug aus dem Ausland empfehlen, nachdenklich stimmen - ebenso wie die katastrophalen Ergebnisse der Sendung "Plusminus" und der Stiftung Warentest.

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Wie sehen Sie die Aktivitäten der Kolleginnen und Kollegen, die vermehrt bei ökonomischen und marktwirtschaftlichen Unternehmungen mitmachen wie Kooperationen, Rabattaktionen, Taler und Teilnahme an Punkte- und Bonusprogrammen?

Linz:

Der Satz: der größte Feind des Apothekers ist der Apotheker, stimmt leider auch in diesem Zusammenhang. Es wird angesichts der von Ihnen beschriebenen Tendenzen zunehmend schwerer, in politischen Gesprächen den Apothekerberuf als freien Heilberuf zu verteidigen, für den Unabhängigkeit ein ganz entscheidendes Kriterium ist. Die Kollegen, die aus Existenzangst zunehmend rein ökonomische Konzepte verfolgen - wie der übrige Einzelhandel auch - riskieren, dass sie bald in einer ähnlichen Situation sein werden wie gerade dieser Einzelhandel.

"Geiz ist geil" und die Schnäppchenmentalität nehmen bereits wieder ab - der Umsatz und besonders der Gewinn sind aber gerade wegen dieser übertriebenen Aktionen flächendeckend eingebrochen. Statt auf Anpassung an marktwirtschaftliche Konzepte zu setzen, die eine weitere Liberalisierung des Apothekensektors geradezu provozieren, sollte man sich lieber auf Unverwechselbarkeit und Individualität besinnen. Dies Konzept verspricht in meinen Augen wesentlich mehr Erfolg - in meiner Apotheke funktioniert es auf jeden Fall.

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Schauen Sie bitte einmal in die Glaskugel der Pharmazie und betätigen Sie sich hellseherisch: In welche Richtung wird sich die Apotheke und das Berufsbild des Apothekers entwickeln und was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft, in welche Richtung sich die Apotheke entwickeln sollte. Gibt es Chancen und wenn ja, wo liegen Sie?

Linz:

Ihre Frage habe ich in den vorherigen Antworten eigentlich bereits abgearbeitet. Ich bin fest davon überzeugt, dass die unabhängige, Patienten orientiert und auf hohem Niveau arbeitende Apotheke, die durch ihre Arbeit nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Volkswirtschaft einen Mehrwert darstellt, sich gegenüber allen anderen Vertriebsformen erfolgreich behaupten wird. Dies zeigen Erfahrungen aus dem Ausland, z. B. aus den USA, sehr deutlich.

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Frau Linz, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre Arbeit viel Erfolg.

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